Politik

Tage der Entscheidung in den USA Ist Bernie Sanders noch zu stoppen?

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Bernie Sanders machte am Wochenende Wahlkampf in Texas - ein wichtiger Bundesstaat für seine Kampagne.

(Foto: REUTERS)

Es sind bewegte Tage für die US-Demokraten. Wen schicken sie ins Rennen gegen Präsident Trump? Vieles spricht für den linken Senator Sanders, der noch nicht einmal zur Partei gehört. Doch er hat Gegner.

"Tamales for Tío Bernie" - so heißt ein Video, das am vergangenen Freitag auf Bernie Sanders' Youtube-Kanal veröffentlicht wurde. Wahlkämpfer mit hispanischem Hintergrund erklären darin, warum sie den linken Senator als US-Präsidenten sehen wollen. Tamales sind in Blätter gebundene Maistaschen, für viele bedeuten sie Heimat; und das Gegenteil von Hunger. "Er sagt seit 40 Jahren dasselbe, von der Krankenversicherung für alle bis zu Handelsabkommen. Seine Beständigkeit und Ehrlichkeit zieht viele Latinos an", sagt einer von ihnen. Tío heißt Onkel. Bernie, soll das heißen, gehört zur Familie.

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Einen Tag später gewinnt Sanders mit großem Abstand den Caucus der Demokraten in Nevada. Rund ein Drittel der Wähler dort sind Latinos. Das Video ist fraglos nicht die Ursache des Wahlerfolgs im westlichen Wüstenstaat. Aber es zeigt, wie wichtig Sanders die Wählergruppe nimmt. Sanders hat eigene Experten für sie, beschäftigt eine spezielle Wahlkampfmanagerin und das Hauptvideo seines Youtube-Kanals ist eines mit der überaus populären Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez aus New York City, die in ihren ersten Monaten im Kongress einigen Wirbel von links veranstaltet hat. "Wir haben die gleichen Interessen", begründet sie ihre Unterstützung.

In Nevada erreichte Sanders eine Zustimmung von 46,8 Prozent, Biden als Zweiter bloß 20,4 Prozent. Schon im "weißen" Bundesstaat New Hampshire hatten sich die meisten Wähler für Sanders entschieden, ebenso in Iowa, auch wenn dort Buttigieg denkbar knapp zum Sieger erklärt wurde. Bislang haben Analysten und Politstrategen Sanders' maximales nationales Wählerpotenzial bei höchstens 30 Prozent gesehen. Doch nun fragt sich der konkurrierende moderate Parteiflügel: Ist der Senator, der noch nicht einmal den Demokraten angehört, auf dem Weg zur Präsidentschaftskandidatur noch zu stoppen? Und wer könnte das bewerkstelligen?

Unterstützung auf breiter Linie

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In Nevada trafen die Bewerber erstmals auf eine bunte Wählerschaft. Sanders gewann laut Vorwahlbefragungen auf breiter Linie: 29 Prozent der Weißen, 51 Prozent der Latinos und 27 Prozent der Afroamerikaner gaben an, für den linken Senator zu stimmen. Auch nach Alter sortiert gewann er demnach bis auf die Gruppe über 65 Jahre - dort siegte Biden - überall. Bei Wählern unter 30 Jahre kam er sogar auf 65 Prozent. Diese Statistiken räumen mit dem Mantra der Moderaten auf, dass Sanders abseits von weißen Wählern nicht wählbar sei. Die Demokraten wissen, dass sie breite Unterstützung darüber hinaus brauchen, um gegen Trump zu gewinnen. Ein Drittel der Wahlberechtigten werden im November Latinos und Afroamerikaner sein oder stammen aus Asien.

Bei den Demokraten tobt schon seit Jahren ein Richtungskampf um die zukünftige Ausrichtung der Partei. Sanders, der die Vorwahlen 2016 in einem Fotofinish gegen Hillary Clinton verloren hatte, führt den linken, progressiven Flügel. Gegen größere progressive Projekte wie die einheitliche Krankenversicherung für alle oder Ocasio-Cortez' Green New Deal steht das bislang zersplitterte Parteiestablishment der Moderaten, die alte Garde, deren Aushängeschild Biden ist. Doch weder er, noch der junge ehemalige Bürgermeister Pete Buttigieg oder Senatorin Amy Klobuchar sind bislang für eine Mehrheit eine Alternative. Sanders Stärke ist auch ihre Uneinigkeit.

