Panorama

Einnahme durch russische Truppen Wie gefährlich war das Feuer im AKW Saporischschja?

Die Sorge ist groß, dass Europas größtes Atomkraftwerk in Saporischschja bei der Einnahme durch russische Truppen so schwer beschädigt wird, dass es zu einem kritischen Störfall kommen könnte. Doch der Brand auf dem riesigen Gelände stellte offenbar nie eine Gefahr dar, stellen Experten fest.

In der vergangenen Nacht nahmen russische Truppen das Atomkraftwerk Saporischschja im Süden der Ukraine ein. Bei dem Angriff geriet eines der Gebäude der Anlage in Brand, was zu Befürchtungen führte, es könnte zu einem kritischen Störfall kommen. Der ukrainische Präsident Selenskyj sagte, Russland wolle offenbar die Tschernobyl-Katastrophe wiederholen. "Wenn es eine Explosion gibt, ist das das Ende von allem. Das Ende Europas." Doch Experten zufolge war die Situation in Saporischschja nie so dramatisch.

Der Leiter der internationalen Atombehörde (IAEA), Rafael Mariano Grossi, sagte auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz, das getroffene Gebäude sei nicht Teil der Reaktorblöcke, sondern eine Trainingseinrichtung. Zwei Menschen seien bei dem Angriff verletzt worden, wobei es sich um Angehörige des Sicherheitspersonals der Anlage handle.

Die lokalen Einsatzkräfte hätten das Feuer löschen können. Alle Sicherheitssysteme der insgesamt sechs Reaktoren seien nicht in Mitleidenschaft gezogen, kein radioaktives Material freigesetzt worden, so Grossi. Die Messgeräte seien ebenfalls unbeschädigt.

Von den Blöcken arbeite derzeit nur die Nummer 4 mit 67 Prozent seiner Kapazität. Reaktor 1 sei zu Wartungszwecken abgeschaltet, die Einheiten 2 und 3 befänden sich in der Sicherheitsabschaltung. Die Blöcke 5 und 6 seien zuvor schon in Reserve gewesen und arbeiteten normal im Standby-Modus.

Saporischschja sicherer als Tschernobyl und Fukushima

Vom Science Media Center gefragte australische Wissenschaftler geben ebenfalls Entwarnung. Die sechs Kernkraftreaktoren in Saporischschja seien nicht vom Typ Tschernobyl, sondern Druckwasserreaktoren, die 1980/86 gebaut worden seien, sagte Tony Irwin von der Australian National University.

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Im Gegensatz zu Tschernobyl umgäben die Reaktoren Sicherheitsbehälter, um jegliche Freisetzung von Radioaktivität zu verhindern. Und anders als Fukushima gäbe es separate Wasserkreisläufe zur Kühlung und zur Dampferzeugung. Außerdem verfüge Saporischschja über zusätzliche Notkühlsysteme, die im Falle eines Problems passiv Kühlwasser in die Reaktoren einleite. Hochdruck- und Niederdruck-Einspritzsysteme dienten dazu, eine Kernschmelze zu verhindern.

David Fletcher von der Universität Sydney bestätigt, dass die eigentliche Sorge keine Explosion wie in Tschernobyl ist, sondern die Beschädigung des Kühlsystems, das auch bei abgeschaltetem Reaktor erforderlich ist. "Es war diese Art von Schäden, die zum Unfall in Fukushima geführt haben."

Quelle: ntv.de, kwe

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