Politik

Der Denglische Patient Nachdenken first, Englisch second!

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Auf jeden Fall was mit Frühling. Oder?

(Foto: Peter Littger)

Die FDP will (mal wieder) Englisch zur zweiten Verwaltungssprache machen. Der Vorschlag ist gut, weil er zeitgemäß ist und sogar überfällig. Bleibt die Frage, ob er sich mit unseren Ämtern - und mit dieser FDP - realisieren lässt.

Die FDP hat eine Gabe, sich mit politischen Träumen von anderen Parteien abzuheben. Deshalb kann man sie leicht für wählbar halten - theoretisch. Die politische Praxis hingegen ist nicht so easy. Das zeigt alleine der Vorschlag einer "Easytax", die FDP Politicians gerne fordern. Was die Partei wie eine "Wishful Prophecy" darstellt - ein Wunsch, der sich bewahrheitet, wenn man ganz fest daran glaubt - ist oft nur "Wishful Thinking" oder - sorry! - "Bullshit". Auf gut Deutsch: Rohrkrepierer. Ein Klassiker war die Forderung nach der Abschaffung der Kirchensteuer. Kein Freidemokrat spricht heute mehr davon, obwohl es (für Kirchenkritiker wie -fans) wirklich an der Zeit wäre.

Ein anderes Beispiel aus dem Wahlkampf 2021, an das ich wiederum weiter glauben möchte, ist das sogenannte Wechselmodell in Trennungsfamilien, sodass Kinder gleich viel Zeit bei Vätern und Müttern verbringen können. Doch was sagen meine eigenen Kinder? "TW - träum weiter!" Oder: "Dream on!"

Ein nicht ganz neuer Traum der FDP ist der von einer zweisprachigen Gesellschaft. Und da die Wurzeln und die Auswüchse jeder Gesellschaft in der Verwaltung liegen, handelt die Neuauflage dieser Traumnovelle von einer zusätzlichen Verwaltungs- oder Amtssprache: Englisch!

Janitor oder Hausmeister?

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Wunsch ist Wunsch! "We wish you what" ist aber immer nice gemeint.

(Foto: Peter Littger)

Wie schön wäre es, wenn unsere Bürgerämter auf demselben englischsprachlichen Niveau wären wie gut geführte Hotels, Museen und Konzerne, von innovativen Familienbetrieben und urbanen Hausverwaltungen ganz zu schweigen. Kein Witz: Wer heute in deutschen Städten Janitor oder Facility Manager - also Hausmeister und Hausmeisterin - werden will, muss Englisch können, vor allem am upper end of the market. Immer mehr wohlhabende Menschen, die sich Eigentum leisten können, kommen schließlich aus dem Ausland. Downside: Hauseigentümerversammlungen werden zu gefürchteten Treffen für alle, die "kein oder wenig Englisch" sprechen - laut Allensbach Institut (AWA) im Jahr 2020 immerhin 36 Millionen Menschen in Deutschland.

Hier bringt sich die FDP ins Spiel, die seit Jahren ein "Deutschland Upgrade" fordert und "Digital first, Bedenken second" predigt. Sie scheint sich lieber an die 35 Millionen Deutschen zu halten, die laut AWA behaupten, "Englisch gut bis sehr gut" zu beherrschen - oder wenigstens so tun. Wohin das führen kann, demonstrieren nicht nur die denglischen Slogans der Partei, sondern auch diverse programmatische Forderungen wie "Topsharing" - eine Art Jobsharing für Führungskräfte, das klingt, als sollten sie die Oberteile miteinander tauschen.

"To you!" oder "On you!"

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Auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner verkörpert weniger englische Sprachkompetenz als vielmehr das Motto "Loslabern" - was in ungezwungenen Situationen okay ist, aber nicht auf dem Politik- oder Verwaltungsparkett. Dabei zählte es zu Lindners kleineren Patzern, dass er Anfang des Jahres in Brüssel seinen Colleagues in der EU erklärte: "I am open for arguments", also: "Ich bin offen für Streit", als suche er absichtlich Zoff. Beknackte Präpositionen, mag Lindner über solche Kritik denken. Wie sehr man allerdings aufpassen muss, zeigt eine typische sprachliche Verwechslung Denglischer Patientinnen und Patienten, die auch auf politischen Stehempfängen verbreitet ist: "To you!" heißt "Auf Dich/Sie/Euch!" "On you!" bedeutet hingegen, dass das Gegenüber bezahlt.

