Politik

Künftiger Kanzleramtschef Kann Olaf Scholz eigentlich witzig sein, Herr Schmidt?

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Olaf Scholz hat "so eine Art, in sich hinein zu lachen, wenn er sich selbst über eine gute Bemerkung freut", sagt Wolfgang Schmidt.

(Foto: picture alliance / photothek)

Er ist der engste Scholz-Vertraute und bald Kanzleramtschef: Wolfgang Schmidt erzählt im Interview, dass der künftige Kanzler humorvoll sein kann und was er macht, wenn er sauer ist. Und er deutet an, was Scholz aus seiner Sicht besser machen wird als Angela Merkel.

ntv.de: Herr Schmidt, als Sie Olaf Scholz vor 20 Jahren kennengelernt haben, war Ihnen damals klar: Der landet mal im Kanzleramt?

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Wolfgang Schmidt ist Olaf Scholz von Hamburg nach Berlin gefolgt: Er ist seit 2018 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, davor war er Staatsrat der Hamburger Senatskanzlei.

(Foto: picture alliance / photothek)

Wolfgang Schmidt: Ich bin ja jetzt schon eine ganze Weile mit Olaf Scholz unterwegs und irgendwann hatte ich das Gefühl, das ist einer, der kann das. Er hat ein besonderes Gespür, wo die Zukunftsaufgaben liegen und wie man sie vernünftig anpackt.

Es ging für Scholz aber nicht immer nur bergauf. Denken wir an die Niederlage im Kampf um den SPD-Parteivorsitz vor zwei Jahren. Kamen da Zweifel bei Ihnen auf?

Nicht wirklich. Denn ich hatte immer den Eindruck, dass er bei den Leuten gut ankommt. Das hat sich bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg gezeigt und in allen Umfragen, seitdem er Finanzminister war. Viele mögen seine Art und seinen sachlichen Regierungsstil. Deswegen war ich überzeugt, dass er es schaffen kann.

Dennoch gibt es viele Klischees über Olaf Scholz - und die sind nicht nur positiv. Er gilt als spröde und langweilig. Sie kennen ihn besser als die meisten. Was für ein Mensch ist er wirklich?

Er ist ein feiner Kerl, auf ihn ist Verlass. Natürlich ist er als Norddeutscher nicht der emotionalste. Man kann mit Olaf Scholz gut diskutieren. Er ist jemand, der viel nachdenkt, über Politik, die Gesellschaft, das Leben. Und aus dieser Analyse heraus entwickelt er kluge Pläne. Etwas, das ich sehr an ihm schätze: Er entwickelt akribisch seine Ideen und setzt sie dann mit der nötigen Härte auch um.

Liegen dann alle falsch, die ihn für uninteressant halten?

Olaf Scholz hat ja mal gesagt, er bewerbe sich nicht um das Amt des Zirkusdirektors, sondern um das des Bundeskanzlers. Diese Ernsthaftigkeit mögen die Leute und deshalb haben sie ihm bei der Bundestagswahl die meisten Stimmen gegeben.

Also doch langweilig.

Nein. Er setzt auf Substanz, nicht Show.

Wenn er nun zum Kanzler gewählt wird, folgt Olaf Scholz einer Frau nach, der ein ähnliches Wesen zugeschrieben wird. Auch Angela Merkel gilt als nüchtern, sachlich, stoisch. Passt der Vergleich?

Da gibt es schon Gemeinsamkeiten. Beide durchdenken die Dinge sehr gründlich, sie sind solide Redner, Säle bringen sie aber eher nicht zum Kochen. Vom Typ her sind sie generell unaufgeregt. Ich habe von beiden zum Beispiel noch nie ein lautes Wort gehört.

Haben Sie aber zumindest hinter den Kulissen mal einen Olaf Scholz erlebt, der richtig sauer ist?

Sauer, klar, auch das gibt es mal. Nur eben nie laut. Ich finde es immer wieder bemerkenswert, mit welcher inneren Ruhe er Druck, Angriffe und Krisensituationen annimmt, für sich einsortiert und weitermacht, bis eine Lösung da ist.

Er wirkt immer sehr zufrieden mit sich und seiner Leistung. Kommt er aber auch mal aus einem Termin und sagt zu Ihnen: Das habe ich total verhauen?

