Politik

Bidens Mega-Vorsprung vor Trump "Das ist die 'fallendes Messer'-Strategie"

aa0b614f5c9736a5691766062a3513ea.jpg

Wird Demokrat Joe Biden der kommende Präsident der Vereinigten Staaten?

(Foto: AP)

Während US-Präsident Trump nach Argumenten für seine Wiederwahl sucht, liegt sein Herausforderer Joe Biden in allen Umfragen weit vorne. Der erfahrene Wahlkampfberater McKinnon erklärt im Interview, warum das so ist und was das für Deutschland bedeuten könnte. Mark McKinnon, der Mann mit dem Cowboy-Hut, ist ein alter Haudegen der US-amerikanischen Politik. Als Berater begleitete er viele Wahlkämpfe: Vorwahlen, Präsidentschafts-, Gouverneurs- und Senatswahlen. Was denkt er über das Duell Trump gegen Biden?

ntv: Herr McKinnon, Joe Biden führt in allen Umfragen. Hillary Clinton hatte das vor vier Jahren auch getan. Können wir den Umfragen diesmal trauen oder wird das am Ende ein einziges großes Déjà-vu?

Mark McKinnon: Wenn wir etwas in der amerikanischen Politik genau wissen, dann, dass jederzeit alles passieren kann. Was ich in all den Wahlkämpfen, in denen ich gearbeitet habe, gelernt habe, ist, dass es völlig egal ist, wo man in den Umfragen steht. Man muss immer so kämpfen, als läge man 20 Punkte zurück. Ich denke aber, Bidens Team weiß das. Die haben gesehen, was mit Hillary Clinton passiert ist; viele von denen hatten dort ja mitgearbeitet. Also die nehmen gar nichts als gegeben an, vor allem nicht in diesem Umfeld, dass sich so schnell verändern kann. Aber, all das gesagt - ich denke, sie sind ziemlich glücklich und zum Teil auch überrascht darüber, wie gut sie dastehen.

Ich nenne das die "Fang niemals ein fallendes Messer"-Strategie. Lass den Präsidenten machen, was er macht. Bleib im Keller und komm nicht raus, wenn Du nicht musst. Deshalb denke ich, es besteht eine große Möglichkeit, dass Joe Biden der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird. Zum Teil wegen Covid, das Thema unserer Zeit, der ganzen Welt. Das ist zum Test für Führungsqualität geworden und Donald Trump besteht den nicht besonders gut.

Biden verlässt seinen Keller kaum und liegt dennoch vorn. Wie hat er das hinbekommen, was ist da geschehen?

Ja, das ist wirklich interessant. Trump war 2016 als "Disruptor", als großer Zerstörer angetreten. Er stand für ultimative Veränderung, als die Wähler Veränderung wollten. Rückwärtsgewandte Veränderung. Sie wollten in eine Zeit zurück, als ihre Jobs vermeintlich nicht durch Einwanderung gefährdet waren. Die Ironie der Geschichte ist, dass Joe Biden nun für den Status Quo steht: Er war Vizepräsident, viele, viele Jahre Senator. Die Leute wissen genau, wer Biden ist.

Und jetzt, im Januar, war Trump wieder als der große Zerstörer angetreten. Das ist aber erstens schwer, wenn Du der Amtsinhaber bist, und vor allem, wenn Du Zerstörung willst, wenn das Land in einer ernsthaften Krise steckt. In der Krise wollen die Menschen klare, berechenbare und standhafte Führung, und die liefert Trump nicht. Aber gleichzeitig schauen sie auf Joe Biden und sagen, "oh ich kenne den. Ich erinnere mich. Wir hatten doch eine ziemlich gute Zeit unter Barack Obama und ihm. Der kennt das Regierungsgeschäft."

MCK_TIGHT.JPG

Der heute 65-jährige Mark McKinnon arbeitete für die Republikaner Georg W. Bush und John McCain, aber auch für Texas' letzte demokratische Gouverneurin Ann Richardson. Heute ist er einer der Co-Moderatoren der US-Doku-Reihe "The Circus - Inside then Greatest Political Show on Earth".

(Foto: Privat)

Biden verängstigt niemanden, auch wenn Trumps Wahlkampf diesen Eindruck zu erwecken versucht. Die Menschen sagen einfach, "das ist Joe Biden. Wie schlimm kann das schon werden." Die führen seinetwegen keine Freudentänze auf, aber er ist eine sichere Wahl in einer Zeit, in der man genau so etwas sucht.

Was ist Bidens Botschaft genau und braucht er überhaupt eine Botschaft? Oder reicht es, nicht Trump zu sein?

Gute Frage. Lassen Sie mich das auf zwei Wegen beantworten. Donald Trump ist ein Typ, der eine brillante und verständliche Botschaft hatte: "Make America Great Again". Ob Sie das gut fanden oder nicht, Sie wussten genau, was gemeint war. Aber in diesem Wahlkampf ringt er um einen Slogan. "Transition to Greatness" ist wirklich nicht gut und "Keep America Great Again" funktionierte nicht mehr, als Corona kam. Er krebst herum. Im Fernsehen ist Trump ein paar Mal gefragt worden, was er in einer zweiten Amtszeit erreichen wolle und er hatte keine Antwort. Soweit der erste Teil der Antwort.

