Panorama

Intensivarzt Janssens bei ntv "Wir sind noch in einer Belastungssituation"

056f9f93eccc9d6419faf9c7590aa5f2.jpg

Die Wahrscheinlichkeit, mit Omikron auf der Intensivstation zu landen, ist zwar geringer als bei vorherigen Varianten. Aber die Krise ist nach Ansicht von Uwe Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, noch nicht ausgestanden.

(Foto: dpa)

Bund und Länder lockern, bis Mitte März sollen die allermeisten Maßnahmen wegfallen. Intensivmediziner Janssens bereitet das Sorgen: Die Diskussion erwecke bei vielen Menschen den Eindruck, "es wäre mal wieder vorbei". Dabei ist die Lage auf den Stationen noch nicht entspannt.

ntv: Die Deutsche Krankenhausgesellschaft rechnet mit einer Entspannung auf den Intensivstationen, wenn sich die Gruppe der ungeimpften Ü60-Jährigen in den kommenden Wochen nicht vermehrt infiziert. Machen Sie sich da auch keine Sorgen mehr?

Uwe Janssens: Wir sind, was die stationären Aufnahmen betrifft, immer noch in einer Belastungssituation. Das hat auch nichts mit Alarmismus zu tun. Wir haben gerade auf den Normalstationen weiterhin zunehmend Patienten, die mit einer Covid-Erkrankung kommen, oder wegen anderer Erkrankungen aufgenommen werden und es sich plötzlich herausstellt, dass sie mit Sars-CoV-2 infiziert sind. Das belastet die Krankenhäuser enorm.

Inwiefern entlasten die Normalstationen die Intensivstationen?

Wir haben insgesamt in Deutschland einen ungefähren Anteil von zehn bis elf Prozent an Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Das ist tatsächlich deutlich weniger als im Herbst vergangenen Jahres. Aber die Intensivstationen sind nicht unbelegt, denn sie betreuen auch alle Patienten mit anderen schweren Erkrankungen. Es ist in dem Sinne keine Ruhe eingekehrt. Deshalb sind wir im Moment noch etwas abwartend, ob es zu einer neuen Dynamik bei den älteren Ungeimpften kommt, die sich vielleicht doch noch mit Omikron infizieren und mit einer Verzögerung auf der Intensivstation landen.

Wie ist momentan das Verhältnis zwischen Delta- und Omikron-Fällen auf den Intensivstationen?

Bei uns liegen ausschließlich Omikron-Fälle. Aber in den großen Kliniken, die auch über lange Zeit - mitunter bis zu 100 Tage - Covid-19-Patienten behandeln, sind auch noch Delta-Fälle dabei. In der Tat ist es so, dass Omikron-Fälle deutlich seltener intensivpflichtig sind. Wir gehen davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit nach einer Infektion mit der Omikron -Variante intensivpflichtig zu werden, um 80 Prozent reduziert ist.

Bund und Länder sprechen heute über Lockerungen. Kommt das zu früh?

Die Lockerungen kommen ja nicht morgen, sondern sind schrittweise für Mitte März vorgesehen. Es ist in der Tat richtig, in die Zukunft zu blicken. Aber - das ist meine persönliche Meinung - hier wird wieder die gesamte Ministerpräsidentenkonferenz überflüssig gemacht, weil einige Länder wie Bayern wieder einen eigenen Weg gehen. Zudem muss man ganz klar sagen: Diese Diskussion, die sehr pointiert geführt wird, erweckt bei vielen Menschen den Eindruck, es wäre mal wieder vorbei. Erinnern wir uns an letztes Jahr, als durch die Ankündigung, die epidemische Notlage von nationaler Tragweite Ende November auslaufen zulassen, suggeriert wurde, das Ende der Corona-Pandemie sei da. Und das mitten in einer aufsteigenden schweren Infektionswelle.

In einer ansteigenden Welle befinden wir uns aber zurzeit ja nicht ...

Wir haben tatsächlich, und das hat Minister Lauterbach auch gesagt, offensichtlich jetzt den Zenit der Omikron-Welle überschritten. Aber es ist noch nicht vorbei. Heute wieder über 180.000 Neuinfektionen und 247 gemeldete Todesfälle. Das heißt insgesamt, vorsichtig weitergehen, den Weg nicht verändern und nicht zu viele Diskussionen führen. Diese verschiedenen Meinungen verwirren die Menschen, und wenn die Länder jetzt schon eigene Wege gehen - brauchen wir dann diese Ministerpräsidentenkonferenz überhaupt, wenn das auf der Länderebene eh vorab beschlossen und geöffnet wird?

Welche geplanten Maßnahmen bereiten Ihnen denn am meisten Bauchschmerzen?

Wir brauchen weiterhin tatsächlich wirklich vorsichtiges Handeln, die Maske wird ganz wichtig sein, gerade in geschlossenen Räumen. Wenn wir jetzt lockern und sagen, im privaten Bereich können sich egal wie viele zusammen treffen, kann das das Infektionsgeschehen wieder vorantreiben. Wir werden eine Abnahme der Infektionszahlen sehen, aber lockert man zu schnell, wird das Abflachen der Infektionszahlen eher langsam verlaufen und gedehnt werden. Wenn man jetzt ganz schnell lockert und alles wieder aufmacht, wird das genau den gleichen Effekt haben, wie wir das in anderen Ländern in Europa jetzt sehen.

Dänemark hat zum Beispiel fast alle Maßnahmen zurückgefahren. Was sehen wir in diesen Ländern, die schon gelockert haben, auch mit Blick auf die Kliniken?

Wir sehen in Dänemark einen eindeutigen Anstieg der Hospitalisierungen. Innerhalb der vergangenen sieben Tage ergibt sich eine Krankenhausaufnahme von 45 auf 100.000 Einwohner - bei uns sind es knapp 6,0. Das ist dort also mehr als siebenmal so hoch. Und was noch viel wichtiger ist: Die Sterblichkeitsrate in Dänemark ist derzeit mehr als doppelt so hoch, wie das in Deutschland der Fall ist. Da muss doch irgendwo ein Zusammenhang hergestellt werden zu diesen Öffnungsmaßnahmen. Und sie haben auch höchste Infektionszahlen in Dänemark. Also, ich denke mal, das ist Ausdruck der Lockerungen, und da muss die Gesellschaft entscheiden, ob sie das will oder nicht. Die Politik ist gewählt von der Gesellschaft. Es geht nicht darum, dass wir alles beschränken wollen, es geht darum, dass wir so rasch wie möglich die Omikron-Welle nachhaltig beenden wollen. Und dafür sind diese Lockerungen, die jetzt seit Tagen diskutiert werden, vielleicht einen Ticken zu früh.

Mit Uwe Janssens und Nele Balgo

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen