Politik

"Sie werden mich hinrichten" Belarussischer Regimekritiker in Todesangst

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Die Ryanair-Maschine landete schließlich mit mehreren Stunden Verspätung ohne ihren Passagier Roman Protassewitsch in Vilnius.

(Foto: REUTERS)

In einem Akt von "Luftpiraterie" zwingt Belarus ein Flugzeug auf dem Weg zwischen zwei EU-Hauptstädten zur Landung, um eines Regimekritikers habhaft zu werden. Unter Berufung auf Augenzeugen berichtet ein Journalist vom Moment der Festnahme und der Todesangst des Oppositionellen.

Der belarussische Blogger und Regimekritiker Roman Protassewitsch fürchtete bei seiner Festnahme nach der erzwungenen Landung seines Flugs in Minsk einem Augenzeugenbericht zufolge um sein Leben. Der 26-Jährige habe gezittert, als die 171 Passagiere an Bord des Ryanairflugs von Athen in die litauische Hauptstadt Vilnius bei ihrem unfreiwilligen Stop in Belarus zum Aussteigen aufgefordert wurden. Tadeusz Giczan, der Chefredakteur der belarussischen Oppositionsplattform Nexta, für die auch Protassewitch gearbeitet hatte, veröffentlichte bei Twitter Fotos und Aussagen von Mitreisenden des Regimekritikers.

Demzufolge mussten alle Passagiere das Flugzeug in Minsk verlassen. Das Flugzeug war dort wegen eines angeblichen Bombenalarms zur Landung gezwungen worden. Mithilfe von Spürhunden sei das Gepäck aller Mitreisenden kontrolliert worden, berichtet Giczan unter Berufung auf den Sitznachbarn Protassewitschs. Dieser sei zunächst beiseite geführt worden. Sein Gepäck wurde auf die Landebahn geworfen. Auf die Frage von Mitreisenden, was los sei, habe Protassewitsch geantwortet: "Sie werden mich hier hinrichten." Er habe die ganze Zeit gezittert. Kurz darauf hätten Soldaten Protassewitsch abgeführt.

Laut den Informationen Giczans befanden sich belarussische KGB-Agenten seit dem Start in Athen an Bord der Ryanair-Maschine. Bereits vor dem Boarding sei Protassewitsch aufgefallen, dass er beobachtet und fotografiert worden sei. Die Agenten hätten im Luftraum über Belarus wegen eines angeblichen Bombenalarms eine Auseinandersetzung mit der Crew angezettelt und diese dazu gebracht, SOS zu funken. Anderen Berichten zufolge hatte die belarussische Flugsicherung die Besatzung alarmiert. Ein Kampfflugzeug des belarussischen Militärs war aufgestiegen und hatte das Flugzeug abgefangen und bis zur Landung in Minsk begleitet.

Auch die in Litauen im Exil lebende Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja fürchtet um das Leben Protassewitschs. "Ihm droht die Todesstrafe." Niemand, der durch den belarussischen Luftraum fliege, könne sich noch sicher fühlen. Die belarussischen Behörden hatten Protassewitsch im vergangenen November auf die Liste der "an terroristischen Aktivitäten beteiligten Personen" gesetzt.

Die erzwungene Notlandung des Ryanair-Flugzeugs und die Festnahme Protassewitschs löste einen internationalen Proteststurm aus. EU-Gipfel werden die Staats- und Regierungschefs der EU über mögliche neue Sanktionen gegen das Regime von Machthaber Lukaschenko beraten. Bundesaußenminister Heiko Maas verurteilte das belarussische Vorgehen mit scharfen Worten und forderte die Freilassung Protassewitschs. "Dass ein Flug zwischen zwei EU-Staaten unter dem Vorwand einer Bombendrohung zur Zwischenlandung gezwungen wurde, ist ein gravierender Eingriff in den zivilen Luftverkehr in Europa", erklärte Maas. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg forderte eine internationale Untersuchung des Vorfalls. Polens Regierung sprach von "staatlichem Terrorismus", Griechenland von "Luftpiraterie".

Quelle: ntv.de, mbo

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