Politik

Billig ist entscheidend Fleisch vom Wühltisch

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55 Millionen Schweine schlachteten deutsche Betriebe im vergangenen Jahr.

(Foto: picture alliance/dpa)

Deutsches Fleisch gerät in Verruf. Dramatisch hohe Infektionszahlen in mehreren Betrieben, unwürdige Arbeitsbedingungen. Wie kommt es dazu, was sagen die Konzerne und stimmt es, dass der Wettbewerb sie dazu zwingt, so billig zu produzieren? Fragen und Antworten zu einer Branche, die um ihren Ruf kämpft.

400 Corona-Infizierte in einem einzigen Fleischbetrieb. Von dieser und anderen dramatischen Infektionszahlen aufgeschreckt, schauen Politik und Öffentlichkeit plötzlich genau auf eine Branche, über deren Arbeitsbedingungen manch Verbraucher lieber nicht so genau Bescheid weiß. Sonst würde das billige Schnitzel aus dem Discounter vielleicht doch nicht so gut schmecken. Fleischverarbeitung ist ein Geschäft mit harter Konkurrenz und enorm hohem Preisdruck. "Das Fleisch ist zur Ramschware verkommen", bilanziert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Nordrhein-Westfalen. Nicht wenige Betriebe haben Strukturen geschaffen, die man in Deutschland 2020 nicht erwartet hätte.

Woher kommen die schlechten Bedingungen in der Fleischindustrie?

Die Branche ist groß und wächst - knapp 30 Fleischbetriebe kamen allein im Jahr 2019 dazu, die Gesamtzahl von Betrieben mit mehr als 20 Mitarbeitern stieg auf 1481. Die Konkurrenz ist also groß und der Preis am Supermarktregal ein entscheidender Faktor - billig muss es sein. Neben Stammangestellten, die in den Konzernen mit Tarifvertrag arbeiten, gibt es viele Kollegen in den Fleischbetrieben, die offiziell für eine ganz andere Firma tätig sind. Diese Subunternehmen stellen ihre Angestellten dem Konzern zur Verfügung, diktieren ihren Leuten aber die eigenen, wesentlich schlechteren Bedingungen. So können sie dem Unternehmen die Arbeitsleistung für deutlich weniger Geld anbieten, als wenn der Konzern die Leute selbst anstellen müsste.

Aber auch für Subunternehmen muss doch deutsches Arbeitsrecht gelten?

Das kommt darauf an. Es gibt Subunternehmen, die offiziell nach deutschem Arbeitsrecht arbeiten. Auf dem Papier gelten dann alle hiesigen Arbeits- und Sozialstandards. Doch die Arbeiter stammen zumeist aus Osteuropa. Ihre Lage zu Hause ist oft so verzweifelt, dass sie bereit sind, auch zu viel schlechteren Bedingungen zu arbeiten, als die offiziell herrschenden. Wenn der Mindestlohn offiziell gezahlt werden muss, bleibt für den Subunternehmer die Möglichkeit, die Leute mehr Stunden arbeiten zu lassen als im Vertrag stehen. "Menschen erzählen, dass sie Arbeitszeitlisten blanko unterschreiben müssen. Der Betrieb kann hinterher eintragen, was er möchte", sagt Mohamed Boudih, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in NRW.

Noch schlimmer sind gemäß seiner Analyse die "Entsendeten" dran. "Sie werden nach EU-Recht beispielsweise von einer bulgarischen Firma ins deutsche Unternehmen entsendet und arbeiten hier nach bulgarischem Recht und auf bulgarischem Lohnniveau - für etwa zwei Euro pro Stunde." Während die größten Fleischkonzerne sich 2015 freiwillig verpflichtet haben, auf Entsendete zu verzichten, ist laut Boudih diese Praxis in kleineren Betrieben noch üblich. Die Gewerkschaft schätzt Entsendete in dortigen Subunternehmen auf ein Drittel der Belegschaft.

