Panorama

Nach 33 Jahren aus US-Haft frei Warum der Fall Söring besonders ist

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Nach mehr als drei Jahrzehnten verlässt Söring das Gefängnis.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der wegen Doppelmordes verurteilte Deutsche Jens Söring wird nach drei Jahrzehnten Haft in den USA entlassen und könnte nach Deutschland abgeschoben werden. Es ist ein Fall mit überraschender Wende. Was steckt dahinter?

Warum musste Jens Söring ins Gefängnis?

Söring wurde wegen des Doppelmordes an Derek und Nancy Haysom im Jahr 1985 zu zweimal 45 Jahren Gefängnis verurteilt und saß drei Jahrzehnte in US-Haft. Der Sohn eines deutschen Diplomaten soll in Bedfort County im Bundesstaat Virginia die Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom erstochen haben. Haysom soll ihn dazu angestiftet haben. Als der Verdacht auf ihn und seine Freundin fiel, flüchtete das Paar vor der Polizei ins Ausland und wurde später in Großbritannien gefasst. Söring war zum Tatzeitpunkt erst 18 Jahre alt. Fünf Jahre später erhielt er nach langem Rechtsstreit sein Urteil. Haysom wurde wegen Anstiftung zum Mord ebenfalls zu zweimal 45 Jahren Haft verurteilt. Der Deutsche hatte die Morde damals gestanden, später aber widerrufen. Vor Gericht erklärte er, er habe lediglich seine Freundin vor der Todesstrafe bewahren wollen und habe aus Liebe gehandelt. Sie habe die Tat verübt. Er sei fälschlicherweise davon ausgegangen, als Sohn eines deutschen Diplomaten Immunität zu genießen.

Mehr als sein halbes Leben saß der heute 53-Jährige hinter Gittern, er ließ den Kontakt nach Deutschland aber nie abreißen und telefonierte regelmäßig mit Unterstützern. Er veröffentlichte auch eigene Bücher über seinen Fall. Außerdem wurde ein Dokumentarfilm ("Das Verbrechen - Erste Liebe lebenslänglich") produziert.

Wie kam es zu seiner frühzeitigen Entlassung?

Nach drei Jahrzehnten kommt es zu einer spektakulären Wende, mit der wohl nur die wenigstens Beobachter gerechnet hatten. Am Montag entschied das für Begnadigungen in Virginia zuständige Gremium, Söring aus dem Gefängnis zu entlassen, ihn abzuschieben und mit einer Wiedereinreisesperre zu belegen. Am folgenden Tag wurde Söring vom Buckingham-Gefängnis in Virginia an die Einwanderungsbehörde ICE übergeben, die für Abschiebungen zuständig ist. Auch seine damalige Freundin wurde aus dem Gefängnis entlassen und soll nach Kanada abgeschoben werden. Die Freilassung erfolge wegen des jungen Alters des Paares zum Tatzeitpunkt, der guten Führung und der langen bereits abgesessenen Haftstrafe, so die Begründung. Eine umfassende Begnadigung lehnte der Gouverneur von Virginia allerdings ab.

Auch die deutsche Bundesregierung hatte sich für eine Freilassung auf Bewährung und eine Überstellung von Söring eingesetzt. Der Transatlantikkoordinator der Bundesregierung, Peter Beyer, sagte im Interview mit dem Deutschlandfunk: Die Faktenlage sei so, "dass einfach sehr viele Zweifel an seiner tatsächlichen Tatbeteiligung festgestellt werden konnten". Er stellte klar, dass Söring 1990 rechtskräftig verurteilt worden sei. Ob dies falsch gewesen sei, könne er nicht beurteilen.

Wann kommt Söring nach Deutschland?

Ob Söring nach Deutschland zurückkehrt, ließ das Auswärtige Amt zunächst offen. Nach der Entscheidung hat die Deutsche Botschaft nun Gespräche mit den Behörden in den USA aufgenommen. "Unsere Botschaft betreut Söring weiterhin konsularisch und steht bezüglich weiterer Schritte in engem Kontakt mit dem Rechtsanwalt sowie Behörden vor Ort", erklärt das Auswärtige Amt der Deutschen-Presse-Agentur.

Was sind Sörings Pläne?

Er kannte Jahrzehnte lang nur das isolierte Leben in einem Gefängnis. Am Telefon erzählte er seiner Unterstützerin Petra Herrmanns von seinen Wünschen: "Er träumt davon, nicht mehr stundenlang im Kreis laufen zu müssen. Einen Wald hat er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Wie wird es für ihn sein, ohne Begrenzung geradeaus joggen zu können? Es geht um all das, was für uns normal ist", sagte sie in einem Interview mit dem "Spiegel". Nach Angaben seines Rechtsbeistandes möchte Söring seine schriftstellerische Tätigkeit auch in Deutschland fortsetzen und weiter publizieren.

Gibt es vergleichbare Fälle?

Der Fall erinnert an die gebürtige Berlinerin Debra Milke, die nach 24 Jahren Gefängnis, davon 22 Jahre in der Todeszelle, im Jahr 2013 frei kam. Sie wurde im US-Bundesstaat Arizona wegen der Ermordung ihres Sohnes verurteilt. Doch eine direkte Verwicklung in die Tat konnte ihr nicht nachgewiesen werden. Nach mehr als zwei Jahrzehnten in US-Haft kippte ein Berufungsgericht das umstrittene Todesurteil. Der Grund: Das damalige Urteil stützte sich vor allem auf die Aussage eines Ermittlers, doch dieser war zuvor schon einmal wegen Falschaussage unter Eid aufgefallen. Milke sprach nach der Entscheidung des Gerichts von einem "Schandfleck in der Justizgeschichte Arizonas".

Quelle: ntv.de, mit dpa