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Syrische Weißhelme in Ost-Ghouta "Es gab nie eine Deeskalationszone"

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(Foto: REUTERS)

Seit Jahren ist der Damaszener Vorort Ost-Ghouta heftig umkämpft. Mit Einführung sogenannter Deeskalationszonen sollte Linderung für die Zivilbevölkerung eintreten. Ein Mitglied der Hilfsorganisation Weißhelme schildert, wie katastrophal die Lage stattdessen ist.

n-tv.de: Ost-Ghouta wurde im Sommer von Russland als sogenannte Deeskalationszone klassifiziert. Welche Auswirkungen hatte dieser Schritt auf die Lage vor Ort?

Ahmad Al-Yousef: Nach der Ankündigung stoppten die Luftangriffe für eine kurze Zeit. Doch wenig später begann eine neue Offensive des Regimes. Die verbündeten iranischen Milizen und die libanesische Hisbollah haben eine Bodenoffensive angeführt, während Schulen und öffentliche Einrichtungen in Ost-Ghouta andauernden Luftangriffen ausgesetzt waren und nach wie vor sind. Dabei war eine wesentliche Vereinbarung im Rahmen der Deeskalationszonen der Zugang humanitärer Hilfe und die Möglichkeit, Schwerverletzte in umliegende Krankenhäuser transportieren zu dürfen! Diese Vereinbarung wurde nicht eingehalten. Stattdessen ist Ost-Ghouta seit vier Monaten komplett von der Außenwelt abgeschnitten.

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Ahmad al-Yousef ist Mitglied des Direktoriums der Weißhelme. Er stammt selbst aus Ost-Ghouta.

(Foto: White Helmets/Asaad Hana)

Wie kann man sich die Situation in Ost-Ghouta vorstellen?

Die Situation ist katastrophal. Insbesondere Wohngebiete, Schulen, Moscheen, medizinische Einrichtungen und Gebäude unserer Organisation werden systematisch bombardiert. Ungefähr 390.000 Menschen sind eingeschlossen. Wegen der katastrophalen Versorgungslage leiden vor allem Kinder und alte Menschen unter Mangelernährung. Menschen sterben, weil der Zugang zu einfachster medizinischer Versorgung fehlt. In den vergangenen zwei Wochen ist die Situation noch dramatischer geworden. Wohngebiete in Harasta werden mit international geächteten Brandbomben, Lenkflugkörpern und Streubomben ins Visier genommen. Allein in der ersten Dezemberwoche sind dabei 149 Menschen getötet worden, darunter 42 Kinder und vier Mitglieder unserer Organisation. Zusätzlich wurden 575 Menschen verletzt.

Das Assad-Regime hat in den letzten Monaten die letzten Zugänge nach Ost-Ghouta blockiert. Wann haben Hilfslieferungen das Gebiet zuletzt erreicht?

Die letzten UN-Hilfslieferungen hat das Regime am 11. November passieren lassen. Der Konvoi mit 4300 Nahrungsmittelkörben sollte Duma erreichen, eine Stadt mit mehr als 25.000 Familien. Am letzten Dienstag wurde einem weiteren Konvoi von neun Fahrzeugen mit 1700 Nahrungsmittelkörben Zugang zum Gebiet um Al-Marj gewährt. Dort leben rund 11.000 Familien.

Gibt es Verhandlungen über kommende Lieferungen?

Die Verhandlungen verlaufen nicht gut, es gibt lediglich Gerüchte und Spekulationen. Wir warten darauf, dass die Garantiemächte der Deeskalationszonen sicherstellen, dass die Abmachungen eingehalten werden.

Die syrischen Weißhelme

Der Name kommt von den weißen Helmen, die der 2014 gegründete syrische Zivilschutz im Einsatz trägt. Die private Freiwilligenorganisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, nach Luftangriffen in Syrien nach Verschütteten zu suchen, um möglichst viele Überlebende zu retten. Die Organisation mit Sitz in Großbritannien wird unter anderem auch von der Bundesregierung gefördert. 2016 wurde den Weißhelmen der Alternative Nobelpreis verliehen.

Website: whitehelmets.org/en

Manche Menschen sagen, dass die Rebellenoffensive auf die Regime-Basis in Harasta der Grund für die neue Eskalation ist und effektiv die Vereinbarungen für eine Feuerpause beendet hat. Was sagen Sie dazu?

Die Bombardierung von Ost-Ghouta hat nie aufgehört und eine Feuerpause ist nie in Kraft getreten. Es gab also keine Vereinbarungen, die hätten aufgelöst werden können. Was in Ost-Ghouta passiert, widerspricht allen internationalen und humanitären Normen und Gesetzen.

Manche Menschen werfen den Weißhelmen vor, mit Rebellen am Boden zu kooperieren. Sind die Weißhelme an den Fronten präsent?

Unsere Organisation hilft allen Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Dabei sind wir selbst in großer Gefahr und viele unserer Mitglieder überleben die Bombardements nicht. Die Frage ist: Zählt es als Kampfhandlung, bombardierte Märkte und Wohngebiete zu evakuieren, und kann man diese Gebiete als Frontlinien bezeichnen?

Wie unterstützt die deutsche Regierung die Weißhelme?

Wir sind dankbar für die finanzielle Unterstützung, welche die Deutsche Regierung den Weißhelmen zukommen lässt. Wir brauchen diese Hilfe, um unsere vielfach zerstörte Ausrüstung ersetzen zu können. Wir appellieren dennoch an die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft, auf die Menschenrechte zu pochen und Druck auszuüben, damit Hilfe die belagerten Gebiete erreicht. Ich bin sicher, dass niemand bestreiten würde, dass die Belagerung Hunderttausender Menschen auf kleinem Raum, die Verwehrung von Nahrungsmitteln sowie Medizin und die gleichzeitige Bombardierung Menschenrechtsverletzungen darstellen, die aufhören müssen.

Was denken Sie, was als nächstes passieren wird? Bereitet das Regime eine neue Offensive auf Ost-Ghouta vor?

In diesen Tagen rechnen wir mit allem. Eine großangelegte Offensive ist gut möglich. Das Regime hat die Strategie von Belagerung und Bombardierung meist vor Offensiven angewandt. Und was Ost-Ghouta an Belagerung und Völkermord erlebt, sucht seinesgleichen.

Mit Ahmad al-Yousef sprach Lars Hauch

Quelle: n-tv.de

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