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In deutschen Kreißsälen laufen nicht selten drei bis vier Geburten gleichzeitig  – betreut von nur einer Hebamme.
In deutschen Kreißsälen laufen nicht selten drei bis vier Geburten gleichzeitig – betreut von nur einer Hebamme.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 25. Juli 2017

Kreißsaal belegt, Geburt im Auto: Was Hebammenmangel wirklich bedeutet

Von Juliane Kipper

Frauen in Deutschland bekommen so viele Kinder wie lange nicht mehr. Doch während die Geburtenrate steigt, mangelt es bundesweit an Hebammen. Wegen Überfüllung werden Hochschwangere nicht selten von Krankenhäusern abgewiesen.

Julia Kerner kann ihre Wehen nicht länger unterdrücken und beginnt zu pressen. Bei der Geburt ihrer dritten Tochter ist die 34-Jährige auf sich alleine gestellt – weder ein Arzt noch eine Hebamme sind in Sicht. Lediglich ihr Freund, der eigentlich gerade losrennen will, um Hilfe zu holen, steht ihr bei. "Sie kommt. Bitte halte sie fest", ruft sie ihn zurück. Wenige Minuten später kommt die kleine Hanna auf einem Parkplatz vor dem Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin im Auto ihrer Eltern und ohne ärztliche Aufsicht zur Welt. Es ist 22.45 Uhr. Auf dem Parkplatz ist es stockdunkel.

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Als wenige Stunden zuvor die Fruchtblase der 34-Jährigen platzt, ist noch nicht abzusehen, dass die Geburt diesen Verlauf nehmen würde. Das Paar packt schnell die nötigsten Sachen für einen Klinikaufenthalt zusammen, bevor es sich auf den Weg in das Vivantes Klinikum nach Neukölln macht. Eine Stunde später werden im Krankenhaus die Herztöne des Babys und die Wehen der Mutter kontrolliert. Schon zu diesem Zeitpunkt fragt Kerner die behandelnde Ärztin, ob denn genügend Kreißsäle und eine Hebamme zur Verfügung stehen würden – ihre Frage hat einen besonderen Grund.

Die Geburtenrate in Deutschland steigt. Gleichzeitig herrscht bundesweit Hebammenmangel – deutsche Großstädte sind davon besonders betroffen. Dabei zeigen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes, dass die Zahl der Hebammen in Deutschland im Jahr 2015 leicht gestiegen ist. Insgesamt 10.919 Hebammen und Entbindungshelfer arbeiten vor zwei Jahren in deutschen Krankenhäusern. Aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor.

Eigenes Auto statt Krankentransport

Nach Angaben des Deutschen Hebammenverbandes betreut eine Hebamme pro Jahr etwa 100 Geburten. Zum Vergleich: Ihre Kolleginnen und Kollegen in Großbritannien und Norwegen betreuen lediglich rund 30. In deutschen Kreißsälen würden zudem nicht selten drei bis vier Geburten gleichzeitig laufen – betreut von nur einer Hebamme.

Bereits vor sieben Jahren brachte Julia Kerner im Vivantes Klinikum in Berlin Neukölln ihre erste Tochter zur Welt: auf einer Pritsche. "Dieses Mal wollte ich sichergehen, dass ein Kreißsaal frei ist. Ich wollte eine schöne Geburt erleben", sagt die 34-Jährige im Gespräch mit n-tv.de. Nach der Vorsorgeuntersuchung macht sich die Ärztin auf die Suche. Zu diesem Zeitpunkt glaubt Kerner noch nicht, dass sich die Geschehnisse von vor sieben Jahren wiederholen würden. Doch als die Ärztin zurückkommt heißt es, es stehe kein Kreißsaal für sie zur Verfügung. Sie müsse verlegt werden. Die Ärztin schlägt den Eltern vor, sie könnten auch gerne mit dem eigenen Auto fahren. Ihr Kind würde eh nicht in den nächsten zwei Stunden zur Welt kommen. Sie würden es auf jeden Fall noch rechtzeitig in das nächste Krankenhaus schaffen.

Als sich Kerner und ihr Freund auf den Weg in das Auguste-Viktoria-Klinikum machen, ist der Gebärmuttermund der 34-Jährigen bereits zwischen vier und fünf Zentimeter weit geöffnet. Alle drei Minuten hat die werdende Mutter Wehen.  "In dem Moment war ich ehrlichgesagt noch sehr froh darüber. Auf keinen Fall wollte ich mein Kind wieder auf einer Pritsche zur Welt bringen müssen." Kerner und ihr Freund vertrauen auf die Einschätzung der Ärztin. Ein bisschen komisch hätten sie es aber schon gefunden, mit geplatzter Fruchtblase weggeschickt zu werden. Die Überzeugung der Ärztin sollte sich dann auch als Irrtum erweisen.

Dass Kerner auf dem Parkplatz des Auguste-Viktoria-Klinikums mit ihrer Angst und dem Neugeborenen schließlich nicht vollkommen alleine zurückbleiben muss, hat sie nur einem glücklichen Zufall zu verdanken – eine Hebamme macht gerade Feierabend und kommt an dem Parkplatz vorbei. Sie handelt geistesgegenwärtig und beruhigt Kerner so lange, bis ihr Freund mit Unterstützung zurück ist. Kerner wird mit einer Bahre schließlich in einen Kreißsaal geschoben, in dem die Nachsorge stattfindet. Später werden die Angestellten dort sagen, sie hätte mit einer geplatzten Fruchtblase und einem so weit geöffneten Muttermund nicht weggeschickt werden dürfen.

Geburt ist nicht spurlos an der Familie vorbeigegangen

Doch die junge Mutter ist mit ihrer Geschichte nicht allein. Kerner weiß von mindestens vier anderen Frauen, die in Neukölln abgewiesen und ins Auguste-Viktoria-Klinikum verlegt wurden. Für sich selbst ist sie sicher: "Hätte die Ärztin in Neukölln die Lage von Anfang an richtig eingeschätzt, hätte ich meine Tochter nicht auf einem Parkplatz zur Welt bringen müssen." Der Vorwurf der 34-Jährigen fällt deswegen deutlich aus: "Im Prinzip hätte man uns nach der ersten Kontrolluntersuchung offen und ehrlich sagen müssen, dass wir in ein anderes Krankenhaus müssen."

Familie Kerner ist unheimlich sauer und wütend. Sie haben Anzeige erstattet und sich einen Anwalt genommen. Große Hoffnung haben sie mittlerweile aber nicht mehr. Ärzten in Deutschland Behandlungsfehler nachzuweisen sei sehr schwer – unversucht wollen sie es trotzdem nicht lassen, auch wenn Hanna sich glücklicherweise prächtig entwickelt.

Die Geburt ist nicht spurlos an der Familie vorbeigegangen. "Doch mental habe ich schon noch ein bisschen daran zu knabbern", sagt Kerner. Sie habe Angst um ihr Kind, und die Vorstellung was alles hätte passieren können, lasse sie nicht zur Ruhe kommen. "Ich heule alle fünf Minuten."

Quelle: n-tv.de