Politik

30 Jahre Dauerkrise Pirmasens gegen den Rest der Welt

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Abbruchreif, aber bewohnt: Häuser im Problemviertel Kirchberg

Julian Vetten

Die Westpfalz ist ein echter Globalisierungsverlierer: Seit dem Niedergang der Schuhindustrie steckt Pirmasens in der Dauerkrise, jedes dritte Kind wächst in Armut auf. Wer darüber offen spricht, gilt in der Stadt als Nestbeschmutzer.

An manchen Geschichten kommt man einfach nicht vorbei. Die von Pirmasens ist eine davon: Mit 11,9 Prozent liegt die Arbeitslosenquote in der westpfälzischen Stadt weit über dem deutschen Schnitt, jedes dritte Kind ist auf Hartz IV angewiesen und gestorben wird in Pirmasens im Durchschnitt zehn Jahre früher als im Rest des Landes, nämlich bereits mit 73 Jahren. Hinfahren, die Hintergründe für die Krise aufrecherchieren, mögliche Lösungen präsentieren - viel klarer kann ein Reportageauftrag eigentlich kaum lauten. Zumindest auf dem Papier. Nur, dass das Papier nichts über die Mauer des Schweigens verrät, die den Ort umgibt.

Wie hoch die ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Direkt ins Auge stechen dafür die Begleiterscheinungen der wirtschaftlichen Krise, die Pirmasens seit rund 30 Jahren im Würgegriff hält: Die rund einen Kilometer lange Fußgängerzone wirkt selbst am Wochenende wie ausgestorben, überall in der Stadt erinnern die vernagelten und überklebten Schaufenster leerstehender Ladenlokale an bessere Zeiten - und selbst die Zapfhähne in den meisten Kneipen im Ort sind seit langem ausgetrocknet. Das Grau des Verfalls wird nur durch die Spielhöllen unterbrochen, die sich wie bunt blinkende Krebsgeschwüre ins Stadtbild gefressen haben.

So traurig sah es hier nicht immer aus: Bis weit in die 1970er-Jahre boomte Pirmasens, die Stadt galt als Schuhmekka Deutschlands. Fast die Hälfte der damals 60.000 Einwohner war in einer der rund 500 in Stadt und Landkreis angesiedelten Schuhfabriken angestellt, zeitweise kamen bis zu 40 Prozent der in der Bundesrepublik verkauften Treter aus der Westpfalz. Die Jobs als Zuschneider oder Stepper waren harte Arbeit, aber vergleichsweise gut bezahlt: Schon ein ungelernter Arbeiter verdiente genug, um Familie und Eigenheim zu finanzieren - eine Ausbildung, von einem Studium ganz zu schweigen, absolvierten damals die Wenigsten. Warum auch?

Hartz IV in der dritten Generation

Der direkte Weg von der Schule in den Betrieb rächte sich spätestens, als ab den frühen 1980er Jahren der schleichende Niedergang der Stadt begann: Immer mehr Unternehmen verlagerten ihre Produktion in Billiglohnländer wie Portugal und Spanien, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs dann nach Osteuropa - und schließlich bis nach Vietnam und China. Pirmasens ist - neben dem Ruhrgebiet - eines der wenigen wirklichen Opfer der Globalisierung, von der Deutschland als Exportnation wirtschaftlich ansonsten enorm profitierte. Ein Opfer, das seine Rolle lange nicht wahrhaben wollte: Statt frühzeitig den Strukturwandel als solchen zu erkennen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten, stemmten sich die Pirmasenser mit aller Macht gegen die Veränderungen, die die neue Zeit mit sich brachte.

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Leerstand, wohin man schaut: Auch in dieser Kneipe liegen die Zapfhähne schon lange trocken.

