Politik
Polizisten tragen am 25. April 2017 den Sarg von Xavier Jugele. Der Beamte wurde auf den Champs-Elysees von einem Islamisten erschossen.
Polizisten tragen am 25. April 2017 den Sarg von Xavier Jugele. Der Beamte wurde auf den Champs-Elysees von einem Islamisten erschossen.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 03. Juli 2018

Gestresst, kritisiert, im Visier: Frankreich beklagt viele Polizisten-Suizide

Immer wieder werden Frankreichs Polizisten Opfer von radikalen Islamisten - aber auch sonst stehen die Beamten unter Druck: Eine Studie macht nun die schlechte Ausrüstung und viele Überstunden verantwortlich dafür, dass die Selbstmordrate unter Polizisten steigt.

Überfordert, unter Druck und schlecht ausgestattet: Im vergangenen Jahr haben sich rund 65 Mitglieder der französischen Sicherheitskräfte - also von Polizei und Gendarmerie - das Leben genommen. Dadurch liegt die Rate an Suiziden bei der Polizei des Landes gut ein Drittel höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Laut einem Parlamentsbericht, der nun von zwei Senatoren in Paris veröffentlicht wurde, sind die vielen Selbstmorde Ausdruck einer schweren Krise bei Frankreichs Sicherheitsbehörden. "Das Problem ist institutionell", sagte der konservative Abgeordnete François Grosdidier.

Rat und Nothilfe
  • Falls Gefahr eines Suizid besteht: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (Tel.: 0800/111-0-111) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333; wochentags von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und mit Kliniken zu finden. Zudem gibt es viele Tipps für Betroffene und Angehörige.

Unter Polizisten und anderen Einsatzkräften herrsche ein "allgemeines Unbehagen", heißt es in der Untersuchung. Der Druck auf die Beamten sei seit dem Jahr 2015 und der Serie islamistischer Terrorattacken mit insgesamt mehr als 240 Toten unvermindert hoch, hieß es. Dabei gerieten oft auch die Sicherheitskräfte ins Visier. Für Schlagzeilen - auch im Ausland - sorgte im Juni 2016 der Mord an einem Polizistenehepaar in Magnanville. Der Täter, Larossi Abballa, hatte die Tat gefilmt und in den sozialen Medien live gestreamt. Der dreijährige Sohn des Paares musste die Tat mitansehen.

In einer 13-minütigen Videobotschaft berief sich Abballa auf den Islamischen Staat (IS) und forderte Gleichgesinnte dazu auf, so viele "Polizisten, Gefängniswärter, Journalisten und Rapper" wie möglich zu töten. Laut Innenministerium lebten 2016 mehr als 8200 radikalisierte Islamisten in dem Land. Auch das ist wohl ein Grund, warum sich Polizisten in Frankreich als Zielscheibe sehen. Hinzu kommt, dass die Polizei gerade in den Vorstädten mit einem hohen Migrantenanteil keinen guten Ruf genießt. Immer wieder wird ihnen unnötige Härte vorgeworfen - etwa wegen des Einsatzes von Gummigeschossen oder Elektroschockern.

Fast 22 Millionen Überstunden

Die Autoren der Studie kritisieren aber auch, dass sich mittlerweile fast 22 Millionen Überstunden aufgehäuft hätten, für die es weder einen finanziellen noch sonstigen Ausgleich gebe. Frankreichs Innenminister Gérard Collomb erklärte, die Regierung nehme die Sorgen der Beamten ernst. Er verwies auf das Versprechen von Präsident Emmanuel Macron, in seiner fünfjährigen Amtszeit 10.000 neue Posten bei Polizei und Gendarmerie zu schaffen.

Bereits im Herbst des vergangenen Jahres hatte das Innenministerium angekündigt, die hohe Suizidrate bei Polizei und Gendarmerie untersuchen zu wollen. Anlass war eine beispiellose Selbstmordserie im November, als sich innerhalb einer Woche sieben Beamte das Leben nahmen. Collomb erklärte damals, er wolle sich so schnell wie möglich mit Vetretern der Polizei und der Gendarmerie treffen, um "Präventionsmaßnahmen und Möglichkeiten zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit zu diskutieren".

Quelle: n-tv.de