Politik

Anschlag in Erbil Eskalation in Kurdistan

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In diesem Restaurant in Erbil ist es zu einem tödlichen Angriff auf einen türkischen Diplomaten gekommen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein türkischer Diplomat stirbt bei einem Attentat im nordirakischen Erbil. Ankara macht die kurdische PKK dafür verantwortlich. Während Kampfjets Stellungen der Organisation bombardieren gerät die Regierung im Nordirak in Zugzwang.

Normalerweise plaudern die Kellner im "HuQQabaz" gern ausgiebig mit ihren Gästen. Doch jetzt erstarrt ihr Lächeln. "Uns ist es verboten, darüber zu reden", sagt einer. "Keine Videos, bitte, keine Fotos." Reporter dürfen hier wieder Lammspieße essen, den Brunnen im Foyer bestaunen oder den Pool im Vorgarten; Fragen stellen dürfen sie aber nicht.

Am Mittwoch hatte ein Attentäter in dem Restaurant im nordirakischen Erbil einen Mitarbeiter des türkischen Konsulats erschossen. Dem edlen "HuQQabaz" haftet nun der Ruf des Tatorts an. Das Restaurant ist ein symbolträchtiger Ort: Wer es betritt, kann auf der Linken sofort einen Blick in die blitzsaubere Küche erhaschen und spaziert dann an einer mehrere Meter langen Fleischtheke vorbei in den Gästeraum. Keine laute Musik wie in manch einem anderen Restaurant in Erbil, die Wände sind nicht wie meist üblich mit überdimensionierten Flachbildschirmen tapeziert. Moderne Architektur mit Beton, dunklem Holz und einigen glitzernden Einrichtungselementen, die aus Kupfer zu sein scheinen. Das "HuQQabaz" ist ein türkisches Franchise-Restaurant der Oberklasse im Zentrum des wirtschaftlichen Hotspots der Autonomen Region Kurdistan, ein Symbol dafür, dass Geschäfte besser sind als Konflikte.

Der Anschlag stellt nun die schwierigen Beziehungen zwischen der Türkei und seinem Nachbarn im Süden auf eine weitere Probe. Aus Sicht Ankaras deutet offenbar alles darauf hin, dass der Attentäter im Auftrag der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gehandelt hat. Auch wenn es noch nicht bewiesen ist, die Folge zeichnet sich bereits ab: noch mehr Gewalt. Eine vergleichbare Hinrichtung eines türkischen Diplomaten im Ausland hat es seit Mitte der 1990er Jahre nicht gegeben. 

"Operation Klaue"

In dem Jahrzehnte alten Konflikt zwischen türkischem Staat und PKK galt schon oft: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wenn der Attentäter wirklich im Auftrag der PKK gehandelt haben sollte, wäre die Hinrichtung eher eine Reaktion denn eine Provokation. Dem Attentat im "HuQQabaz" gingen einige der heftigsten Angriffe voraus, die Ankara in den vergangenen Jahren auf die Stellungen der PKK im Nordirak geführt hat. Ende Mai begann die türkische Armee ihre "Operation Klaue" und bombardiert seither immer wieder Stellungen der Organisation mit F16-Kampfjets und Artillerie. Selbst Bodentruppen sind im Einsatz. Hauptziel: die Harkuk-Region, aber auch die Kandil-Berge. In den schwer zugänglichen und unter Kurden als uneinnehmbar geltenden Gebirgsmassiven hat die PKK ihr Hauptquartier.

Den türkischen Streitkräften gelang es zuletzt, hochrangige Kader der PKK zu "neutralisieren", wie es im türkischen Armeejargon heißt. Zuletzt traf es am 5. Juli Diyar Xerib, der auf 25 Jahre Erfahrung in der Organisation zurückblickte und einen Platz im Zentralratkommittee innehatte. Die PKK kündigte dafür Vergeltung an, in welcher Form, das sagte sie nicht.

Eine Beteiligung am Diplomatenmord streitet sie jedenfalls ab. Der Hauptverdächtige im "HuQQabaz"-Attentat wurde am Samstag von den Sicherheitskräften der Autonomieregion gefasst. Er heißt laut Angaben der Behörden Mazlum Dag, und kam 1992 in der türkischen Kurdenmetropole Diyarbarkir zur Welt. Dag ist der Bruder einer Abgeordneten der legalen türkischen Kurdenpartei HDP. Obwohl noch keine Beweise vorgelegt wurden, behaupten regierungsnahe türkische Medien längst, dass Dag sich 2015 der PKK angeschlossen habe.

Vergeltungsschlag auf Flüchtlingslager?

