Panorama

Zum Rekord geschwitzt? "Wir haben Beispielloses erlebt"

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Der Weitersdorfer Dorfweiher in Bayern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Sommer der Extreme neigt sich seinem Ende. Zumindest für die Meteorologen endet die warme Jahreszeit nämlich am 31. August, kommenden Freitag. Kurz vorher hat es in den letzten Tagen sogar geschneit. Auf der Zugspitze fielen fast zehn Zentimeter Schnee. Auch das ist außergewöhnlich, oder?

Der n-tv Wetterexperte Björn Alexander

Der n-tv Wetterexperte Björn Alexander.

Eigentlich eher nicht. Denn auf der Zugspitze vergeht - statistisch gesehen - kaum ein Monat, in dem es nicht auch mal für Schnee reicht. Schließlich ist der höchste Berg Deutschlands knapp 3000 Meter hoch. Und mit der Höhe nimmt die Temperatur ja bekanntlich ab. Wenn es also am Fuße der Zugspitze in Garmisch auf rund 700 Metern laue Temperaturen gibt, dann kann es auf der Zugspitze bereits frostig sein. Pro 100 Höhenmeter verringert sich die Lufttemperatur nämlich um etwa ein Grad. Kurzum: Eigentlich ist es außergewöhnlich, wenn auf der Zugspitze - selbst im Sommer - nicht vorübergehend auch mal ein paar Flocken fallen.

n-tv.de: Wie lässt sich denn der Sommer 2018 einordnen? Jahrhundert-Sommer oder nicht?

Björn Alexander: Das Zepter des Jahrhundert-Sommers wird wahrscheinlich der Sommer 2003 behalten. Allerdings ist der Stichtag für die Sommerbilanz erst der kommenden Freitag, der letzte Augusttag. Und im Endeffekt wird es voraussichtlich für den ersten Platz um einige Zehntelgrade nicht reichen. Nichts desto trotz steht unser Sommer dem Jahrhundert-Sommer nur um wenig nach. Das gilt ebenfalls in Sachen Sonnenschein und Trockenheit. Dennoch haben wir aber in den vergangenen Monaten bislang Beispielloses erlebt.

Wieso?

Weil die Bilanz nach dem Jahrhundert-April, dem Jahrhundert-Mai und einem heißen fast Jahrhundert-Sommer (Juni, Juli, August) natürlich ebenfalls enorm außergewöhnlich ist. Der Zeitraum von April bis August war - gemessen am langjährigen Mittelwert - über 3,5 Grad zu warm. Das gab es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nie. Selbst in 2003 war dieser Zeitraum gut ein Grad kühler. Gleichzeitig zeigt diese Bilanz über fünf Monate aber ein frappierendes Bild.

Das heißt?

Dass wir seit Beginn der 1990-er Jahre eine kontinuierliche Zunahme der Durchschnittstemperaturen binnen dieser fünf Monate erleben. Somit sind nicht nur die Sommer immer wärmer geworden, sondern auch die Frühjahre - mit nur wenigen Ausnahmen. Ganz besonders warm zeigten sich - bezogen auf den Zeitraum von April bis August - übrigens die Jahre 2007, 2003 und 2018. Mit dem Blick zurück bis ins Jahr 1900 verliefen die fünf Monate lediglich 1947 ähnlich warm und trocken - im Vergleich zu diesem Jahr fehlt aber auch dem Jahr 1947 noch einiges.

Warum gibt es denn bei so eindeutigen Zahlen noch Leugner des Klimawandels?

Selbst wenn wir davon ausgehen könnten, dass unser Handeln hinsichtlich des Klimas folgenlos bleiben würde, bleibt aber doch die Problematik, dass wir im Umgang mit den natürlichen Ressourcen nicht zukunftsfähig agieren. Schon alleine aus diesem Grund verbietet sich eigentlich ein "Weiter-wie-bisher". Das ganze Diskutieren hält uns meines Erachtens vom eigentlichen Handeln ab.

Wie könnte das Handeln denn aussehen?

