Politik
Das deutsche Kleingartenwesen gilt als Inbegriff des Vereinslebens.
Das deutsche Kleingartenwesen gilt als Inbegriff des Vereinslebens.(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 11. Dezember 2017

Zusammenhalt in Gefahr: Ostdeutsche sehen sozialen Kitt bröckeln

Wie stabil ist die deutsche Gesellschaft? Viele Bundesbürger halten den Zusammenhalt für gefährdet. Grund sind einer Studie zufolge gefühlte Ungerechtigkeiten. Völlig anders schätzen die Deutschen derweil die Lage im eigenen Kiez ein.

Deutschlandweit sehen vier von zehn Bundesbürgern den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. Besonders groß ist die Skepsis in Ostdeutschland. in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen stimmte jeder zweite Befragte diesem Befund zu, wie aus der jüngsten Bertelsmann-Studie hervorgeht. Als Gründe verweist die Studie auf frühere Untersuchungen hinsichtlich der Ängste angesichts der fortschreitenden Globalisierung. Hinzu kommt die Flüchtlingskrise.

Völlig anders bewerten die Befragten derweil den sozialen Zusammenhalt in der eigenen Wohngegend. Hier ist Hamburg Schlusslicht - nur gut jeder Zweite würde den Zusammenhalt im eigenen Kiez als gut bezeichnen. In allen anderen Ländern würden dem 60 bis 81 Prozent der Befragten zustimmen.

Die Tatsache, dass die Befragten "einerseits das Gefühl haben, der gesellschaftliche Zusammenhalt sei gefährdet, auf der anderen Seite aber den Zusammenhalt in ihrem eigenen Umfeld positiv einschätzen, stimmt vorsichtig optimistisch", urteilen die Autoren. "Die konkreten Alltagserfahrungen der Menschen sind demnach besser als das, was sie für das gesamte Land vermuten oder was ihnen öffentliche Debatten dazu spiegeln."

Jeder Fünfte kritisiert Zahl der Flüchtlinge

Einen Schwerpunkt legt die Befragung "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" auf das Thema Flüchtlingskrise und die Folgen für den Zusammenhalt. So glauben in den fünf neuen Ländern zwischen 35 und 43 Prozent der Befragten, dass sich der Staat mehr um Flüchtlinge kümmere als um hilfsbedürftige Deutsche. Deutschlandweit würde dem jeder Dritte (33 Prozent) zustimmen - und gut ein Viertel (28 Prozent) zumindest in Teilen.

Dennoch finden bundesweit es 44 Prozent der Befragten gut, dass Deutschland in den vergangenen Jahren so viele Flüchtlinge aufgenommen hat - in Hamburg sagen dies sogar fast 60 Prozent. Gut 34 Prozent würden sich dieser Aussagen immerhin in Teilen anschließen.

Die geringste Zustimmung für die Aufnahme gibt es in vier der fünf ostdeutschen Bundesländern: Hier unterstützt nur gut ein Drittel das Verhalten der Bundesregierung. Gleichzeitig aber will sich Drittel dem gar nicht anschließen, während das letzte Drittel in dieser Frage unentschieden ist. Ausreißer ist Mecklenburg-Vorpommern mit einer Zustimmung von 45 Prozent. Vergleichsweise gering ist die Zustimmung zur Aufnahme von Flüchtlingen im geleisteten Umfang auch in Schleswig-Holstein und Bayern mit jeweils 38 Prozent.

In diesem Zusammenhang kann sich in den neuen Ländern auch nur gut die Hälfte der Befragten vorstellen, dass Deutschland die Aufnahme und Integration bewältigen wird. Erneut liegen die Länder damit auf den Schlussplätzen. Bundesweit glauben 60 Prozent, dass diese Aufgaben gelingen werden. In Hamburg und Hessen sind es sogar jeweils gut 70 Prozent.

Deutschland ist tief gespalten

Und doch sind die Befunde nicht zu unterschätzen. Die Autoren sprechen von Hinweisen auf "spezifische Gefährdungspotenziale des sozialen Zusammenhalts". Die Bürger fühlten sich nur mäßig gerecht behandelt. Ihrer Meinung nach seien die Güter in der Gesellschaft nicht wirklich gerecht verteilt. Gerade mit Blick auf die Unterschiede zwischen Ost und West müsse man "konstatieren, dass unser Land hinsichtlich des sozialen Zusammenhalts (...) nach wie vor tief gespalten ist". So sind zwei von drei Bundesbürgern der Meinung, dass die wirtschaftlichen Gewinne des Landes ungerecht verteilt seien. In Sachsen, Thüringen und Brandenburg sowie Berlin und Hamburg sagen dies sogar mehr als 70 Prozent.

Zu den Faktoren, die den sozialen Zusammenhalt gefährden, gehören der Erhebung zufolge vor allem die Aspekte, die ökonomischer Ausgrenzung berühren - etwa hohe Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit sowie ein hoher Anteil an Menschen, die soziale Grundsicherung erhalten. Unter dem Strich hat verbreitete Armut einen geringeren Zusammenhalt zur Konsequenz.

Für die Politik müsse das heißen, weiter an der Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West sowie zwischen strukturschwachen und prosperierenden Regionen zu arbeiten. Im Kern gehe es dabei vor allem um die Verbesserung der ökonomischen Situation und die Verhinderung von Armut, schreibe die Autoren. Doch reicht dies allein nicht: Die zivilgesellschaftliche Infrastruktur müsse verbessert und die Akzeptanz von Vielfalt - gerade im Osten - gefördert werden.

Für die Erhebung waren im Frühjahr bundesweit mehr als 5041 Menschen befragt worden.

Quelle: n-tv.de