Politik

Wie wichtig ist Alexander Dugin? Dieser Anschlag "muss den Kreml schockieren"

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Ein russisches Aufklärungsteam untersucht den Ort, an dem Darja Dugina am Samstagabend zu Tode kam.

(Foto: IMAGO/Russian Look)

"Töten, töten, töten", fordert Alexander Dugin schon beim Angriff auf die Ukraine 2014. Doch sein Einfluss auf Putin ist damals und bleibt bis heute begrenzt. Ein anderer Faktor jedoch macht den Mord an seiner Tochter für den Kreml gefährlich.

Ungläubiges Entsetzen spricht aus den Gesten des Mannes, der in einem noch unbestätigten Video auf das lichterloh brennende Auto am Rand der Fahrbahn blickt. Es soll sich um Alexander Dugin handeln, Vater der bei einem Bombenanschlag am Samstag ums Leben gekommenen russischen Journalistin Darja Dugina. Nach Einschätzung vieler öffentlicher Stimmen war er es, dem der Sprengsatz unter dem Auto eigentlich galt.

Der Ultranationalist Dugin philosophiert schon seit Jahrzehnten über eine radikale Andersartigkeit der russischen Zivilisation, deren Werte aus seiner Sicht so weit wie möglich geopolitisch verbreitet werden müssen - gerne auch mit kriegerischen Mitteln. "Er war begeisterter Befürworter des Georgien-Kriegs 2008 und auch der Annexion der Krim 2014", sagt Ulrich Schmid, Professor für russische Kultur und Gesellschaft an der Universität Sankt Gallen. "Als damals im Mai ein Gewerkschaftshaus in Odessa brannte, hat Dugin in einem berühmten Video-Auftritt gesagt: 'Was wir jetzt tun müssen, ist töten, töten, töten'."

"Im Würgegriff des Liberalismus"

Entsprechend ist Dugin vom russischen Überfall auf die Ukraine begeistert, fordert gar eine neue Eskalationsstufe. Man solle nicht mehr von einer militärischen Spezialoperation sprechen, sondern der Krieg müsse offen als solcher geführt werden. "Sein Argument ist, dass die Ukraine sich im Würgegriff des verderblichen westlichen Liberalismus befindet und befreit werden muss", erklärt Schmid.

Der russische Inlandsgeheimdienst FSB machte am Montagnachmittag denn auch die Ukraine für den Anschlag auf Dugins Tochter verantwortlich. Die "Ermordung" von Darja Dugina sei "von ukrainischen Spezialeinsatzkräften vorbereitet und ausgeführt worden", zitieren russische Nachrichtenagenturen den FSB. Die Frau, die den Sprengsatz in dem Auto platziert habe, sei anschließend ins EU-Land Estland geflohen.

Noch deutlich schneller war der Chef der russischen Marionettenregierung in der "Volksrepublik Donezk", Denis Puschilin: Er machte die Ukraine schon am Sonntag für den Anschlag auf Dugins Tochter verantwortlich. "Terroristen des ukrainischen Regimes haben versucht, Alexander Dugin zu liquidieren, aber seine Tochter in die Luft gesprengt", erklärte Puschilin auf Telegram.

Putin hält Distanz zu Dugin

Wenn Dugin in der Berichterstattung jedoch als Einflüsterer, Berater oder gar "Gehirn" hinter Wladimir Putin dargestellt wird, so ist das laut Russland-Experte Schmid wesentlich zu hoch gegriffen. "Er ist kein Stichwortgeber für eine der Parteien in der Duma, dem russischen Parlament, und der Kreml und Putin halten sorgfältig Distanz zu Dugin."

Gemessen an den Zerstörungsphantasien des ultrarechten Philosophen war Putin in seinen Augen noch nie radikal genug. Einem einflussreichen Kreml-Berater wie Wladislaw Surkow wirft Dugin seit Jahren vor, er würde ideologische Inhalte nur benutzen, um die eigene Macht zu stabilisieren - Ideologie als Mittel zum Zweck.

Ein "Neurussland" an der ukrainischen Küste

Was Russland nun in der Ukraine versucht, fordert der 60-jährige Ultranationalist schon seit Jahrzehnten: "Insbesondere die gesamte ukrainische Schwarzmeerregion müsse unter russische Kontrolle kommen, sei es durch eine Angliederung, eine Annexion an die Russische Föderation oder eben die Schaffung eines neuen Pseudo-Staates Neurussland 'Noworossija'", beschreibt der Osteuropa-Analyst Andreas Umland Dugins Visionen im Schweizer Sender SRF.

Doch auch wenn Dugins tatsächlicher Einfluss auf den Kreml begrenzt ist: Die Ermordung seiner Tochter trifft die russische Regierung empfindlich. Sind es doch Sicherheit und Stabilität, die Putin der russischen Bevölkerung garantiert hat. "Dass ein solcher, offenbar sehr professionell ausgeführter Mordanschlag möglich ist, wenige Kilometer von Moskau entfernt, im Zentrum der Macht, muss den Kreml schockieren", so die Einschätzung des Russland-Experten Schmid.

"Für das Land ist das eine Niederlage"

Der Anschlag signalisiert demnach auch gegenüber der Öffentlichkeit, dass die russischen Behörden nicht in der Lage sind, Personen, die eine sehr konservative Agenda vortragen, adäquat zu schützen. "Der Anschlag führt die Verletzlichkeit von Ideologen im Machtzentrum Russlands vor Augen", sagt Schmid. "Für das Land ist das eine Niederlage."

Doch nicht nur das russische Regime wird vom Anschlag auf Darja Dugina getroffen. Die russische Bevölkerung büßt mit diesem Anschlag die Illusion ein, der Krieg in der Ukraine sei fern von ihr und betreffe sie folglich kaum. "Diejenigen, die diesen Anschlag ausgeführt haben, zeigen sehr deutlich: Russland kann nicht einfach einen undeklarierten Krieg in der Ukraine führen und glauben, dass er nicht auch auf russisches Territorium getragen wird", so Ulrich Schmid. Mit der Zerstörungswut, die russische Truppen in der Ukraine ausleben, sind nun auch die Russen selbst konfrontiert.

Quelle: ntv.de

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