Ob es tatsächlich irgendwann einmal globale Lösungen gibt, kann ich nicht beurteilen. Doch jeder Einzelne kann schon etwas tun. Ein bisschen mehr Nachhaltigkeit in Bezug auf den eigenen Konsum und den Energieverbrauch wäre zumindest ein Anfang. Und vielleicht gelingt der Forschung und der Industrie ja irgendwann auch einmal der ganz große Wurf in Sachen Ressourcen-Management.

Welche langfristigen Trends lassen sich aus den vergangenen Monaten ableiten?

Langfristige Trends anhand von einzelnen Ereignissen abzuleiten ist schwierig. Eindeutig ist - wie die letzten drei Jahrzehnte zeigen - aber definitiv der Hang zu höheren Temperaturen. Weiterhin ist relativ klar, dass gerade der April als klassischer Übergangsmonat (Stichwort: Aprilwetter) mehr und mehr zum Sommermonat mutiert. Gleichzeitig finden eher gemäßigte und niederschlagsreiche Westwetterlagen immer weniger in den Übergangsmonaten statt und konzentrieren sich eher auf den Winter.

Und wie erklärt sich dann dieser Sommer?

Grundsätzlich erwärmen sich die Polregionen der Erde am schnellsten. Das hat zur Folge, dass die Temperaturunterschiede zwischen den Polen und dem Äquator geringer werden. Das hat ebenfalls Auswirkungen auf die wettersteuernden Strömungen und das Verhalten von Hochs und Tiefs. So lagen wir in den letzten Jahren tendenziell im Bereich von stabilen Tiefs über West- beziehungsweise Mitteleuropa, die neben schwül-warmen Temperaturen auch immer wieder reichlich Regen brachten. In diesem Jahr hielt hingegen ein Dauerhoch über West- und Nordeuropa die Tiefdruckgebiete auf Distanz. Eine blockierende Wetterlage, die im Prinzip bereits seit April anhält.

Und auch weitergeht?

Nach teils kräftigen Gewittern mit nennenswertem Regen zur Wochenmitte, stellt sich zum Wochenende die Wetterlage bereits wieder um. Damit geht es rasch erneut in das altbekannte Muster: Das nächste Hoch kommt, die Sonne überwiegt und die Trockenheit geht weiter. Die einzige Frage, die sich derzeit stellt, ist, wie schnell sich die damit einhergehende Erwärmung durchsetzt.

Welche Möglichkeiten gibt es?

Glaubt man den Großrechnern des englischen Wetterdienstes, dann startet das Wochenende noch eher frisch, bevor es in der nächsten Woche spätsommerlich warm wird. Die anderen Wettermodelle sehen die Spätsommerwärme bereits am Wochenende kommen.

Was bedeutet das konkret für die freien Tage?

Am Samstag südlich der Donau noch letzter Regen, der am Sonntag abklingt. Dann wird es vielerorts freundlich bis sonnig. Die Temperaturen: Glaubt man dem frischeren Ansatz, dann sind maximal 16 bis 23 Grad möglich. Die wärmeren Varianten bringen es dagegen schon wieder auf 18 bis 27 Grad.

Wie viel Wärme bringt uns der Sonntag?

Die warme Variante zeigt verbreitet 23 bis 28 Grad. Einzig an der Küste und im höheren Bergland sind es frischere 18 bis 22 Grad. Die kühleren Berechnungen bringen es aber auch schon auf 17 bis 27 Grad.

Und nächste Woche?

Der Spätsommer geht weiter und selbst Spitzenwerte bis um die 30 Grad sind stellenweise nicht auszuschließen. Ein durchgreifender Wetterwechsel ist nach jetzigem Stand nicht in Sicht. Derzeit deutet sogar sehr viel darauf hin, dass sich - ähnlich wie im April und Mai - eine äußerst stabile Hochdrucklage mit insgesamt warmer und vor allem extrem trockener Witterung aufbaut. Das deckt sich ebenfalls mit den Langfristmodellen, die sich immer mehr auf einen sehr trockenen September und einen immer noch trockeneren Oktober einschießen.

Quelle: n-tv.de