(Foto: Julian Vetten)

Ohne Erfolg. Im Jahr 2018 sind von den Hunderten Schuhfabriken gerade mal sieben Betriebe übrig, der Rest musste dichtmachen. Es setzte der Teufelskreis ein, der fast immer auf dem Fuße folgt, wenn Monokulturen zusammenbrechen: massenhafte Arbeitslosigkeit, schwindende Kaufkraft, ein sterbender Einzelhandel. Und genug Perspektivlosigkeit, um ein Drittel der Bevölkerung aus der Stadt zu treiben und die Einwohnerzahl auf 42.000 schrumpfen zu lassen. Zurück blieben größtenteils die schlecht oder gar nicht Ausgebildeten, die sich um die viel zu wenigen verbliebenen Jobs drängelten. "In Pirmasens gibt es so gut wie keine Mittelschicht", sagt eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, die ihren Namen nicht in der Öffentlichkeit lesen möchte. "Dafür haben wir nicht wenige, die bereits in der dritten Generation Hartz IV beziehen." Ein Zustand, der sich wohl auf absehbare Zeit nicht ändern wird.

"Pirmasens war oft zu spät dran: in der Schuhindustrie genau wie beim Abzug der Amerikaner (bei dem Mitte der 1990er Jahre auf einen Schlag rund 5000 Arbeitsplätze wegbrachen, Anm. d . Red.)", zählt die Stadtangestellte auf und schiebt hinterher, warum Pirmasens wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt: "Wir liegen nicht am Wasser, wir haben keine großen Autobahnen in der Nähe, wir haben nur viel freie Fläche." Das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit, ein anderer ist viel profaner: Nur wer über seine Probleme redet, kann sie auch lösen.

Pirmasens gegen den Rest der Welt

"Seit 30 Jahren müssen wir uns anhören, wie beschissen es bei uns läuft, da haben wir einfach keinen Bock mehr drauf", sagt der Wirt einer der wenigen in der Innenstadt verbliebenen Kneipen. "Lasst uns doch einfach unsere Ruhe." Journalisten sind in Pirmasens nicht gerne gesehen, zu viel Unbequemes wurde schon über die Stadt geschrieben und gedreht. "Die Menschen haben Angst. Man kennt sich ja hier, das ist eine kleine Stadt: Wer das Falsche sagt, ist ganz schnell unten durch. Und schauen sie doch nur mal, was ihre 'Kollegen' vom Fernsehen da letztes Jahr gerissen haben", erklärt ein Einzelhändler, der sein Geschäft unweit des zentralen Exerzierplatzes betreibt. Der Mann bezieht sich auf den Beitrag eines "Spiegel TV"-Teams, das unter anderem Kindergartenkinder dazu brachte, vor laufender Kamera über den Alkoholismus ihrer Eltern zu reden.

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Die meisten der großen Schuhfabriken, die das Stadtbild dominieren, stehen seit Jahrzehnten leer.

(Foto: Julian Vetten)

Sensationsjournalismus eben. Und Wasser auf die Mühlen der "Wir gegen den Rest der Welt"-Mentalität, die in Pirmasens herrscht. Dabei sind die allermeisten Artikel überregionaler Medien, die sich in der Vergangenheit mit der Stadt beschäftigt haben, alles andere als tendenziös. Trotzdem: "Wenn ich jetzt bei Ihnen auspacke, kauft bei mir ab morgen keiner mehr ein. Dann kann ich den Laden zusperren", sagt der Ladenbesitzer und weist höflich, aber bestimmt, den Weg zur Tür. So eine Reaktion erwartet man vielleicht bei Recherchen über die italienische Mafia, in einem verschlafenen pfälzischen Nest wirkt das Ganze dagegen maßlos übertrieben.

Ist es aber wohl nicht. Den Ruf als Nestbeschmutzer hat man in Pirmasens schnell weg und wird ihn nur sehr schwer wieder los. Frank Eschrich kann ein Lied davon singen: Der Linken-Politiker stellte im vergangenen Jahr den Kontakt zwischen einer Hartz-IV-Familie und dem Kamerateam von "Spiegel TV" her, "weil sie mir eine faire Berichterstattung versprochen haben". Nach Erscheinen des Films wurde Eschrich dafür öffentlich gekreuzigt, quer durch alle Fraktionen im Stadtrat hinweg. Natürlich kann man dem Politiker Naivität im Umgang mit Medien vorwerfen, aber "was da passiert ist, war eine regelrechte Hexenjagd".

