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Ein schönes Leben in Zweisamkeit Wenn der Kinderwunsch sich nicht erfüllt

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Kinderlos gleich unglücklich, so muss es keineswegs sein.

(Foto: imago stock&people)

Ein positiver Schwangerschaftstest, eine Geburt, den ersten Zahn des eigenen Kindes, Enkel – all das wird Franziska Ferber nicht erleben. Denn die 38-Jährige kann keine Kinder bekommen. Doch das bedeutet für sie nicht, auf ihr Lebensglück zu verzichten.

Sechs Millionen Menschen in Deutschland können nicht so einfach ein Kind bekommen, obwohl sie das gern wollen. Für zwei Millionen bleibt der Kinderwunsch sogar dauerhaft unerfüllt. Die Paare und Frauen, die das betrifft, leiden oft schmerzlich unter ihrem nicht erfüllbaren Kinderwunsch. Wie sich das anfühlt, weiß Franziska Ferber nur zu gut. Die 38-Jährige hat eine mehrjährige Kinderwunschbehandlung hinter sich, ohne dass sie Mutter wurde.

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Inzwischen freut sich Franziska Ferber, wenn in ihrem Freundeskreis ein Kind geboren wird.

Ferber ist inzwischen Coach für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch. Früher arbeitete sie für eine Unternehmensberatung. Der neue Job ist auch ein Ergebnis ihrer eigenen Kinderwunschbehandlung. Denn damit schaffte sie ein Angebot, wie sie es gern selbst in Anspruch genommen hätte, erzählt sie n-tv.de. "Ich kannte Coaching aus meinem beruflichen Umfeld. Mir hat das schon immer gefallen, dass man nicht groß rumlamentiert, sondern fragt: Es ist wie es ist, was machen wir jetzt damit?" Für eine psychotherapeutische Behandlung fühlte sie sich nicht 'krank' genug, sie suchte etwas Pragmatisches und schnell Umsetzbares. Und fand es in dieser Form nicht.

Gleichzeitig spürte sie, wie schwer es ist, darüber zu sprechen, dass man massive medizinische Hilfe in Anspruch nimmt, um schwanger zu werden. Wenn sie mit älteren Frauen spreche, höre sie oft: Früher war Kinderlosigkeit gar nicht so ein Tabuthema. Man habe sich mit den Tatsachen arrangieren müssen, wohl weil die medizinischen Möglichkeiten sehr begrenzt waren. "Heute hat man diese wahnsinnig vielen medizinischen Möglichkeiten, schon im Inland - und im Ausland noch viel mehr. Immerzu muss man sich fragen und eben auch fragen lassen, wie weit gehe ich für meinen Kinderwunsch?"

Eine ständige Wunde

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Ferbers Buch ist bei Eden Books erschienen und kostet 14,95 Euro.

Sie habe, Anfang 30, frisch verheiratet und ohne positiven Schwangerschaftstest, die Frage nach dem Nachwuchs immer mehr gefürchtet. Jahrelang hatte sie schon prophylaktisch Gründe parat, warum jetzt niemand mit einem Baby rechnen sollte – das nächste spannende Projekt, die Beförderung. Parallel dazu spritzte sie sich Hormone oder wartete auf Nachrichten aus der Kinderwunschpraxis, ob die Befruchtung der entnommenen Eizellen erfolgreich war. Selbst bei engen Freunden und gutgemeinten Fragen habe sie empfunden, wie ihre innere Wunde jedes Mal aufgerissen wurde.

Genauso geht es heute vielen ihrer Klientinnen, gerade vor Weihnachten oder im Sommer vor der Hochzeitssaison bekomme sie viele Anfragen. Auch wenn man den Ort seiner Kindheit verlassen hat - zu Festen trifft sich die Familie. "Dann fragt die Großmutter, wann denn die Urenkel kommen. Oder die Angst wächst, jemand aus der Verwandtschaft könnte spontan eine Schwangerschaft verkünden, während man das selber auch gern getan hätte."

In vielen familiären Konstellationen rate sie zu Offenheit im engen Familienkreis, sagt Ferber. Damit die Paare nicht noch mehr Druck bekämen. Das setze aber ein halbwegs intaktes Familienmiteinander voraus. "Es gibt andere Situationen, da versuche ich den Frauen Kräftigungsmaßnahmen mitzugeben und konkrete Antworten oder Verhaltenstipps zu erarbeiten, wie sie dann vor Ort damit umgehen können."

Was wäre wenn?

Allerdings sei es schon ein großer Unterschied, ob es noch um die Belastungen während der Kinderwunschbehandlung geht oder schon um den Abschied davon. "Bei denen, die mittendrin sind, geht es um eine Stärkung während der Wartezeit und Bewältigungsstrategien für die wieder und wieder enttäuschte Hoffnung. Sie hoffen, aber sie wissen nicht, ob es gut ausgehen wird. Da finde ich es oftmals eine gute Idee, mit ihnen einen Plan B auszuarbeiten. Die Frage ist: Was machen wir, wenn wir zum Zeitpunkt x feststellen, wir können nicht mehr oder das Kind wird nicht kommen?" Wenn sich mit der Erfüllung des Kinderwunsches nicht mehr das gesamte Lebensglück entscheidet, nehme das großen Druck von den Paaren.

Für Ferber bildete ein Kieferbruch eine Zäsur, den sie sich beim Sturz in der eigenen Küche zuzog. Sie war einfach umgefallen. Im Krankenhaus sagte man ihr, das die Medikamente, die sie in den Behandlungsphasen schluckte, in ihrem Fall als wahrscheinlichste Ursache gelten. Die Achterbahnfahrt zwischen "Hoffnungskurve" und "Trauerschleife" wird für Ferber und ihren Mann zunehmend zur Belastung. Sie setzen sich immer öfter damit auseinander, dass sie der gesellschaftlichen Erwartungshaltung an ein junges Paar nicht entsprechen werden. Hochzeit, Haus, Kinder - diesen Weg werden sie nicht gehen. Dieses Eingeständnis wirft für jedes Paar unendlich viele Fragen auf. Wie geht es mir – und uns - damit? Kann ich meine mütterlichen oder väterlichen Gefühle dennoch ausleben? Was brauche ich jetzt, was brauchen wir als Paar? Kann ich mir vielleicht die Kinder meiner Freunde mal ausleihen, damit ich manchmal Familie – im Guten wie im Schlechten – erlebe? Was mache ich mit meiner Zeit, wenn ich nicht mehr warte? Und wofür lebe ich – was ist mein Sinn, meine Aufgabe?

"Wir haben gemerkt, dass uns der unerfüllbare Kinderwunsch auch frei macht", sagt Ferber mit dem gewonnenen Abstand. "Das hat uns Selbstbewusstsein als Paar gegeben. Wenn wir es eh anders machen müssen, dann machen wir es so, wie es wirklich für uns passt." Ihren Klientinnen rät sie, sich Zeit zu nehmen, sich etwas zu gönnen, etwas Neues zu lernen oder einfach nach draußen zu gehen. Nichts davon ist leicht, weiß Ferber. "Ich habe das abgeschlossen und bin froh, dass ich das gut überstanden habe und wir das als Paar auch gut überlebt haben." Deshalb heißt auch ihr gerade erschienenes Buch "Unsere Glückszahl ist die Zwei". Sie selbst habe in den Jahren des Kinderwunsches vor allem eines gelernt, schreibt Ferber auf den letzten Seiten ihres Buches: "Glücklichsein ist lebbar, auch wenn sich die größten Träume nicht erfüllen."

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Quelle: n-tv.de

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