Politik
Tim Foley: "Man rennt nicht weg!"
Tim Foley: "Man rennt nicht weg!"(Foto: Issio Ehrich)
Freitag, 16. März 2018

Privater Grenzschutz in Amerika: Der Harte, der Hund und die Wüste

Von Issio Ehrich, Arivaca

Tim Foley hat in Arizona eine private Grenzschutztruppe aufgebaut und den Drogenschmugglern im Grenzgebiet zu Mexiko den Kampf angesagt. Auf Flüchtlinge will er bei diesem Kampf keine Rücksicht nehmen.

Wir stoßen zum Kern unserer Diskussion, als wir durch "den Saum" fahren, den Ort, "an dem die meiste Scheiße abgeht". Wir, das sind Tim Foley, der Anführer der privaten Grenzschutztruppe Arizona Border Recon, dessen Hund Rocko und ich.

Der Saum liegt in der Wüste, ungefähr in der Mitte zwischen zwei Stationen der staatlichen US-Border-Patrol. Diese maximale Distanz zu den Behörden nutzen Drogenschmuggler aus, um ihre Ware von Mexiko in die USA zu bringen. Foley und seine 250 freiwilligen Helfer wollen das verhindern.

Hund Rocko weicht seinem Herrchen nicht von der Seite.
Hund Rocko weicht seinem Herrchen nicht von der Seite.(Foto: Issio Ehrich)

Eigentlich sollte Foley mir an diesem Tag vor allem zeigen, wie die Drogenkuriere arbeiten und wie er ihnen auf die Spur kommt. Das macht er auch. Er erklärt mir, wie er Fußabdrücke im Wüstensand liest. Er macht mich nervös, als er mir von den Scouts der Kartelle berichtet, die uns seinen Angaben zufolge von den Bergen in der Nähe aus "garantiert" auch in diesem Moment beobachten. Und er spottet über die offiziellen Grenzpolizisten, die mit ihrer Nine-to-five-Mentalität hier nichts ausrichten könnten. Foley und ich verzetteln uns aber auch immer wieder eine politische Grundsatzdiskussion. Dabei stehen zwei Fragen im Raum: Gibt es legitime Fluchtgründe? Und falls ja: Welche Mittel sind recht, um dem eigenen Elend zu entkommen?

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich reist derzeit durch Mexiko. Er begibt sich auf die Spuren von Migranten, die mit dem Ziel USA nach Norden drängen. Und er trifft die Menschen, die versuchen, genau das zu verhindern. In seinem Tagebuch berichtet er für n-tv.de regelmäßig von seinen Erlebnissen bei der Recherche.

Um zu verstehen, wie wir vom Kampf gegen den Drogenhandel zur Migration kommen, muss man wissen, dass diese im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA nur schwer voneinander zu trennen sind. Immer wieder bekomme ich auf beiden Seiten zu hören, dass die Kartelle kontrollieren, wer in die USA kommt. Flüchtlinge und Migranten müssten entweder einen hohen Preis zahlen, sich einen 20-Kilogramm-Rucksack mit Gras auf den Rücken schnallen oder sich die Taschen mit Meth und anderen Rauschmitteln vollstopfen. Angeblich würden Migranten, die sich darauf nicht einlassen und den Alleingang wagen, getötet. Ich weiß nicht, ob der Einfluss der Kartelle tatsächlich so groß ist. Ich weiß auch nicht, wie viele Migranten sich diesem Mechanismus trotz Risiken entziehen. Darauf kommt es bei unserer Diskussion aber auch nicht an.

"Das Leben ist scheiße, komme damit klar"

Zerstörter Stacheldrahtzaun: Drogenkuriere machen sich ihren Weg frei.
Zerstörter Stacheldrahtzaun: Drogenkuriere machen sich ihren Weg frei.(Foto: Issio Ehrich)

Foley schlägt mit der flachen Hand auf das Lenkrad seines Jeeps, als wir über eine der schmalen Schotterwege ruckeln. "Man rennt nicht weg", sagt er. Seiner Meinung nach müssen Menschen, die in ihrer Heimat unzufrieden sind, dafür kämpfen, dass es dort besser wird. "Die Leute sind viel zu weich geworden." Europäer und US-Amerikaner redeten sich unnötigerweise ein schlechtes Gewissen ein. Zu noch weniger Mitleid rät er bei Menschen, die bei ihrer Flucht auch Drogen transportieren, auch wenn das nur aus Verzweiflung geschieht. "Sie haben eine bewusste Entscheidung getroffen", sagt er.

Wenn Foley das Wort "Flüchtlinge" sagt, zeichnet er mit seinen Fingern gern Anführungszeichen in die Luft. Hilfsorganisationen, die Wasserrationen in der Wüste verteilen, weil Migranten dort immer wieder verdurstet sind, nennt er "Idioten".

Foley macht kein Geheimnis daraus, woher er seine Härte hat. Er habe selbst als Kind von Essenmarken gelebt, erzählt er mir. Und er habe seit seinem zwölften Lebensjahr gearbeitet. Prügel hätte es bei ihm oft gegeben, mitunter gar mit dem Kochlöffel. Von Politik und Medien fühlt er sich und so viele andere US-Amerikaner verkauft und verraten. "Das Leben ist scheiße, komme damit klar", sagt er.

"Wer flieht, ist eine Pussy"

Ich merke, dass ich Foley reize, als ich ihn frage, ob man als Bewohner eines der reichsten Länder der Welt nicht vorsichtig sein müsste mit solchen Vergleichen. Zumal in den USA auch kein Bürgerkrieg tobe. Ich vertrete den Standpunkt, dass die Welt nicht scheiße ist, aber verdammt ungerecht. Keiner darf sich aus der Verantwortung ziehen, schon gar nicht die Leute aus den USA und Europa. Und ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich auch für Menschen Mitleid empfinden kann, die aus ihrer existenziellen Not heraus fragwürdige Entscheidungen treffen.

Foley nennt Leute, die fliehen, "Feiglinge" und "Pussys". Er würde bis zum bitteren Ende für sich und sein Land kämpfen, auch wenn dieser Kampf aussichtslos wäre. Die Leute, so klagt er, würden immer häufiger danach fragen, was die Welt für sie tun könnte. Sie sollten sich besser darum kümmern, was sie für sich tun können.

Die Sonne über der Wüste Arizonas hat schon lange den Zenit überschritten, als wir uns darauf einigen, dass wir uns heute nicht einigen werden. Auf dem Weg zurück unterhalten Foley und ich uns über Kakteen, Klapperschlangen und Wildpferde. Hund Rocko döst auf der Ladefläche.

Quelle: n-tv.de