Bildungszwang und "Bulldozer"-Preise

Reportageserie Mittelstädte

Rund 70 Prozent der Deutschen leben in Städten oder Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern, überregionale Nachrichten kommen aber traditionell fast ausschließlich aus den Großstädten. Doch auch andernorts finden Dinge statt, die uns alle etwas angehen. Deshalb besucht n-tv.de unabhängig vom Tagesgeschehen jeden Monat eine deutsche Mittel- oder Kleinstadt und berichtet über die Dinge, die die Region am stärksten beschäftigen.

Die Reaktion der Pirmasenser auf unliebsame Berichterstattung und "Verräter" aus den eigenen Reihen wird von höchster Stelle vorgelebt: Bernhard Matheis lenkt als Oberbürgermeister bereits seit 2003 die Geschicke der Stadt und kommuniziert schon seit längerem nur noch über offene Briefe mit der Presse: "Die Journalisten werden ausschließlich zu den unansehnlichsten, dunkelsten und Zerfall und Niedergang am eindrucksvollsten dokumentierenden Quartieren der Stadt geführt", antwortet der CDU-Politiker in einem vor Sarkasmus nur so triefenden Brief auf einen SZ-Artikel, der vieles ist, mit Sicherheit aber nicht unfair.

Noch weiter geht Matheis bei der Reaktion auf ein kürzlich erschienenes Buch mit dem Titel "Eine deutsche Stadt sucht ihre Zukunft": "Für eine von Ihnen vorgeschlagene Buchvorstellung stehen - wie Sie selbst unwiderlegbar dokumentiert haben - in Pirmasens keine adäquaten, repräsentativen Räume zur Verfügung. Als Veranstaltungsort schlage ich Ihnen deshalb die öffentliche Toilettenanlage hinter dem Rathaus vor." Das Buch, von einem Heidelberger Hobbyautor verfasst, ist alles andere als ein literarischer Meilenstein, wäre aber mit Sicherheit völlig unbeachtet in der Versenkung verschwunden, wenn der Bürgermeister an sich gehalten hätte.

"Welche Berichterstattung hat […] den höchsten Image-Schaden für die Stadt Pirmasens bewirkt?", formuliert Matheis eines der Kriterien für einen fiktiven "Bulldozer"-Preis, den er in seiner Replik an die SZ auslobt. Langfristig gesehen dürften das wohl die offenen Briefe des Oberbürgermeisters selbst sein. Sicher ist dagegen bereits jetzt, dass Matheis' Medienfeldzug von den zaghaften Fortschritten ablenkt, die an der einen oder anderen Stelle in Pirmasens dann doch zu beobachten sind: Ein paar der mächtigen Schuhfabriken, die das Stadtbild dominieren, haben mittlerweile ein zweites Leben als Ärztezentrum oder Technikmuseum begonnen, auf dem ehemaligen Kasernengelände der US-Armee studieren im Schuhinnovationszentrum mittlerweile 800 Menschen aus aller Welt.

"Von denen ist allerdings im Stadtbild wenig zu sehen, und nach abgeschlossenem Studium hauen die allermeisten wieder ab - selbst die, die aus Pirmasens kommen", sagt die Verwaltungsangestellte, die lieber anonym bleiben möchte, aber eine klare Vorstellung davon hat, was in der Stadt passieren müsste: "Die meisten Leute, die sich engagieren, engagieren sich sozial. Das ist zu kurz gedacht. Wir müssen die Ursachen bekämpfen, nicht die Symptome." Ehrenamtliche sollten sich lieber in Bildungsinitiativen engagieren, unterstützt von der Stadt selbst: "Die Politik müsste an der Bildung ansetzen, viel stärker mit Zwang arbeiten."

Bildungszwang, das klingt nicht schön. Aber wer seit drei Jahrzehnten den Niedergang der eigenen Stadt mit ansehen muss, neigt wohl irgendwann zu radikalen Ideen. Dass irgendetwas passieren muss, so viel ist jedenfalls klar. Ob Bernhard Matheis eine Idee für die Lösung der Pirmasenser Probleme hat, ist dagegen unbekannt: Wahrscheinlich ist der Oberbürgermeister schlicht zu beschäftigt - mit dem Verfassen offener Briefe.

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Quelle: n-tv.de

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