Politik

Ex-Minister zu Amazonas-Bränden "Bolsonaro zerstört aktiv die Umwelt"

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Die brasilianische Umweltbehörde IBAMA ist in Brasilien für die Bekämpfung illegaler Rodungen sowie die Kontrolle der Waldbrände zuständig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Carlos Minc ist ehemaliger Umweltminister und einer der bekanntesten Umweltaktivisten Brasiliens. Als er in der Regierung saß, rief er den Amazonasfonds mit ins Leben, der die Region schützen soll. Die derzeitige Zerstörung des Regenwaldes in seiner Heimat beobachtet Minc mit Schrecken. Er hofft auf Hilfe aus dem Ausland. Gleichzeitig warnt er im Interview mit n-tv.de vor einem "internationalen Anspruch" auf die Region.

n-tv.de: Jair Bolsonaro ist noch kein ganzes Jahr Präsident. Wie viel Verantwortung trägt er für die dramatischen Brände und die Abholzungen im brasilianischen Amazonasgebiet?

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Carlos Minc war von 2008 bis 2010 Umweltminister Brasiliens.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Carlos Minc: Brasilien hatte mal eine Führungsrolle in Fragen des Umweltschutzes. Wir waren das erste Entwicklungsland, das es geschafft hat, einige Klimaschutzziele zu erreichen und CO2 zu reduzieren. Zwischen 2008 und 2010 haben wir die Abholzung des Amazonas um die Hälfte gesenkt. Bolsonaro hat es nun geschafft, all das in kürzester Zeit zu zerstören. Er macht unsere Klimaschutzmaßnahmen rückgängig und motiviert die Viehzüchter und Minenarbeiter, weitere Gebiete zu besetzen. Bolsonaro glaubt nicht, dass der Wald selbst irgendeinen Wert hat. Im Gegenteil: Er hält ihn für ein Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung Brasiliens. Das ist ein Trauerspiel.

Kann man denn Bolsonaro einen Vorwurf machen, wenn Brasilien jetzt kein Vorreiter mehr ist beim Klimaschutz und das Gebiet wirtschaftlich nutzen will?

Ich glaube wirklich, dass Bolsonaro die Umwelt aktiv zerstört. Er wollte zuerst das ganze Umweltministerium abschaffen. Wegen des großen Widerstands hat er es am Ende doch erhalten. Jetzt hat er einen Minister an die Spitze des Ministeriums gesetzt, der mit Umweltschutz nichts anfangen kann. Ricardo Salles hat bis heute keinen einzigen Ökologen in seinem Ministerium empfangen. Er spricht nur mit Minenarbeitern und anderen Interessenten, die das Amazonasgebiet wirtschaftlich nutzen wollen. An der Spitze des Umweltministeriums sitzt damit jemand, der die Umwelt hasst und den Klimawandel leugnet.

Wie nehmen die Brasilianer denn die Diskussion wahr?

Alle Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Brasilianer den Schutz des Amazonas befürwortet. Ihrer Meinung nach vernachlässigt die Regierung das Thema total. Hinzu kommt, dass 70 Prozent der Brasilianer es falsch finden, die Hilfsgelder aus dem Ausland abzulehnen. Die nationalistische Rhetorik Bolsonaros, der Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatsoberhäuptern anderer Länder Einmischung vorwirft, funktioniert nicht. Bolsonaro redet sich raus, indem er behauptet, er mache das alles nur, um das Land vor einer Invasion zu schützen. Die meisten Brasilianer kaufen ihm das nicht ab. Sie finden sogar, dass der Austausch wichtig ist. Bolsonaro aber spricht immer nur mit dem harten Kern seiner Unterstützer: einer Gruppe von rückständigen Personen mit einem totalitären Anspruch, ähnlich dem harten Kern der Anhänger von Hitler und Mussolini.

Aber hat nicht Bolsonaro recht mit seinem Vorwurf, dass sich andere Länder in die inneren Angelegenheiten Brasiliens einmischen?

Ich glaube, dass die Länder, die eine klare Vision haben, die vereinbarten Klimaziele mit Brasilien einfordern müssen. Die reichen Länder sollen und müssen Initiativen der Entwicklungsländer unterstützen. Sie dürfen aber nicht in ihre Souveränität eingreifen. Manche Worte von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron waren diesbezüglich sehr schlecht gewählt und sind Wasser auf die Mühlen von Bolsonaro.

Der daraufhin den Europäern vorwarf, sich wie Kolonialisten zu verhalten. Wie wird das in Brasilien wahrgenommen?

Es ist so: Die internationale Gemeinschaft muss nicht auf den Amazonas achten. Wer auf den Amazonas achten muss, sind wir. Und übrigens: Dieser internationale Anspruch auf das Amazonasgebiet, das ist genau die Argumentation, die Bolsonaro in die Karten spielt.

Was sollte die internationale Gemeinschaft stattdessen tun?

Genau das, was der Amazonasfonds getan hat: Unterstützung anbieten, aber auch Resultate fordern und die Ergebnisse analysieren, ohne sich dabei in innere Angelegenheiten einzumischen. Als wir den Amazonasfonds unterzeichnet haben, haben die Leute verstanden, dass die Klimafrage für die ganze Welt wichtig ist und reiche wie arme Länder gleichermaßen betrifft. Die Länder, die mehr Mittel haben, sollten nicht nur helfen, sondern sind sogar dazu verpflichtet. Und jetzt ist Bolsonaro dabei, das alles zu zerstören.

Was kann Europa dann tun, solange Bolsonaro Präsident ist?

Gemeinsam mit sechs weiteren ehemaligen brasilianischen Umweltministern habe ich dem Parlamentspräsidenten Rodrigo Maia kürzlich einige Vorschläge gemacht. Einer davon war, eine direkten Austausch zwischen dem brasilianischen und dem europäischen Parlament zu etablieren. Wenn Bolsonaro die Staatsoberhäupter Deutschlands und anderer Länder ignoriert oder schlecht behandelt, könnte das brasilianische Parlament dann direkt mit dem europäischen Parlament verhandeln. Ein zweiter Vorschlag ist, dass das Parlament die internationalen Verträge zu Klimaschutz und Biodiversität kontrolliert. Zurzeit erfüllt Brasilien wichtige Vereinbarungen nicht. Das ist eine Schande, eine Diskreditierung, die dieses Land nicht verdient.

Mit Carlos Minc sprach Clara Pfeffer

Quelle: n-tv.de

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