Joe Biden könnte wahrscheinlich ohne eigenen Slogan gewinnen. Seine Botschaft heißt "ich bin nicht Trump". Aber er hat auch Themen: "Restore the Soul of America" und ähnlich wie damals, im Jahr 2000, bei meinem alten Boss Georg W. Bush: "Ich will wieder Ehre und Würde ins Weiße bringen". Das ist eine gute Botschaft. Sie hatte 2000 für uns funktioniert: Die Wirtschaft florierte, die Demokraten hatten einen guten Job gemacht. Aber viele Menschen waren nicht einverstanden mit dem kulturellen Wandel unter Bill Clinton, also riefen wir: "Restore Honor and Dignity". Das hat funktioniert. Aber vor allem setzt Biden auf das Thema Führung: "Ich kann das" und "ich weiß, wie man den Job macht".

Viel wird darüber diskutiert, ob Biden wirklich seine eigene Basis begeistert vor allem die Jungen, die Linke. Wie wichtig ist dieser Begeisterungsfaktor?

Das stimmt schon, dass viele nicht wirklich begeistert von Biden sind, aber sie sind absolut begeistert darüber, Donald Trump abzuwählen. Deshalb kann man nicht sagen, die Demokraten wären nicht mobilisiert. Sie sind mobilisiert: gegen Trump. Und glauben Sie mir, dies wird eine Rekord-Wahlbeteiligung. Auf beiden Seiten. Die Demokraten bleiben mit Sicherheit nicht zu Hause.

Die USA durchleben eine schwere Krise: Corona, Polizeigewalt, Rassenunruhen. Ist es da genug, einfach wieder nur die guten alten Zeiten zu versprechen? Oder braucht man neue Antworten?

Joe Biden hat diverse Ansätze gemacht und wird sein Programm auf dem Wahlparteitag Ende August detailliert vorstellen. Aber Sie haben Recht: er muss nach vorn schauen. Dies ist eine Zeit, anders als 2016, in der die Menschen wissen wollen, wie ihre Zukunft aussieht. Sie wollen sicherlich nicht alte Zeiten zwischen Schwarzen und Weißen und sie wollen keine Rückschritte bei der Gesundheitsversorgung und Covid. Ich denke, wir werden das auf dem Parteitag hören.

Wie wichtig wird Joe Bidens Wahl für den Posten der Vizepräsidentin? Er hat ja bereits gesagt, er werde in jedem Fall eine Frau nominieren.

Wichtiger denn je! Joe Biden hat neben seinen bedeutenden Stärken auch echte Schwächen: Er ist alt. Sehr alt. Da ist diese Wahrnehmung - und auch ein bisschen zurecht, dass er hier und da einen kleinen Aussetzer hat. Es gibt die berechtigte Erwartung, dass Biden, wenn er gewinnen würde, nur eine Amtszeit erfüllt. Deshalb werden die Wähler denken, dies könnte nicht nur unsere Vizepräsidentin werden, sondern auch die nächste Präsidentin - oder zumindest die Person, die dann auf demokratischer Seite antreten wird. Außerdem, sieht man Bidens Alter, es könnte tatsächlich ein Moment kommen, wo die Vizepräsidentin die Amtsgeschäfte übernehmen müsste. Aus gesundheitlichen oder was auch immer für Gründen. Deshalb wird diese Nominierung für die Vizepräsidentschaft die wichtigste, die je gemacht wurde.

Haben Sie eine Idee, wer es werden könnte?

Die gängige Meinung - und aus gutem Grund - ist Kamala Harris. Ich denke, es ist höchst unwahrscheinlich, dass sie es nicht wird. Sie erfüllt alle Anforderungen: Frau, schwarz, erfahren, zudem erfahren im Wahlkampf, auch auf nationaler Ebene. Sie ist absolute A-Klasse. Ich wäre überrascht, wenn sie es nicht würde.

Donald Trump hat so ziemlich alle Verbündeten vor den Kopf gestoßen. Könnte Joe Biden das Verhältnis zu Amerikas Alliierten wie Deutschland wieder reparieren?

Ich denke, es wird viel besser. Und sehr schnell viel besser. Ich denke, unsere Verbündeten wollen mit uns zusammenarbeiten. Und das ist eine der Stärken von Joe Biden. Als Vizepräsident hatte er Verbindungen zu allen Staats- und Regierungschefs, gute Verbindungen. Die kennen sich. Deshalb denke ich, das wird eine schnelle Rückkehr der Obama-Ära. Joe Biden wird sagen: "Ich kenne Euch, Ihr kennt mich. Lasst uns wieder zusammenarbeiten." Ich bin da sehr optimistisch.

Das Gespräch mit Mark McKinnon führte US-Korrespondent Peter Kleim, Washington D.C.

Quelle: ntv.de