Politik

Phänomen Margot Honecker "Diktaturen brauchen Menschen wie sie"

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Margot Honecker 2010 auf der Beerdigung von Luis Corvalan.

(Foto: picture alliance / dpa)

Viermal trifft Nils Ole Oermann sich mit Margot Honecker in deren Exil in Chile, spricht mit der früheren Volksbildungsministerin der DDR über ihr Leben, ihre Ansichten. Zuletzt sieht er Honecker vier Wochen vor ihrem Tod.

n-tv.de: Von Margot Honecker war bekannt, dass sie kein besonders großes Interesse daran hatte, mit Menschen außerhalb ihres Kreises zu sprechen. Wie sind Sie mit ihr in Kontakt gekommen?

Nils Ole Oermann: Ich bin ihr über einen gemeinsamen Bekannten begegnet, der ihren Klassenstandpunkt auch teilte. Ich war 2013 als Reisender in Chile und bat ihn, Margot Honecker zu fragen, ob ich sie besuchen könne. Darauf sagte sie: "Freundliche Menschen sind hier immer willkommen." Daraufhin habe ich sie besucht. Aber sie hat auch immer klargemacht, wenn ich Journalist gewesen wäre und kein Wissenschaftler, hätte sie sich nie mit mir getroffen. Sie hat mir vertraut, weil ich mich stets an unsere Absprachen gehalten habe.

Welche waren das?

Ich bin in den Fragen hart, aber fair mit ihr umgegangen, und ich habe nichts zu ihren Lebzeiten veröffentlicht. Ich glaube, das schätzte sie. Und dass ich versucht habe, zu verstehen, was in ihrem Kopf vorgeht. Aber es war schon klar: Wenn ich vier Mal hinkomme und ihr Fragen zur Volksbildung der DDR und ihren politischen Ansichten stelle, dann verwende ich das auch.

Warum wollten Sie Margot Honecker sprechen?

Mein Ansatz war, dass man an Margot Honecker sehen kann, was eine Ideologie mit Menschen macht, die eine Sache für wahr halten und alles andere für falsch. Und was diese Menschen bereit sind mit anderen Menschen zu machen.

Sie haben in England als Historiker promoviert und sind interessiert an den biografischen Ansätzen politischer Figuren. Zu welchen Erkenntnissen haben Ihnen die Begegnungen mit Margot Honecker verholfen?

Ich hatte ja nicht vor, über sie eine wissenschaftliche Biografie zu schreiben. Aber wenn man sich fragt, warum die DDR 40 Jahre lang irgendwie funktioniert hat, muss man sich nur das Handeln dieser Frau ansehen. Margot Honecker war eine Preußin, sie legte größten Wert auf Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit, Fleiß und Konsequenz. Das sind alles Eigenschaften, die einem zugutekommen, wenn man ein System stabilisieren muss. Sie wählte die Volksbildung, weil sie, wie sie es formulierte, die Jugend für sich gewinnen wollte. Dabei ging es darum, keinen Widerspruch zuzulassen. All diese privaten Eigenschaften hat sie auch konsequent politisch umgesetzt. Nachdem ich sie getroffen hatte, war mir klar, wie ein Staat, der ab den 1970er-Jahren größte ökonomische Probleme hatte, so lange noch bestehen konnte. Sie hat ja nicht nur so gedacht, sie hat das auch gelebt. Diktaturen brauchen Menschen wie Margot Honecker.

Wie lebte sie in Chile?

Das Haus, in dem sie wohnt, hatte ihre Tochter Anfang der 1990er-Jahre gekauft, es hatte deutlich über 100 Quadratmeter. Es war weder protzig noch billig, nicht nobel, aber gutbürgerlich. Jedenfalls war es nicht so, wie man es von einer Diktatorenwitwe hätte erwarten können, sondern eher so wie in der Waldsiedlung in Wandlitz. Oben lagen die Schlafzimmer, von denen eines Erich Honecker für sich hatte, nachdem er aus der Haft entlassen worden war und direkt nach Chile kam. Ich würde es als eine Mischung aus chilenischem Stil, also helle Möbel und ein üppiger Garten, und ostdeutsch retro beschreiben. Alles war sehr ordentlich und gepflegt.

Haben Sie über Erich Honecker gesprochen?

Sehr wenig. Ihr war es besonders wichtig, als eigenständige Persönlichkeit, als berufstätige Frau und Ministerin wahrgenommen zu werden. Das haben ja westdeutsche Journalisten regelmäßig zu spüren bekommen, wenn sie ihre Fragenkataloge schickten und schnippische Briefe zurückbekamen. Sie wollte in ihrer ganzen Karriere betont wissen, dass sie ihren eigenen Weg gemacht hat. Man könnte sagen, dass sie ihn ohne Honecker so nicht gemacht hätte und ihn deshalb geheiratet hat, aber sie klammerte das konsequent aus. Sie war keine Intellektuelle, aber sie war bauernschlau und Erich Honecker wohl überlegen. Sie wollte über Volksbildung reden und nicht über ihren Mann.

Warum ist Bildung ihr Thema geworden?

Sie schätzte Bildung sehr, weil sie die formale Bildung selbst nicht hatte. Sie wäre gern Lehrerin geworden, das hat während des Krieges nicht geklappt. Sie wurde dann während des Zweiten Weltkrieges in Schlesien Telefonistin und danach direkt Parteifunktionärin. Dazu kam, dass Bildung für sie einen klaren politischen Auftrag hatte. Für sie ging es dabei nicht um die Erweiterung des eigenen Horizontes. Sie wollte Personen bilden, die die Diktatur des Proletariats ohne Wenn und Aber durchsetzen. Es ging also nicht nur um Lesen und Schreiben, sondern immer auch um Systemstabilisierung. Das war ihr Portfolio, deshalb hat sie auch nie ein anderes Amt angestrebt.