Sein Blick ist eher nach vorne gerichtet. Entscheidend ist für ihn, was ist jetzt nötig, um die Sache über die Ziellinie zu schieben. Er schaut aber schon kritisch, was war da, welche Schlussfolgerungen sind zu ziehen.

Scholz ist bescheidener als man denkt? Wirklich?

Er weiß, was er kann. Aber er ist schon auch jemand, der sehr reflektiert ist.

Sein Bild in der Öffentlichkeit ist also falsch?

Bei vielen Politikern ergibt sich ein öffentliches Bild, das aber nicht unbedingt abdeckt, wie jemand im persönlichen Kontakt ist. Was man feststellen kann, ist, dass Olaf Scholz über Parteigrenzen hinweg einen guten Ruf hat. Viele empfinden ihn als guten und kompetenten Verhandlungspartner. Natürlich hart in der Sache, aber so, dass man sich auf ihn verlassen kann.

Was macht Olaf Scholz, wenn ihm etwas wirklich gut gelungen ist?

(lächelt) Nichts komplett anderes, als wenn er nicht zufrieden ist. Ich erinnere mich zumindest an keine emotionalen Ausbrüche.

Aber eine gute Flasche Wein wird er doch wohl mal aufmachen!?

Klar.

Kann der künftige Bundeskanzler eigentlich auch witzig sein?

Ich finde, ja. Das hebt er sich dann eher für interne Runden auf. Er hat außerdem so eine Art, in sich hinein zu lachen, wenn er sich selbst über eine gute Bemerkung freut.

Zurück zur Politik: Demnächst wird es Olaf Scholz sein, auf den die Bürger blicken. Seine Worte werden noch mehr Gewicht haben. Sie haben selbst schon gesagt: Für mitreißende Reden steht er nicht. Muss er sich als Kanzler steigern?

Die öffentliche Rede ist natürlich ein wichtiges Werkzeug für einen Spitzenpolitiker. Bei Olaf Scholz habe ich immer wieder erlebt, dass er seine politischen Gedanken und Ideen im entscheidenden Moment überzeugend rüberbringt.

Angela Merkel hat 16 Jahre als Kanzlerin regiert, obwohl auch sie keine große Rednerin ist. Kommt es vielleicht gar nicht so sehr darauf an?

Es kommt vor allem erstmal auf den Inhalt der Rede an. Wir haben uns angewöhnt, bei Reden fast wie Theaterkritiker darauf zu schauen: Passt die Stimmmodulation, ist die Rede mit bestimmten Gesten unterlegt? Inszenierung sollte aber nicht zum Selbstzweck werden. Es kommt viel mehr darauf an, ob jemand einen stringenten Gedanken entwickelt und eine Sache so durchdrungen hat, dass er sie anderen erläutern kann. Das macht Olaf Scholz.

Mehr als Merkel?

Ich denke, er wird Reden, Gespräche und Diskussionen nutzen, um seine Politik zu erklären. Wir erleben gerade, dass es viele Fragen gibt und die Bürgerinnen und Bürger das Bedürfnis haben, dass Politik sagt, was sie eigentlich tut und warum sie etwas tut. Sie wollen das nachvollziehen können.

Olaf Scholz wirkt nach seinem Wahlsieg genauso wie vorher. Keine Spur von Euphorie. Freut er sich überhaupt auf seine Kanzlerwahl?

Mein Eindruck ist, dass er sich darauf freut, das Land voranzubringen. Er ist jemand, der sehr schnell wieder an die Arbeit geht und sich um die nächsten Dinge kümmert, die anliegen. Nach der Wahl mussten Gespräche mit Grünen und FDP vorbereitet werden, die Koalitionsverhandlungen standen an. Gleichzeitig trifft uns die Corona-Lage hart und erfordert größte Aufmerksamkeit und entschiedenes Handeln.

Ist Scholz stolz, Bundeskanzler zu werden?

Er hat gesagt, es habe ihn berührt, dass ihm und der SPD so viele Bürger zutrauen, die neue Regierung zu führen. Er spüre eine Verantwortung, das dann auch ordentlich und gut zu machen. Und ich bin sicher, dass er genau dafür jetzt alles tun wird.

Mit Wolfgang Schmidt sprach Philip Scupin

Quelle: ntv.de

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