Politik

Verkehrswende in Luxemburg Kostenloser ÖPNV allein bringt nichts

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Seit dem 1. März braucht man für den Nahverkehr in Luxemburg kein Ticket mehr.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Luxemburg ist die Verkehrswende deutlich sichtbar. Seit März können alle Menschen im Großherzogtum kostenlos Bus, Bahn und Tram fahren. Das Projekt ist für den Verkehrsminister aber nur die "Kirsche auf dem Kuchen". Kann Luxemburg trotzdem ein Vorbild auch für Deutschland sein?

Ticketautomaten findet man nicht mehr, Fahrkartenkontrolleure verteilen keine Bußgelder, sondern geben Auskunft. Das ist seit März Alltag in Luxemburg. Das kleinste deutsche Nachbarland hat als erstes Land der Welt einen kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) eingeführt. "Der kostenlose öffentliche Nahverkehr ist nur ein ganz kleiner Teil einer Gesamtstrategie zu einem anderen Mobilitätskonzept, das wir jetzt seit Jahren in Luxemburg verfolgen. Ich sage immer, das ist sozusagen die Kirsche auf dem Kuchen", erzählt der luxemburgische Verkehrsminister François Bausch im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Der Kuchen, das seien die "hohen Investitionen", die man derzeit tätige, um den "Ausbau einer anderen Mobilitätsstrategie" zu fördern, sagt Bausch. Die Kirsche, der kostenlose ÖPNV, reiße dagegen kein allzu großes Loch in die Luxemburger Kassen. Denn die Mehrkosten für den kleinen Staat halten sich im Rahmen. Sie liegen bei rund 40 Millionen Euro pro Jahr, weil die Steuerzahler schon vorher gut 90 Prozent der Kosten getragen haben.

Luxemburger Fahrkarten waren auch vor dem Gratis-Angebot vergleichsweise günstig, trotzdem hätten die Fahrten zum Nulltarif dem ÖPNV einen weiteren Schub gegeben, meint François Bausch. Auch wenn die Corona-Krise die Mobilitätsrevolution teilweise ausbremst, sieht sich die luxemburgische Regierung auf einem guten Weg. "Die Zwischenbilanz ist sehr positiv", sagt Bausch, der erste Erfolge vor allem auf der Schiene sieht. "Wir bauen ganz neue Bahnhöfe, der Hauptbahnhof Luxemburg wird ausgebaut, bekommt doppelt so viel Kapazität."

Das Ziel der Strategie ist klar: Die Luxemburgische Ampelkoalition aus Liberalen, Grünen und Sozialdemokraten will so viele Menschen wie möglich dazu bewegen, ihr Auto stehen zu lassen. Das ist in dem kleinen Land auch bitter nötig, denn vor allem die Hauptstadt erstickt im Verkehr. "Deutschland baut die Autos und die Luxemburger kaufen sie. Sie sind eigentlich viel autoverliebter als die Deutschen", sagt Bausch und ergänzt, dass Luxemburg den höchsten individuellen Motorisierungsgrad in der EU hat.

220.000 Grenzpendler täglich

"Auch die Zahl der Grenzpendler ist sehr massiv angestiegen. Zurzeit sind wir bei ungefähr 220.000 täglich, Tendenz steigend", erzählt der luxemburgische Verkehrsminister. 220.000 Menschen, die jeden Tag aus Frankreich, Belgien und Deutschland nach Luxemburg fahren, viele von ihnen mit dem eigenen Auto. In einem Land, das nur knapp 630.000 Einwohner zählt, sind Staus deshalb programmiert, zumal die meisten Grenzpendler zum Arbeiten in die Banken- und Finanzmetropole Luxemburg-Stadt pendeln.

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François Bausch ist seit 2013 Teil der luxemburgischen Regierung.

Vor vier Jahren habe man sich deshalb eingestanden, dass es nicht mehr so weitergehen könne, blickt Bausch zurück. Man habe beschlossen, das Thema Mobilität ganz anders anzugehen. "Wir planen keine Infrastrukturen mehr, um Transportmittel zu bewegen, sondern um Menschen zu bewegen. Alle Mobilitätskonzepte haben sich nicht nach der eigentlichen Nachfrage, sondern nur an den Fahrzeugen orientiert." Das habe zu falschen Schlussfolgerungen geführt, betont Bausch.

In Luxemburg ist daraus eine große Auto-Dominanz entstanden. Die endet allerdings nicht, nur weil Bus- und Bahnfahrten plötzlich gratis sind. Der kostenlose ÖPNV allein bringt keine Verkehrswende. Das Gesamtverkehrskonzept namens "Modu 2.0" soll die Mobilität revolutionieren. Damit Pendler zumindest für die letzten Kilometer ihr Auto stehen lassen, soll die Zahl der Park-and-Ride-Parkplätze in den nächsten fünf Jahren verdoppelt werden. Eigene Pendlerspuren sind geplant, damit Autos mit mindestens drei Insassen schneller vorankommen als Einzelfahrer: Bisher sitzen 60 Prozent der Berufspendler alleine im Auto, 2025 sollen es weniger als die Hälfte sein, obwohl insgesamt noch mehr Berufspendler erwartet werden.

Um diesen Spagat zu schaffen, geht es für Verkehrsminister Bausch vor allem um eine bessere Verzahnung der einzelnen Verkehrsmittel. "Wenn wir einen neuen Bahnhof bauen, dann ist das nicht einfach nur ein Bahnhof für den Zug, sondern es wird auch immer darüber nachgedacht, wie wir den Bahnhof mit dem Bus- und Tramfahren, dem Fahrradfahren und Zu-Fuß-gehen verbinden."

"Laboratorium für neue Mobilitätskonzepte"

Die Verkehrswende in Luxemburg ist ein langer Weg und der kostenlose ÖPNV nur die "Kirsche auf dem Kuchen". Und der Kuchen - die anderen Maßnahmen - müsse erstmal gebaut und dann auch von den Menschen angenommen werden. Aktuell rührt Luxemburg also noch den Teig zusammen.

Das empfiehlt Verkehrsminister Bausch auch Deutschland, zumindest in Ballungsräumen wie Berlin, München, Hamburg oder dem Ruhrgebiet sollte man der Idee eine Chance geben: "Wenn Sie einen schlecht organisierten öffentlichen Verkehr umsonst machen, werden dadurch nicht mehr Leute auf den ÖPNV umsteigen. Es ergibt nur Sinn, wenn es in ein Gesamtkonzept eingebettet wird." Grundsätzlich betrachte Luxemburg sich als ein "Laboratorium für diese neuen Mobilitätskonzepte".

Deutschland orientiert sich allerdings noch nicht wirklich am Luxemburger Konzept. Hierzulande testen bislang nur kleinere Städte einen kostenlosen ÖPNV. Die Einwohner von Monheim am Rhein können seit April für zunächst drei Jahre gratis Bus fahren. In Augsburg ist der Nahverkehr zumindest in der Innenstadt kostenfrei. In der Brandenburger Stadt Templin gab es zwischen 1998 und 2003 bereits einen Test. Das Konzept ist aber an den hohen Kosten gescheitert. In größeren Städten gibt es höchstens einzelne kostenfreie Tage im Jahr. Die deutsche Verkehrswende, sie dauert. Ticketautomaten stehen noch, Fahrkartenkontrolleure kontrollieren noch.

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Quelle: ntv.de