Sie haben sie als Privatperson kennengelernt. Was war sie für ein Mensch?

Sie war unbeirrt, eine bekennende Stalinistin, stur, fast starrsinnig. Wenn man es positiv sagen will: konsequent. Als ich am 5. April 2016, einen Monat vor ihrem Tod, in ihr Zimmer kam, lag auf dem Bett die "Rote Fahne", die Zeitung der MLPD. In ihr Sterbezimmer bei ihrer Tochter Sonja hatte sie Bücher zum Sozialistengesetz und zur Geschichte der Arbeiterbewegung mitgenommen. Selbst im Angesicht des Todes wich sie nicht zurück. Dafür könnte man sie fast bewundern, bis zu dem Moment, wo man sich klarmacht, was diese Konsequenz für andere Menschen für Folgen hatte. Ich habe mir vorher gedacht, wie sie wohl sein würde. Sie war genauso, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Das live zu erleben, war schon eigenartig.

Andererseits beschreiben Sie sie im Buch auch als freundlich gegenüber ihrem Enkel und der Tochter.

Das ist halt die Janusgesichtigkeit, sie war schon auch ein Familienmensch, erzählte von ihrer Familie und fragte nach meiner. Aber keine Minute später erzählte sie eben, dass die jungen Leute in den Jugendwerkhöfen alles Banditen waren. Und im nächsten Moment fragte sie, ob man noch Kaffee möchte und nötigt einen, mehr Kekse zu essen. Im Umgang freundlich, aber absolut kalt, wenn es um die Dimension Freund oder Feind geht. Das ist dahingehend erschreckend, dass Frau Honecker keine Sekunde gezögert hätte und auch kein Mitleid mit mir gehabt hätte, wenn sie mich 30 Jahre zuvor als Klassenfeind wahrgenommen hätte. Wir unterhielten uns über Gorbatschow, sie regte sich schrecklich auf und sagt dann, das sei ein ganz übler Konterrevolutionär. Ich habe gefragt: Was macht man mit Konterrevolutionären? Sie öffnete so die Hand nach außen und sagte: "Tja." Wir wussten beide, dass sie Erschießen meinte.

War sie einsam?

Nein, das war sie nicht. Margot Honecker sprach kein Spanisch, es gab einen Computer, an dem sie mehrere Stunden am Tag saß, um mit den Genossen in Deutschland in Kontakt zu bleiben. So konnte sie mit dem Kopf in Deutschland sein. Ich würde sagen, sie hatte Heimweh. Auf die Frage, was sie am meisten vermisse, hat sie mir gesagt, den Wald und den Geruch von Pilzen. Aber sie hatte die Familie und auch Freunde.  Das Verhältnis zu ihrer Tochter oder ihrem Enkel, der übrigens viele ihrer politischen Ansichten gar nicht teilt, war jedoch auch nicht spannungsfrei. Das Verhältnis zu Erich Honecker war das ebenfalls nicht. Aber dazu sagte sie: "Das ist die Familie, da steht man halt dazu." Sie hat sich trotz der großen Probleme in der Ehe nie scheiden lassen. So hat sie das bei ihrem Land gesehen, und so hat sie das auch bei ihrer Familie gesehen. Sie redete nicht besonders liebevoll über ihre nächsten Verwandten, aber sie war ihnen gegenüber loyal. Und umgekehrt war das genauso. Sie war beispielsweise sehr froh, dass sich der geschiedene Mann ihrer Tochter auch um sie kümmerte. Ich habe das als nicht besonders emotionale Zweckgemeinschaft gesehen. 

Gab es irgendeine Person, über die sie sich wertschätzend geäußert hat?

Ja, über den Pfarrer Uwe Holmer, der die Honeckers nach der Krebsoperation von Erich Honecker im Januar 1990 in Lobetal aufgenommen hat, als sie quasi obdachlos waren. Dem war sie sehr verbunden und schrieb ihm bis 2016 noch Briefe, die sie mit "Ihre dankbare Margot Honecker" unterzeichnete. Als alle anderen von ihr und ihrem Mann abrückten, hatte Holmer ihr Asyl gegeben. Aber auch da gab es wieder die andere Seite. Von Holmers zehn Kindern durfte keines in der DDR Abitur machen, weil sie Pfarrerskinder waren. Darauf sagte sie nur: "Es kann eben nicht jeder Abitur machen."

Sie haben sie am 5. April zuletzt getroffen. Waren Sie trotzdem überrascht von der Todesnachricht?

Nein. Ich habe sie bereits so erlebt, dass sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Ich hatte erwartet, dass sie schwer krank, vielleicht ausgemergelt sein würde. Das war sie nicht. Sie konnte im Bett aufrecht sitzen und lesen, war auch wie immer sehr adrett angezogen. Aber sie konnte nicht mehr aufstehen. Unser Gespräch war beendet, als sie eine neue Dosis Morphium bekam. Bis dahin war sie völlig klar, auch kein bisschen altersdement. Da habe ich eins und eins zusammengezählt und wir haben uns auch verabschiedet in dem Wissen, dass das unsere letzte Begegnung war.

Mit Nils Ole Oermann sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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