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Karl Lauterbach bei ntv "Wir haben ein großes Vollzugsproblem"

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Karl Lauterbach wünscht sich ein höheres Tempo bei den Booster-Impfungen.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach macht sich im Herbst für 2G in Innenräumen stark. Doch noch wichtiger findet er etwas anderes: "Wir kommen immer wieder mit neuen Regeln, aber die bestehenden Regeln werden nicht ausreichend kontrolliert", sagt er bei ntv.

ntv: Der Bundesgesundheitsminister hat gestern gesagt, drei Punkte seien wichtig: konsequent 3G, Tests in Alten- und Pflegeheimen und mehr Booster-Impfungen. Ist es das, was wir brauchen?

Karl Lauterbach: Im Großen und Ganzen: Ja. Wir haben nicht mehr sehr viele Möglichkeiten, die wir nutzen können. Dazu zählt auf jeden Fall die konsequente zusätzliche Nutzung der 2G-Regelung. Das bremst die Infektionsketten deutlich aus. Und dann müssen wir wirklich schnell boostern. Da müssen wir uns auch überlegen, wie wir die Impfzentren, in Teilen zumindest, reaktivieren. Und wir müssen wieder vorsichtiger sein. Wir sind jetzt in einer kritischen Situation. Wir werden ansonsten, in sehr kurzer Zeit, Schwierigkeiten auf unseren Intensivstationen nicht mehr verhindern können.

Sie fordern 2G, nicht 3G. Wieso bringt das so viel mehr?

In einer 2G-Situation ist es so: Diejenigen, die dort aufeinander treffen, beispielsweise in einem 2G-Restaurant oder in einem 2G-Café oder jeglicher öffentlichen 2G-Begegnung im Innenraum, - ich spreche immer nur über den Innenraum, nie über draußen - da gefährden sich diejenigen, die sich dort begegnen, viel weniger als wenn auch Ungeimpfte dabei sind. Bei den Geimpften ist der eine oder andere infiziert, das können wir jetzt nicht mehr verhindern, weil es ja auch Durchbruchsinfektionen gibt. Aber derjenige, der so infiziert ist, der infiziert erstens weniger andere. Und zum zweiten sind ja alle geimpft. Das heißt, wenn die dann erkranken, dann nur sehr geringfügig. Dort sind Todesfälle wirklich sehr viel rarer. Wenn jetzt aber viele Ungeimpfte dabei wären und ein Geimpfter steckt die Ungeimpften an, dann erkranken die Ungeimpften sehr schwer, auch wenn sie noch gar nicht so alt sind.

So eine 2G-Regelung müsste dann doch besser kontrolliert werden, oder?

Ja, das ist das größte Problem überhaupt. Wir kommen immer wieder mit neuen Regeln, aber die bestehenden Regeln werden nicht ausreichend kontrolliert. Es ist leider so, dass in vielen Restaurants die Zertifikate der Impfung überhaupt nicht abgefragt werden. Somit haben wir hier tatsächlich ein großes Vollzugsproblem und ich glaube, mental in der Bevölkerung ist der Eindruck entstanden, dass es jetzt noch einmal eine Welle gibt, aber dass es von alleine aufhört und dass die Krankenhäuser das schon irgendwie schaffen und diese Welle noch einmal versorgen können und es dann an Weihnachten vorbei wäre.

Es gibt Forderungen, diese großen Bund-Länder-Runden wieder aufleben zu lassen. Hendrik Wüst aus NRW fordert das jetzt. Ihr Parteikollege Michael Müller aus Berlin ist da eher skeptisch. Was ist Ihre Meinung?

Ich glaube, dass das Wichtige, was zu tun ist, jetzt bekannt ist. Das können die Länder ja tun, auch Herr Wüst kann das tun.

Viele Menschen fragen sich, wieso wir wieder diese hohen Zahlen haben. Zwei Drittel der Menschen sind ja geimpft, hat das gar nichts gebracht?

Ungefähr ein Drittel ist aber nicht geimpft und die Delta-Variante des Virus ist ungefähr sechsmal so ansteckend wie die Ursprungsvariante. Und somit kommen wir auf diese hohen Fallzahlen hinein. Das war bekannt, das Robert-Koch-Institut hatte das so vorhergesagt.

Was heißt das für Weihnachten? Glauben Sie, wir brauchen dann wieder Kontaktbeschränkungen?

Das weiß ich nicht, aber es kommt eben darauf an, was wir jetzt schaffen. Davon hängt es ab. Wenn wir die Kurve bekommen, 2G konsequenter einführen und auch kontrollieren und die Booster-Impfung sehr stark beschleunigen, dann kann es sein, dass sich das Ganze in den nächsten Wochen beruhigt und wir die Lage im Griff haben. Das kann durchaus sein. Es kann aber auch sein, dass es weitergeht.

In Lübeck sind Weihnachtsmärkte ohne Masken geplant. Wie sehen Sie das?

Weihnachtsmärkte draußen sind ja nicht das Problem. Wir sprechen über die Innenräume, die sind das Problem. Einfach ausgedrückt: Die 2G-Innenräume sind das, was wir jetzt brauchen. Damit tun sich aber einige Länder schwer. Wir brauchen da eine klare Verbesserung unserer Disziplin, sonst droht uns, dass wir in dieser Welle schlechter abschneiden als in den Wellen davor. Das muss man versuchen abzuwenden.

Wären kostenlose Schnelltests kein schönes Geschenk für die Bürgerinnen und Bürger an Weihnachten?

Diejenigen, die jetzt nicht geimpft sind und sich die Tests nicht leisten können oder nicht leisten wollen, würden, wenn es besser kontrolliert würde, in die Restaurants, in die Clubs und in Veranstaltungen gar nicht hereinkommen. Das ist, unter Infektionsschutzbedingungen, genau das, was man will. Man will einfach, dass die besonders gefährdete Gruppe weniger Kontakte hat.

Aber in der Familie bringt das ja nichts und auch Geimpfte würden sich ja gerne testen lassen, bevor sie Oma und Opa besuchen. Es gibt ja auch Impfdurchbrüche. Deshalb nochmal: Brauchen wir nicht wieder die kostenlosen Tests?

Ich bin der Meinung, wenn jemand die eigene Verwandtschaft besucht, ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass man sich dann testen lässt.

Mit Karl Lauterbach sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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