Politik

Wo ist die "stille Mehrheit"? Eine Siegerqualität hat Trump bereits verloren

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Auch unter Republikanern höchst umstritten: Donald Trump.

(Foto: IMAGO/USA TODAY Network)

Trump will ins Weiße Haus zurück und lästert über "zerstörerische" zwei Jahre seines Nachfolgers. US-Präsident Biden attackiert zugleich seinen Vorgänger. In seinem Amtssitz arbeiten Dutzende Helfer an "The Trump Project".

An dem Tag, als Donald Trump sich kopfüber ins politische Getümmel warf und das verbale Bild von "zerstörten" Vereinigten Staaten zeichnete, schaltete das Weiße Haus eine neue Website: "The Biden-Harris Record". Darauf zu finden ist ein positiv gewaschenes Arbeitszeugnis der bisherigen Regierung von US-Präsident Joe Biden und seiner Vize Kamala Harris. Grafische Infoblätter und Flowcharts zeigen, wie Maßnahmen des Weißen Hauses und der Demokraten die Probleme der Gegenwart und der Zukunft angehen. "Ergebnisse für das amerikanische Volk" nennen sie das.

Bei der Rede des Ex-Präsidenten in seiner Residenz in Mar-a-Lago am Dienstagabend klang es stattdessen, als stünde der Rest der USA drüben am Festland in Flammen und kurz vor der Apokalypse: Blut auf den Straßen der Städte, Drogen und Waffen in Händen krimineller Einwanderer aus dem Süden, die Wirtschaft zerstört; die Arbeiter ignoriert, die Familien wegen "Gender-Wahnsinn" in Schulen zerstört, und nicht zuletzt der Atomkrieg schon auf der Türschwelle.

Die zeitliche Parallele kann Zufall sein. Viel wahrscheinlicher ist jedoch Kalkül der Demokraten. Biden und die Parteispitze dürften gewusst haben, dass Trump seine Kandidatur ankündigen würde. "Biden trollt Trump", titelte etwa die US-Nachrichtenseite Axios am Dienstag über die zeitgleichen Aktivitäten der Demokraten. "Mein Vorgänger versprach eine Infrastrukturwoche. Eine Woche, die nie kam", leitet Biden am selben Tag ein Video ein, das auf seinem Twitter-Account zu sehen ist und das eigene Infrastrukturpaket lobt. Trump war bei seinem Versuch dafür gescheitert, Biden brachte seines gemeinsam mit Republikanern durch den Kongress.

Immer auf Mobilisierung

Die beiden konträren Darstellungen der vergangenen zwei Jahre sind vor allem dazu geeignet, um Wähler in ihrer Parteipräferenz zu bestätigen. Wechselwähler sind äußerst selten, ganz wenige stehen jedes Mal vor einer offenen Entscheidung, warum sie wo ihr Kreuz machen. Es geht vor allem um Mobilisierung. Jene an der Macht verweisen auf das Erreichte, Trump verspricht, in der Wüste das Wasser wiederfinden zu können. Es müssen nur alle mitsuchen, für die Wahrheiten flexibel sind.

So stellte sich der Ex-Präsident vor seinen geladenen Gästen dar, als Streiter der Vergessenen, die von den "radikalen, linken Verrückten" alias Demokraten und ihrem Anführer Biden benachteiligt werden. Das hat 2016 funktioniert, als er knapp gewählt wurde. Aber ob es noch einmal so sein kann, sei dahingestellt. Damals war seine Gegnerin Hillary Clinton, eine Bilderbuchvertreterin des politischen Establishments. Biden hingegen ist viel nahbarer.

Etwa ein Drittel der Republikaner gehören zu Trumps unverbrüchlicher Basis, für den Rest ist die Partei wichtiger. Er muss also womöglich irgendwann an einem starken parteiinternen Konkurrenten vorbei. Spätestens dann, wenn sich bei den Vorwahlen ein Gegenbewerber herauskristallisieren sollte, der konservative Werte stabil vertritt und die Republikaner wieder an die Regierung bringen könnte. "Ich bin eure Stimme", sagte Trump bei seiner Ankündigung, und "das ist nicht mein Wahlkampf". Das kann man als kleines Friedensangebot an die Republikaner deuten, die nicht zu seiner Basis gehören.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Welt weitergedreht, seit 2016 noch mehr. Inhaltlich muss Trump sich anpassen, etwa bei seiner unklaren Haltung gegenüber Russlands Präsident Wladimir Putin oder beim Klimawandel, den sogar manch beinharter Republikaner nicht mehr leugnet. Noch immer existiert aber bei seiner Basis diese Trauer über eine verlorene Vergangenheit, die größtenteils nie existierte - oder nur für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Eben die spricht Trump weiterhin an. Aber er hat seine Qualität als reiner Außenseiterkandidat verloren. Dass er dies anders darstellt, ändert nichts.

Bei den Zwischenwahlen ist deutlich geworden, dass weniger US-Amerikaner die Sichtweisen von Trump teilen, als sich sein Parteiflügel erhofft hatte. In den entscheidenden Rennen unterlagen von ihm unterstützte Kandidaten. Womöglich wichtiger für die Mobilisierung war es, dass die Menschen die Auswirkungen der konservativen Siege aus Trumps Präsidentschaft auf ihr Leben spüren. Das bringt Wähler der Demokraten hervor, die womöglich eine viel größere "stille Mehrheit" bilden, als Trump immer von seinen eigenen Anhängern behauptet.

Demokraten fühlen sich vorbereitet

Die Republikaner haben sich von der Lebensrealität eines großen Teils der urbanen Bevölkerung weit entfernt, bei manchen Demokraten ist es umgekehrt. Es geht in allen politischen Lagern darum, das jeweils eigene zur Abstimmung zu animieren. So war es vor zwei Jahren, als die Wahlbeteiligung einen neuen Rekord erreichte, und die Wähler der Demokraten vor allem vier weitere Jahre Trump verhindern wollten, nicht Biden als ihren Präsidenten. In der ersten Hälfte seines Mandats hat der Demokrat mehr geliefert, als Kritiker in der eigenen Partei dachten.

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Die Präsidentschaftswahl 2024 ist lange hin. Die Republikaner haben noch Zeit, um sich zu sortieren. Es sei noch "sehr, sehr früh" für einen Ausblick auf die Vorwahlen der Konservativen, sagte einer ihrer Wahlstrategen im US-Radiosender NPR am Tag nach Trumps Ankündigung. Bliebe es bei der derzeitigen Lage, sagte er, hätte der Ex-Präsident trotzdem leichte Vorteile gegenüber einem Gegenkandidaten.

Die Demokraten sind bereits jetzt viel besser vorbereitet auf Angriffe aus Trumps Lager als vor sechs Jahren, das zeigt die Parallelität der Ereignisse. Damals wurde der Unternehmer schlicht nicht ernst genommen, sogar Republikaner gingen von seiner Niederlage aus. Bidens Berater nennen ihre Aktivitäten "The Trump Project", schreibt die "New York Times". Nur nicht in die Defensive geraten, ist womöglich eine Devise. Für ein mögliches erneutes Duell sammeln Dutzende Helfer bereits Wahlkampfmunition: Trumps Reden und Interviews, jegliche Artikel über ihn. Und das nicht erst seit gestern.

Quelle: ntv.de

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