Doch es wäre zu einfach, nur auf parteiinterne Zustände zu verweisen. In diesem Wahlkampf geht es vor allem um den Alltag der US-Amerikaner. Selten zuvor waren die Debatten der Bewerber inhaltlich so detailreich, was auch damit zu tun hat, dass es so viele Bewerber gibt, die versuchen, sich von den anderen abzusetzen. Sanders' Themen - die Krankenversicherung, niedrigere Arzneimittelpreise, kostenlose Bildung und Einkommensgleichheit - sind besonders den Menschen der unteren Einkommensschichten wichtiger als taktische Überlegungen aus der Partei. Der Grund ist schwarz auf weiß belegbar: Weiße Haushalte verdienten im Jahr 2018 im Schnitt ein Drittel mehr als Latinos und sogar zwei Drittel mehr als solche von Afroamerikanern.

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Die Gegenargumente der alten Garde gegen Sanders sind bislang zahnlos geblieben: Einen Linken werden die USA niemals wählen? Sanders führt laut Umfragen im direkten Vergleich gegen den Präsidenten. Sanders wird gegen den moderaten Biden einbrechen? Die bisherigen Ergebnisse belegen das Gegenteil. Die Russen wollen, dass Sanders Kandidat wird? Auch diese Nachricht, ein Spiel mit der Angst vor Sanders' "demokratischem Sozialismus" hat keine entscheidende Menge an Wählern verschreckt. Die Demokraten wollen offenbar einen Wandel. Sanders' Pläne sind nach deutschem Verständnis eher linke sozialdemokratische Politik denn osteuropäischer Staatssozialismus.

Tage der Entscheidung

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Sanders ist 78 Jahre alt, manche stellen seine Gesundheit infrage. Frischer als Hauptkonkurrent Biden, der sich bei bisherigen Debatten auffällig oft verhaspelt hat, wirkt der stoische Senator jedoch allemal. Könnte er also im Wahlkampf gegen Trump bestehen, im direkten Bühnenduell, das so wichtig ist für die Wahlentscheidung? Überraschendes wird Sanders kaum liefern, bei den bisherigen Debatten hat er wie ein Radio mit denselben Songs auf Dauerschleife agiert, Angriffe väterlich weggelächelt oder sich einfach wiederholt. Rhetorisches Geschick ist also weniger seine Stärke. Eloquente Verteidigung gegen schmutzige Attacken wäre also zu viel erwartet. Ist er insgesamt telegener als Trump? Wohl nicht.

Drei Ereignisse werden zeigen, ob es noch eine realistische Chance gibt, Sanders die Kandidatur zu entreißen: Erstens die nächste TV-Debatte in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, wo vor allem Joe Biden auftrumpfen muss, will er, zweitens, am kommenden Samstag die Vorwahl in South Carolina wie angekündigt für sich entscheiden. Der Schlüssel wird jedoch der Super-Dienstag kommende Woche, wenn sich 14 Bundesstaaten für ihren Wunschbewerber aussprechen. Sie vertreten rund ein Drittel der verfügbaren Stimmen.

Darunter befinden sich auch Kalifornien und Texas, mit großer Latino-Bevölkerung und viel Gewicht für die Kandidatenkür im Juli. Latinos werden bei der Präsidentschaftswahl im November die meisten nicht-weißen Wahlberechtigten stellen; erstmals in der Geschichte der USA mehr als die Afroamerikaner. Mehr als 20 von 32 Millionen Latinos wählen wohl Demokraten, aber nur 20 Prozent von ihnen würden sich derzeit für Biden entscheiden. Jedoch 30 Prozent für Sanders. Er gehört ja zur Familie.

Quelle: ntv.de