Politik

Trudeau: "Haben Informationen" Kanada geht von Boeing-Abschuss durch Iran aus

Noch hält sich die US-Regierung mit Schuldzuweisungen zurück. Doch der kanadische Regierungschef ist sicher, dass die iranische Luftabwehr die ukrainische Boeing mit 176 Menschen an Bord abgeschossen hat. Auch Flüchtlinge aus NRW sind unter den Opfern. Teheran weist den Verdacht zurück.

Nach dem Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran geht die kanadische Regierung von einem Abschuss der Maschine aus. Man habe Informationen, dass die Boeing von einer iranischen Rakete getroffen worden sei, sagte Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau in einer TV-Ansprache. Der Abschuss sei möglicherweise nicht absichtlich geschehen, aber Kanada habe jetzt Fragen, die beantwortet werden müssten. Trudeau berief sich auf auf "Informationen aus verschiedenen Quellen, auch von unseren Verbündeten und unseren eigenen Geheimdiensten". Bei dem Absturz waren am Mittwoch mehr als 170 Menschen ums Leben gekommen - darunter 63 Kanadier.

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Zuvor war bereits in den USA der Verdacht eines versehentlichen Abschusses durch eine iranische Rakete in den Vordergrund gerückt. US-Regierungsvertreter sagten laut US-Medien unter Berufung auf Satellitenbilder, die US-Regierung sei sich nun sicher, dass die Boeing durch eine iranische Rakete abgeschossen worden sei. Es habe sich sehr wahrscheinlich um ein Versehen der iranischen Luftabwehr gehandelt. Auch aus Sicherheitskreisen habe es demnach geheißen, die USA prüften die Möglichkeit, dass die Boeing 737 versehentlich abgeschossen wurde.

Das US-Verteidigungsministerium lehnte eine Stellungnahme ab. US-Präsident Donald Trump sagte, jemand könnte einen Fehler gemacht haben. Er habe das Gefühl, dass etwas sehr Schreckliches passiert sei. Details nannte er nicht, heizte mit seiner Aussage die Spekulationen allerdings weiter an. Auf die Frage, ob die Maschine aus Versehen abgeschossen worden sein könnte, sagte er: "Das weiß ich wirklich nicht."

US-Medien berichten von Satellitenhinweisen auf Raketen

US-Regierungsbeamte hielten einen Abschuss für hoch wahrscheinlich, berichtete der TV-Sender CBS und berief sich auf namentlich nicht genannte Quellen. Man habe die Signale eines eingeschalteten Radars empfangen. Satelliten registrierten kurz darauf den Start von zwei Boden-Luft-Raketen. Das sei passiert kurz bevor das Flugzeug explodierte, berichtete CBS weiter. Das Nachrichtenmagazin "Newsweek" berichtete unter Berufung auf zwei Pentagon-Mitarbeiter, der Abschuss sei wohl versehentlich geschehen. Die Annahme sei, dass das iranische Luftabwehrsystem aktiv gewesen sein könnte, nachdem am Mittwoch vom Iran aus Raketen auf von US-Soldaten genutzte Militärstützpunkte im Irak abgefeuert worden waren, berichtete "Newsweek".

Im Netz kursieren derweil Fotos von vermeintlichen Raketenteilen, die nicht weit von der Absturzstelle des Unglücksflugzeugs gefunden worden sein sollen. Sie gehören den Spekulationen zufolge zu einem russischen Raketenabwehrsystem. Eine offizielle Bestätigung, dass die Bilder echt sind und der Schrott tatsächlich von der Unglücksstelle bei Teheran stammt, steht allerdings aus.

Drei afghanische Flüchtlinge aus NRW unter den Opfern

Bei dem Absturz am Mittwoch starben alle 176 Insassen. Auch eine in Nordrhein-Westfalen lebende Frau aus Afghanistan mit ihren beiden Kindern kam dabei ums Leben. Es handelte sich um eine 30-jährige anerkannte Asylbewerberin sowie ihre achtjährige Tochter und ihren fünfjährigen Sohn. Die Familie lebte seit mehreren Jahren in Werl bei Soest, teilte die Stadt mit. Kurz vor dem Absturz des Jets hatte der Iran Raketen auf von den USA geführte Militärstützpunkte im Irak abgefeuert.

Die iranische Luftfahrt-Behörde wies den Verdacht umgehend zurück, wonach die Boeing von einer iranischen Rakete abgeschossen worden sein könnte. "Die Behauptung, dass die Maschine von einem iranischen Raketenabwehrsystem getroffen worden sei, kann ganz und gar nicht stimmen, weil zur selben Zeit des Absturzes mehrere andere Maschinen im iranischen Luftraum unterwegs waren", zitierte die iranische Nachrichtenagentur Fars den Behörden-Chef Ali Abedzadeh. Im Iran gebe es zwischen der militärischen und zivilen Luftfahrtbehörde eine einwandfreie Koordination.

Die Behörden im Iran hatten bereits kurz nach dem Absturz von einem technischen Defekt gesprochen, ohne aber zu erklären, worauf sie sich dabei beriefen. Irans Präsident Hassan Ruhani forderte vom Verkehrsministerium und der Luftfahrtbehörde eine lückenlose Aufklärung. Transportminister Mohammed Eslami sagte, die Spekulationen über einen "verdächtigen" Absturz und die Gerüchte über einen Abschuss der Boeing 737 oder über eine Terroroperation seien falsch. Im Fokus der Untersuchungen steht die Frage, weshalb die Maschine der Ukraine International Airlines kurz nach dem Start auf ein offenes Feld nahe dem Teheraner Vorort Parand stürzte.

Blackbox soll Aufschluss geben

Die britische Regierung forderte eine "vollständige und transparente Untersuchung" zur Ursache des Absturzes der ukrainischen Passagiermaschine. Das sagte ein Downing-Street-Sprecher in London. Die Medienberichte zu dem Absturz bei Teheran - inmitten des bewaffneten Konflikts zwischen dem Iran und den USA - seien "sehr besorgniserregend" und würden geprüft, so der Sprecher. Der britische Premierminister Boris Johnson sagte dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in einem Telefongespräch zudem Unterstützung bei der Aufklärung der Absturzursache zu.

Kiew schickte eigene Experten in den Iran. Das US-Außenministerium forderte eine "umfassende Zusammenarbeit" bei der Untersuchung zur Absturzursache. Die Ermittler wollen nun den kurzen Flug von Teheran in die ukrainische Hauptstadt Kiew rekonstruieren. In einem vorläufigen Bericht der iranischen Luftfahrtbehörde heißt es, die Maschine habe versucht, zurück zum Flughafen zu fliegen. Augenzeugen hätten berichtet, die Maschine habe gebrannt. Als sie am Boden aufschlug, sei sie explodiert - wohl weil das Flugzeug große Mengen Kerosin getankt hatte.

Die Experten erhoffen sich mehr Informationen durch die Auswertung der beiden Blackboxen mit den Flugdaten. Die Boxen enthalten die Flugdatenschreiber und einen Stimmenrekorder mit Aufnahmen der Gespräche im Cockpit. Diese sollten nach gründlichen Untersuchungen an die Ukraine übergeben werden, kündigte die Luftfahrtbehörde an. Die Geräte seien aber beschädigt worden. Kurz vor dem Absturz habe auch kein Funkkontakt mehr zu den Piloten bestanden.

Quelle: ntv.de, mau/rts/AFP/dpa