Politik

Guttenberg reloaded "Ich genieße das hier"

951eb66ada50a0be011d692fe4bf3ad8.jpg

Guttenberg hatte knapp zehn Jahre nach seinem Rücktritt vom Amt des Verteidigungsministers wieder einen offiziellen Termin im politischen Berlin.

(Foto: dpa)

Karl-Theodor zu Guttenberg erscheint als Zeuge vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss. Es ist sein erster offizieller Auftritt im politischen Berlin seit seinem Rücktritt im März 2011. Er ist so, als wäre Guttenberg nie weg gewesen.

Festen Schrittes läuft Karl-Theodor zu Guttenberg an den Kameraleuten vorbei, die lange auf diesen Moment gewartet und nun wenige Sekunden Zeit haben, ihn zu filmen. Kurz danach nimmt er Platz auf dem Stuhl, der für die Zeugen im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags reserviert ist. Es ist das erste Mal seit seinem Rücktritt als Bundesverteidigungsminister im März 2011, dass der frühere CSU-Star wieder im politischen Berlin einen offiziellen Auftritt hat. Er ist so, als wäre Guttenberg nie weg gewesen.

Sowohl sein Outfit und Auftreten als auch seine offensive, mitunter taffe Verteidigungsstrategie erinnern deutlich an den Politiker, der vor mehr als einem Jahrzehnt polarisierte, ihn die einen wie einen Popstar feierten und die anderen als Blender verdammten. Guttenberg zeigt sich gut gelaunt, ist unrasiert, trägt Jackett ohne Krawatte und eine dunkle Brille. Seine Haare sind nicht gegelt. Er wirkt sympathisch und geduldig, um kurz danach arrogant und genervt zu sein. In jedem Fall scheint er sich pudelwohl damit zu fühlen, im Mittelpunkt zu stehen oder besser: zu sitzen. Auch wenn er es ironisch meint, dürften zwei seiner Sätze der Wahrheit ziemlich nah kommen: "Ich genieße das hier mit Ihnen. Aber vor Weihnachten gibt es auch 'ne andere Beschäftigung."

"Auch wir haben das Märchen geglaubt"

Mehr als fünf Stunden dauert seine Befragung dazu, wie er 2019 mit seinem Unternehmen Spitzberg Partners dem damaligen Dax-Konzern Wirecard half, in China Fuß zu fassen. Mal beantwortet Guttenberg die Fragen der Abgeordneten aufrecht, dann wieder locker und lässig auf dem Stuhl nach hinten gelehnt, als wäre er der Chef in einer Vorstandssitzung. Englische Wörter spricht der Zeuge betont amerikanisch aus. Guttenberg beschreibt sich als Opfer eines "Jahrhundertbetrugs": "Wir wurden offensichtlich arglistig getäuscht." Persönliche Schuld räumt er nicht ein. "Auch wir haben das Märchen geglaubt."

Man merkt, dass sich der 49-Jährige bestens vorbereitet hat. Keiner einzigen Frage weicht er aus. Ab und an zeigt er den parlamentarischen Aufklärern, wo die Grenzen seiner Auskunftsbereitschaft liegen: "Das hat hier im Untersuchungsausschuss überhaupt nichts zu suchen", sagt er einmal. Oder auch: "Ich werde Ihnen zu meinem privaten Alltag keine Auskunft geben." Das muss Guttenberg auch nicht, wenn die Fragen Bereiche berühren, die mit der Untersuchung des Wirecard-Skandals nichts zu tun haben.

Ins Schlingern kommt der 49-Jährige kein einziges Mal, obwohl ihn die Parlamentarier zu löchern versuchen. Als sein Anwalt Christian Schertz einmal für ihn das Wort ergreifen will, schneidet ihm Guttenberg das Wort ab: "Ich antworte selber, das ist wirklich kein Problem" und tätschelt dem Juristen die Schulter, als wäre der ein Praktikant. Dabei ist Schertz einer der Top-Anwälte Deutschlands, der zahlreiche prominente Mandanten wie Sibel Kekilli, Günther Jauch oder Herbert Grönemeyer zu seinen Mandanten zählt.

Eloquenz und Witz

Immer wieder blitzt das auf, was Guttenberg einst zum Polit-Star machte: Eloquenz und Charme mit Witz gepaart. Der Grünen-Abgeordneten Lisa Paus bescheinigt er, eine "sehr gute" Frage gestellt zu haben. "Die anderen waren auch exzellent", fügt Guttenberg sofort hinzu und freut sich über seinen Scherz. Immer wieder betont der Zeuge, Spitzberg Partners sei keine Lobby-Firma. Das sei so, wie wenn man einen "Malereibetrieb, der gelegentlich eine Tür abschleift, als Tischlerei beschreibt". Etwaige Anfragen in dieser Richtung lehne er zu 99 Prozent ab, unterstreicht Guttenberg, um dann zu erklären, dass sein Engagement für Wirecard in China sehr wohl Lobbyismus gewesen sei. "Ich begreife mich nicht als Lobbyist, und ich verstehe auch, dass man das als Lobbying beschreiben kann." Generell gelte: "Hätten wir gewusst, dass das Geschäftsmodell von Wirecard auf Betrug basiert, hätten wir dieses Dax-Unternehmen nicht beraten."

Guttenberg nutzt die Chance, selbstbewusst für seine Firma zu werben. Als Fabio De Masi, der für die Linke in dem Ausschuss sitzt, zu einem Teilaspekt dem Zeugen vorhält, "da hätte man auch einen Praktikanten dransetzen können", kontert der Ex-Minister mit: "Ich glaube, da sind wir schon etwas besser." Wie eh und je macht Guttenberg den Eindruck, von sich überzeugt zu sein. Aber sind auch die Abgeordneten überzeugt von seinen Ausführungen zu seinem Beitrag im Wirecard-Skandal und seinem Treffen mit Angela Merkel im September 2019?

"Es überzeugt mich nicht"

Mehr zum Thema

Der SPD-Abgeordnete Jens Zimmermann nennt Guttenbergs Darstellung seines Gesprächs mit der Kanzlerin "geradezu bizarr". Gerade mal "zwei, drei Minuten" will Guttenberg mit Merkel über das Thema Wirecard gesprochen haben - und das auch eher zufällig. Geendet habe die Unterredung ohne feste Zusage der Regierungschefin, ihm und seinem Kunden Wirecard zu helfen. Zimmermann liefert sich mit dem Zeugen einen Schlagabtausch, der ebenfalls als bizarr bezeichnet werden kann. Insbesondere Guttenbergs Aussage, Lobbyarbeit, wenn überhaupt, "im Zweifel pro bono" - also mit geringer oder gar keiner Bezahlung - zu machen, stößt auf Verwunderung.

Guttenberg verwahrte sich gegen den - allerdings nicht klar ausgesprochenen - Verdacht, eventuelle Kontakte ins Kanzleramt oder Bundesministerien permanent für Lobbyarbeit wie die für Wirecard zu nutzen. "Ich verstehe ja, dass Sie es politisch machen wollen", sagt der Ex-Politiker zu seinen Ex-Kollegen. Wenn er, Guttenberg, tatsächlich die "vertrauensvolle Beziehung zu Frau Bundeskanzlerin" in der ihm unterstellten Form ausnutzen würde, "würde ich Preise aufrufen", die weit über denen lägen, "worüber wir hier reden". Zimmermann fand die Äußerungen "total witzig". Denn: "Sie verteidigen sich jetzt gegen Dinge, die ich Ihnen ja gar nicht vorwerfe." Und übrigens: "Es überzeugt mich nicht."

Quelle: ntv.de