Nach dem Attentat im Restaurant krachte es schnell wieder. Ein Verein mit besten Kontakten in die kurdische Unabhängigkeitsbewegung spricht von einem türkischen Luftangriff auf das Flüchtlingscamp Makhmur, rund 60 Kilometer westlich von Erbil. Auf den Bergkämmen dort ist am Tag danach aus ein paar Hundert Metern Entfernung nichts zu erkennen. Und viel näher heran, kommt man nicht, die Zugangsstraßen sind gesperrt, und im Niemandsland dazwischen treiben sich noch immer Zellen des selbsternannten Islamischen Staates herum. Laut dem pro-kurdischen Verein leben in dem Camp 12.000 Menschen, die vor der Repression des türkischen Staates geflohen seien. Zwei Menschen seien bei dem Angriff verletzt worden. Ein Mitglied des Sicherheitsapparats der Autonomieregion spricht von einem "gezielten Luftschlag gegen PKK-Stellungen". Der Mann will anonym bleiben.

Auch in Kandil, dem Hauptquartier der PKK, knallte es kurz nach dem Attentat. "Nach dem bösartigen Angriff in Erbil haben wir die umfangreichsten Luftangriffe auf Kandil geflogen und der Terrororganisation einen heftigen Schlag versetzt", sagte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar. Türkischen Angaben zufolge wurden Waffenlager, Höhlen und Unterkünfte zerstört. Am Samstag verkündete Ankara dann noch den Tod von drei PKK-Kämpfern durch einen weiteren Luftschlag. Unabhängige Informationen aus erster Hand sind hier rar.

Sicherheit essenziell für die Wirtschaft

Die kurdische Regionalregierung gerät angesichts der Eskalation unter Zugzwang. Bisher setzte sie im Konflikt zwischen Türkei und PKK oft auf eine Art Doppelstrategie. Die führende Partei KDP ist besonders um gute, vor allem gute wirtschaftliche Beziehungen zur Türkei bemüht. Trotzdem lässt sie es seit Jahren zu, dass die PKK ihr Hauptquartier auf irakischem Boden unterhält. Das dürfte auch am kleineren Koalitionspartner liegen. Der PUK werden gute Kontakte und eine gewisse Aufgeschlossenheit zur PKK nachgesagt. Doch auch sie bemühte sich zuletzt verstärkt um bessere Beziehungen zu Ankara. Von ihrer Strategie wich die Autonomieregierung auch zu Beginn von "Operation Klaue" nicht ab. Als es vor dem "HuQQabaz"-Attentat bei türkischen Luftangriffen zu zivilen Opfern kam, ersparte die Autonomieregierung der Türkei ernsthafte Kritik. Die PKK forderte sie auf, sich von Zivilisten fernzuhalten.

Sollte es Ankara nun gelingen eine direkte Verbindung herzustellen, eine Blutspur, die vom Restaurant "HuQQabaz" bis in die Berge Kandils führt, würde die Regionalregierung mit ihrer Strategie wohl nicht mehr durchkommen und müsste sich klarer positionieren. Sie dürfte sich auch aus ureigenen Interessen fragen, ob sie es hinnehmen kann, wenn sich der Kurdenkonflikt an Orte wie Erbil verlagert, an Orte, die bisher als sicher galten und so bedeutsam sind für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. 

Was sind die Optionen? 

Erbil lässt es bereits zu, dass die Türkei mehr als ein Dutzend Militärbasen im Nordirak unterhält, um die PKK einzuhegen. Ein Kommentator des kurdischen Nachrichtenportals "Rudaw" spekulierte bereits über eine Beteiligung der Peshmerga, den Streitkräften der Autonomieregierung, an Ankaras Feldzug. Und er sprach von einer Konfrontation zwischen PKK und Peshmerga, wie es sie seit Jahren nicht gegeben habe. In Europa werden die Kurden in breiter Öffentlichkeit oft als eine Einheit wahrgenommen. Doch zwischen den verschiedenen Stämmen, Parteien und Organisationen gibt es erhebliche politische und kulturelle Unterschiede.

Trotz dieser Differenzen und teils auch Rivalitäten konnten die Kurden in den vergangenen Jahren ein weitgehend friedliches Miteinander etablieren. Wenn dieses fragile Gleichgewicht der kurdischen Gruppierungen im Nahen Osten zerbricht, hätte dies Folgen, die sich vom Iran über den Irak und Syrien bis in die Türkei auswirken würden. Überall dort gibt es große Kurden-Anteile an der Bevölkerung. Zugleich dürfte sich die Regierung der Region Kurdistan aber auch fragen, was eine militärische Kooperation mit den Türken für die Beziehungen zur Zentralregierung in Bagdad hätte. Die verurteilte "Operation Klaue" als "unilateralen Kriegsakt".

Kaum eine Viertelstunde mit dem Auto vom "HuQQabaz" entfernt sitzt ein hochrangiger Peshmerga-Kommandeur in einem weißen Kunstledersessel und stellt eine gewagte These auf. "Ich glaube, dass die Türkei das Attentat selbst inszeniert hat, um einen Vorwand zu haben, immer tiefer in den Irak vorzurücken." Auch dieser Peshmerga-Kommandeur in Erbil äußert sich nur im Schutze der Anonymität. Denn sicher scheint: Die Türkei wird "Operation Klaue" nach dem Diplomatenmord mit aller Härte fortsetzen.

Quelle: n-tv.de

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