Dass es nun ausgerechnet diese oft wie eine Freie Denglische Partei agierende und argumentierende FDP ist, die eine zweite Amtssprache Englisch fordert, macht die Forderung nicht abwegig oder grundsätzlich falsch. Die Bundesbildungsministerin der FDP, Bettina Stark-Watzinger, hat sogar recht, wenn sie erklärt, Deutschland müsse als Einwanderungsland im Wettbewerb um die fähigsten Fachkräfte möglichst attraktiv sein und solle bestehende sprachliche Barrieren der Verwaltung abbauen. "Hier geht es darum, dass wir in der Verwaltung Englisch als zweite Sprache einführen, damit diejenigen, die zu uns kommen, auch den Zugang finden."

Wie auf der weltberühmten Autobahn

Tatsächlich steigern öffentliche Einrichtungen ihre Attraktivität für Menschen aus alter Welt, wenn sie nicht einsprachig sind. Wenn ich nur an die befahrbaren Zugänge on the world-famous Autobahn denke, die groß mit "Ausfahrt" ausgeschildert sind. Gäste aus den USA oder sonst wo, die sich diesen "Fahrt" auf der Zunge zergehen lassen und kein Deutsch verstehen, wittern schlechte Luft und fahren lieber weiter.

Ich habe nie verstanden, warum auf Autobahnen nicht auch "Exit" steht - oder "left shoulder" ... hä? Der Seitenstreifen! Längst leben wir in einer paradoxen und unberechenbaren, mehrsprachigen Realität. Deutsche Autos haben "On/Off"-Knöpfe, "Airbags" und allerlei englischsprachige Alerts. Und selbstverständlich haben wir seit Jahrzehnten die "Km/h" Anzeige - deren "h" stets für die englische "hour" stand und noch nie für die deutsche "Stunde".

Wie hybridsprachig alleine unsere Politik ist, konnte man im vergangenen Jahr in den Parteiprogrammen nachlesen, und damit meine ich nicht die dämlichen Pseudo-Anglizismen der FDP oder der anderen Parteien wie der "Midijob" oder das "Ehegattensplitting" - das als "spouse splitting" überall auf der Welt als Kapitalverbrechen eingestuft würde. Was auffällt, ist die Zunahme operativer und innovativer englischsprachiger Begriffe, für die es oft gar keine oder keine besseren muttersprachlichen Entsprechungen mehr gibt: "Gender Budgeting", "Community Health Nurse", "New Space" ... Mehr als 60 solcher Anglizismen fanden sich 2021 im Programm der FDP. Mehr als 30 waren es bei den Grünen - und rund 20 bei CDU/CSU und der Linken. Der Grund dafür ist oft die viel zitierte "Anschlussfähigkeit" - weil sich die Welt schneller dreht, als unsere Policymaking Experts noch auf Deutsch dichten können. Aus diesem Grund sprechen Politik und Verwaltung längst auch eine Menge Englisch.

Zweisprachigkeit wird oft vorausgesetzt

Was Zweisprachigkeit unterdessen im Kontakt mit echten Clients und Customers bedeutet, kann man im siedend heißen Draht der Lufthansa erleben - der "Hotline". Um etwas weniger als 50 Minuten warten zu müssen, wird man gefragt, ob man das Gespräch auf Englisch führen wolle - von "können" ist gar keine Rede! Zweisprachigkeit wird schlicht vorausgesetzt und von den Airlines in der Gestalt eines männlichen oder weiblichen Agents an einem sonnigen oder/und lohnmäßig und/ oder steuerlich günstigen Ort bereitgestellt. Um dieses Modell aufs Inland zu übertragen, kann ich mir kein ungeeigneteres Beispiel vorstellen als die Verwaltung - schon weil Behörden aus Berlin oder Buxtehude keine "leanen" Callcenter in Irland, Indien oder Südafrika eröffnen können.

