Politik

Sie zeigen es Lukaschenko Die mutigen Frauen von Minsk

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Bei den Protesten am Sonntag in Minsk.

(Foto: dpa)

Die Frauen spielen bei den Protesten gegen den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko eine besondere Rolle. Sie kämpfen nicht nur für ihre festgenommenen Männer, sondern reagieren auch auf die oft frauenfeindlichen Aussagen des Autokraten.

Seit fast zwei Monaten laufen nun die Proteste gegen den fragwürdigen Wahlsieg des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, der sich am Mittwoch klammheimlich vereidigen ließ. Inzwischen ist es eine feste Tradition, dass einen Tag vor der großen Aktion der Opposition am Sonntag ein Frauenmarsch stattfindet. Und zwar nicht nur in der Hauptstadt Minsk, sondern auch in weiteren belarussischen Städten. An diesem Samstag veranstalteten die Frauen einen Probelauf der Amtseinführung von Swetlana Tichanowskaja, der Kontrahentin von Lukaschenko und aus der Sicht einiger Oppositionellen der eigentlichen Wahlsiegerin. Die sogenannte "Volksvereidigung" erfolgte dann am Sonntag.

Eine Woche vorher, am 19. September, hatten die Sicherheitsbehörden beim Frauenmarsch mehr als 300 Menschen festgenommen und dabei besondere Härte gezeigt. Die Frauen wurden kompromisslos aus der Kolonne geschnappt und gleich in einen Polizeiwagen gebracht. Das hat die Demonstrantinnen nicht davon abgehalten, auch diesmal auf die Straße zu gehen. Wenig überraschend meldeten die belarussischen Menschenrechtler wieder rund 100 Festnahmen. Zu den festgenommenen zählte auch die 73-jährige Aktivistin Nina Baginskaja, die seit 30 Jahren an Aktionen der Opposition teilnimmt und zu einem der bekanntesten Gesichter der Proteste geworden ist.

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Die anfängliche Zurückhaltung ist dahin, mittlerweile gehen die Maskierten auch gegen Frauen brutal vor.

(Foto: AP)

Noch im Mai äußerte sich Alexander Lukaschenko hochnäsig über die belarussischen Frauen. "Unsere Verfassung ist nicht für die Frauen geschrieben", sagte er damals während eines Auftritts vor den Mitarbeitern einer Schlüsselfabrik. "Unsere Gesellschaft ist auch nicht reif genug, um für eine Frau abzustimmen. Ich bin mir sicher, dass ein Mann wieder Präsident wird." Damals lösten Lukaschenkos Worte nicht nur Diskussionen im Internet aus, sondern führten auch dazu, dass eine Minskerin den ewigen Präsidenten bei der Wahlkommission anzeigte. "Das ist eine Beleidigung für die Frauen des ganzen Landes", erklärte sie zur Begründung. Die Wahlkommission reagierte auf die Klage wie erwartet nicht.

Doch mittlerweile kann die Rolle der Frauen in der belarussischen Politik von der Staatsspitze kaum ignoriert werden. Für Lukaschenko muss vor allem dieser Teil des Protests eine Überraschung sein. Bei der Präsidentschaftswahl sah der heute 66-Jährige vor allem in der männlichen Konkurrenz eine Gefahr. Seine potenziellen Hauptkonkurrenten, der Bankier Wiktor Babariko und der Blogger Sergej Tichanowskij, wurden daher lange vor der Wahl festgenommen. Zugelassen wurde allerdings Tichanowskijs Frau und Englischlehrerin Swetlana, die ausdrücklich nur für ihren Mann kandidierte und vorher nichts mit der Politik zu tun hatte. Dann jedoch taten sich die Wahlkampfstäbe der anderen nichtzugelassenen oder festgenommenen Kandidaten mit Tichanowskaja zusammen - mit einem Frauentrio an der Spitze, zu dem neben Tichanowskaja auch Babarikos Wahlkampfmanagerin Marija Kolesnikowa, heute die wohl bekannteste Oppositionelle des Landes, gehörte.