Ebenfalls sehr üblich: Das Unternehmen stellt Wohnungen zur Verfügung und kassiert entsprechend einen Teil des Lohns als Miete wieder ein. "Oft ist es nur eine Matratze, die vermietet wird, und die dann auch noch von mehreren Leuten genutzt wird", sagt der Gewerkschafter. "Die Zustände in solchen Unterkünften sind oft ganz schrecklich." Kontrolliert werden durften sie bisher indes nicht, weil es sich um Privatwohnungen handelt. Das wird nun zumindest vorübergehend anders, denn die Gesetzgebung zum Seuchenschutz verschafft den Behörden mehr Rechte. Um die teils dramatische Ausbreitung von Covid-19 in manchen Fleischbetrieben zu erfassen, sind auch Kontrollen in den Unterkünften möglich.

Was sagt die Branche zu den Berichten?

Die Branche sieht sich wegen der teilweise dramatisch hohen Infektionszahlen in mehreren Schlachtbetrieben nun im Fokus der Öffentlichkeit. Neben Produktionsbedingungen, die es schwierig machen, Abstand zu halten und Masken zu tragen, gelten auch die Gemeinschaftsunterkünfte als idealer Verbreitungsort. Doch nicht alle Schlachtereien haben mit Covid-19 Probleme. In Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies waren alle Testungen auf Sars-CoV-2 bislang negativ ausgefallen. Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter des Konzerns warnte davor, Kritik zur "Manie" werden zu lassen.

Der Verband der Fleischwirtschaft (VDF), der unter anderem deutsche Schlacht- und Zerlegebetriebe wie Tönnies vertritt, wehrt sich in einem Pressestatement gegen Vorwürfe, "die sich pauschal gegen die gesamte Fleischwirtschaft richten". Einzelne Politiker und Gewerkschafter brächten "faktenfreie Vorwürfe" in Umlauf. Er lädt die Bundesregierung zu einem Runden Tisch ein. "Wenn konkrete Ansatzpunkte ausgemacht werden, sind wir offen für Verbesserungen und treten für eine bundeseinheitliche Umsetzung ein", so der VDF.

Der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF), Vertreter der industriellen Hersteller von Fleischwaren, jedoch ohne Schlachtung und Zerlegung, wehrt sich ebenfalls gegen "Fleisch-Bashing" und ein pauschales Urteil über die gesamte Branche. In einem Pressestatement erklärt der BVDF, es sei wichtig, "dass die Unternehmen sich ihrer Verantwortung bewusst werden und diese nicht an Subunternehmer abschieben". Dort wo Missstände herrschten, müssten diese aufgeklärt und beseitigt werden. Der BVDF spricht sich für "zukünftig klare Regelungen" aus, die bundesweit einheitlich sein sollten.

Was ist mit dem Argument, der Wettbewerb zwinge dazu, billig zu produzieren?

Deutschland importiert Fleisch aus dem Ausland, der größere Anteil der hier gekauften Produkte wurde jedoch in Deutschland hergestellt. Würden hier die Produktionsbedingungen also schärfer kontrolliert und strenger geregelt, beträfe das einen Großteil der Fleischwaren, die hier im Angebot sind. Entsprechend würden alle Produkte im Preis steigen, gegenüber den ausländischen Produkten, die das nicht beträfe.

Deutschland gilt allerdings als Billiglohnland in Bezug auf die Fleischbranche, das heißt, für internationale Konkurrenten war es bisher äußerst schwierig, die Preise der deutschen Fleischverarbeiter überhaupt zu unterbieten. Dänemark und Belgien als zwei europäische Konkurrenten auf dem internationalen Fleischmarkt beklagen laut der Gewerkschaft seit Jahren, dass sie von der deutschen Konkurrenz preislich unter Druck gesetzt werden. "Fleisch würde kein Luxusgut, nur weil man die Arbeitsbedingungen in den Betrieben erträglich macht", sagt Boudih. "Wir reden beim Schnitzel von wenigen Cent mehr pro 100 Gramm."

Wie geht es nun weiter?

Während sich jahrzehntelang kaum jemand für die Arbeitsbedingungen in Fleischbetrieben interessiert hat, auch Kontrollen der Behörden immer weniger wurden, ist das Thema nun unter den Top Ten der politischen Agenda. Bereits am kommenden Montag will das Corona-Kabinett strengere Vorschriften für die Fleischindustrie beschließen. Aus Sicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel sind die Nachrichten über prekäre Arbeits- und Wohnbedingungen "erschreckend". Arbeitsminister Hubertus Heil kündigte an, mit den Verhältnissen "aufzuräumen". Darüber, wie das aussehen soll, weiß man am Montag mehr.

Quelle: ntv.de