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Für die diversen erforderlichen Chats müssen unsere Ämter mit dem Personal vor Ort arbeiten. Es sind dieselben, zweifelsohne kreativen Leute, die in der Vergangenheit mit öffentlichen Hinweisen wie "Don't spring from the margin" (Berliner Bäder), "We wish you a good improvement" (Universitätsklinik Göttingen) oder "personnel input" (Universität Greifswald) aufgefallen sind. Falls Sie das Letzte nicht verstanden haben, es sollte "Personaleingang" bedeuten - "Staff entrance". (Mehr davon finden Sie in meinem Bilderbuch "Lost in Trainstation - wir versteh'n nur Bahnhof".)

Wo ist der Reality Check?

Ich will den Vorschlag der FDP überhaupt nicht kleinreden - im Gegenteil. Ich halte ihn für gut, weil er zeitgemäß und sogar überfällig ist. Ihn allerdings hopplahopp an gefühlt letzter Stelle in einem "Fachkräfteprogramm" zu nennen, redet die reale Herausforderung des zweisprachigen Traums dermaßen klein, dass ein Reality Check erforderlich ist, bevor man ernsthaft über die Realisierung spricht. Ein sprachliches Umerziehungsprogramm aus der Hüfte zu schießen, ist ungefähr so banausenhaft gegenüber der Sprachkultur in unserer Gesellschaft wie gegenüber der föderalen Wirklichkeit: Kein Mitglied der Bundesregierung hat jemals die Kompetenz, einen solchen Plan in Kommunen und Ländern durchzusetzen - nicht einmal von der FDP.

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Wenn jeder seinen persönlichen Input mit durch den personnel Eingang nimmt, ist schon viel getan.

(Foto: Peter Littger)

Ich kann nachvollziehen, wenn eine Sprecherin des Deutschen Beamtenbunds ASAP zurückschießt, dass der Plan nicht machbar sei. Dasselbe würde die FDP - und würden alle anderen Parteien - tun, wenn auf einmal die Kompetenz für ein Ministeramt mit einem voll abgeschlossenen Fachstudium oder gar einer Professur belegt werden müsste. Viele amtierende Personen müssten die Arbeit einstellen. Mit anderen Worten: Solche Pläne erfordern Zeit, wahrscheinlich eine bis zwei Generationen, und sehr oft neues Personal!

Hybridsprachkompetenz fördern!

Es ist ohne Zweifel wichtig, dass sich die Politik endlich ernsthaft mit dem Sprachgraben beschäftigt, der sich durch Deutschland zieht: eine Kluft zwischen denjenigen, die Englisch selbstverständlich jeden Tag nutzen, damit Beziehungen führen, Geld verdienen, Spaß haben und im Zweifel Politik machen. Und denjenigen, die "lost in translation" sind - und nur "trainstation" verstehen!

Denn Fachkräfte hin oder her - es geht nicht nur darum, wer was auf Englisch kommuniziert, sondern wer es auch versteht. Nicht einmal im Fall der Fachkräfte aus dem Ausland ist klar, ob sie der englischen Sprache ausreichend mächtig sind - es ist eine Annahme der FDP. Unterdessen kämpfen wir im Inland mit einem sprachlichen Chaos, das sich dauerhaft tatsächlich nur mit mehr Kompetenz lösen lässt - nicht nur in der Verwaltung, sondern in der gesamten Gesellschaft.

Die Anglisierung der Alltagssprache ist so weit fortgeschritten, dass ich in vielen Bereichen von einem hybriden Ausdruck sprechen möchte, der deutsche und englische Anteile poolt - und entsprechende Englischkenntnisse zwingend voraussetzt. Spätestens seit dem letzten, ziemlich hybridsprachig geführten Wahlkampf, ist eine breite politische Initiative der Bundesregierung für Mehrsprachigkeit überfällig - von mir aus unter Führung der Freien Denglischen Partei! Aber auf jeden Fall mit Verantwortlichen, denen Sprachkompetenz - egal ob Menschen nach Deutschland kommen oder schon da sind - wirklich am Herzen liegt.

Quelle: ntv.de

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