Noch vor der Wahl hatten die drei Frauen für die größten politischen Demonstrationen in der Geschichte von Belarus gesorgt. "Das war auch für mich ein Wendepunkt", erzählt eine Teilnehmerin der Proteste aus Minsk ntv.de. "Auf der einen Seite die friedlichen Frauen, die lediglich faire Wahlen wollen. Auf der anderen Seite Lukaschenko, der einzig und alleine für seine persönliche Macht kämpft und sich stets frauenfeindlich äußert. Da wurde mir klar, welche Zukunft ich für mein Land will." Nach der Abstimmung am 9. August, als Swetlana Tichanowskaja Belarus unfreiwillig Richtung Litauen verlassen musste, konnten sich die Frauen auch selbst über diverse Telegram-Gruppen organisieren, wobei der Koordinierungsrat der Opposition, in dem Kolesnikowa eine führende Rolle spielte, gelegentlich dazu beitrug.

Wenige Tage nach der Wahl begannen die Frauen damit, Solidaritätsketten zu bauen. Sie trugen weiß, hielten Blumen in ihren Händen und wollten dadurch ihre Solidarität mit den Festgenommenen zeigen - in der Hoffnung, dass die Sicherheitsorgane nicht so heftig gegen die Frauen vorgehen würden. Proteste gab es einerseits vor den Untersuchungsgefängnissen, andererseits vor den Fabriken, um Streiks zu unterstützen. Die Hoffnung auf eine Zurückhaltung der Polizei erfüllte sich nur am Anfang. Mittlerweile machen die Behörden kaum einen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Doch nicht zuletzt wegen der Festnahme von Marija Kolesnikowa, die bis Anfang November in einem Untersuchungsgefängnis bleiben muss, hat sich die Einstellung von vielen Frauen verändert. Kolesnikowa sollte eigentlich zur Ausreise in die Ukraine gezwungen werden, hat jedoch ihren Pass vor dem Grenzübergang zerrissen und aus dem Auto über das Fenster geflohen. Eine Heldentat, wie die Demonstrantinnen von Minsk meinen.

"Natürlich ist es gefährlich", sagte eine weitere Demonstrantin dem russischen Portal MBK Media. "Aber wenn ich zu Hause bleibe, wird sich nichts ändern." Je härter die Sicherheitsbehörden gegen die Demonstrantinnen vorgehen, desto weniger hätten diese Angst, denn einen anderen Ausweg aus der Krise gäbe es schlicht nicht. "Unsere Söhne und Ehemänner haben es angefangen", meint Ljudmila, eine Frau im mittleren Alter, auf die Frage, warum die Frauen zum Gesicht der Proteste geworden sind. Nun sei man also quasi verpflichtet, in die Lücke zu springen. Tief sitzt aber auch der Frust über die Aussagen Lukaschenkos. Schließlich bilden die Frauen in Belarus mit rund 60 Prozent die klare Mehrheit unter den Wahlberechtigten, die mit den üblichen Beleidigungen nicht mehr klarkommen wollen.

Mittlerweile haben sich die Rollen in Belarus ein weiteres Mal gedreht. Es sind jetzt nicht nur Frauen, sondern oft Männer, die vor den Untersuchungsgefängnissen auf die Frauen warten. "Meine Freundin, eine Juristin, geht immer zum Frauenmarsch", sagte Witalij aus Minsk der unabhängigen Webseite TUT.by. "Nun wurde sie zum ersten Mal festgenommen. Ich habe mehrere Untersuchungsgefängnisse gecheckt und dann hat sie mir in einem aus dem zweiten Stock gewunken. Plötzlich wurde ich ruhiger. Und wenn sie doch nicht bald freigelassen wird, haben wir bereits einen Vertrag mit einem Anwalt."

Quelle: ntv.de

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