Politik

US-Wahlkampf-Guru über Trump "Sie haben Angst, dass er sich rächt"

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Trumps Moment der Wahrheit dürfte im kommenden Jahr anstehen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Trump geistert noch immer durch die US-Politik. Kommt er zurück und rächt sich an seinen Gegnern? Mike Murphy ist Republikaner, Trump-Gegner und gewiefter Wahlkampfstratege, der einst Arnold Schwarzeneggers Wahlkampf leitete. Außerdem ist er unterhaltsamer Podcaster. Kürzlich war er in Frankfurt am Main und fand Zeit für ein Telefonat mit ntv.de.

ntv.de: Die Schlagzeilen haben sich beruhigt, Präsident Biden versucht es mit Sachpolitik. Ist wirklich wieder Normalität in den USA eingekehrt?

Mike Murphy: Mit Biden ist wieder Normalität eingekehrt, in dem Sinne, dass wir wieder einen nüchtern agierenden Präsidenten haben. Und kein Chaos und kein inkompetentes Personal mehr. Das ist gut und es gibt einen großen Seufzer der Erleichterung im Land darüber. Bei den Republikanern ist dagegen noch nicht alles wieder normal.

Was ist da los?

Ich dachte, dass Trumps Glanz nach dem Ende seiner Präsidentschaft verblassen würde, aber dann kam der 6. Januar (Sturm auf das Kapitol, Anmerkung der Red.). Damit schüchtert er noch immer rund drei Viertel der gewählten Amtsinhaber der Republikaner ein. Von denen verfluchen ihn zwar viele hinter verschlossenen Türen, aber sie haben Angst, dass er sich rächt, wenn sie das öffentlich tun. Sie glauben, vielleicht fälschlicherweise, dass Trump großen Einfluss auf die Wähler in ihren Wahlkreisen hat und sie dort in den Vorwahlen bestrafen könnte. Also, das Land ist wieder normal, aber die Republikaner spielen weiterhin verrückt.

Aber es sah doch erst so aus, als ob 6. Januar das endgültige Ende für ihn wäre.

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Mike Murphy ist einer der gefragtesten und erfahrensten Politikberater und Wahlkampfmanager der Republikaner. Er war für John McCain, Mitt Romney und Arnold Schwarzenegger tätig.

(Foto: Gage Skidmore / Wikimedia Commons)

Ein paar haben sich auch distanziert, aber Trump hat es geschafft, einen großen Teil, vielleicht die Mehrheit der Wähler zu überzeugen, dass ihm die Wiederwahl gestohlen wurde. Oder zumindest, dass es nicht ganz mit rechten Dingen zuging. Es gibt also diese Phantasie-Realität an der Basis und die gewählten Politiker schrecken davor zurück, sich dem entgegenzustellen. Einige von ihnen sind verrückt und stimmen Trump zu, andere wissen, dass es Blödsinn ist. Und eine kleinere Anzahl von Abgeordneten im Repräsentantenhaus bekämpft diese Lüge dann doch. Unter den Republikanern könnte darüber ein Bürgerkrieg ausbrechen.

Ist Trumps Einfluss denn wirklich noch so groß?

Wir werden bei den Midterm-Wahlen herausfinden, ob das alles nur eine Blase ist, die bald zerplatzt, oder ob Trump wirklich so mächtig ist. Denn Trump geht schon gegen rund ein Dutzend Abgeordnete vor, die demnächst bei Vorwahlen antreten müssen und offen gegen ihn sind oder auch dafür gestimmt haben, ihn des Amtes zu entheben. Dann werden wir sehen, ob Trump wirklich die Macht hat, die so viele fürchten. In der Finanzwelt würde man sagen, dann erfahren wir seinen wahren Marktwert. Wir werden sehen, was mit Anthony Gonzalez in Ohio, Liz Cheney in Wyoming oder Jamie Herrera Beutler in Washington State sein wird. Das werden faszinierende Vorwahlen. Das sind beliebte, sehr starke Kandidaten, und Trump wird Jagd auf sie machen.

Wie viele Republikaner sind denn nun wirklich gegen Trump? Offiziell ist die Unterstützung für ihn ja nahezu einstimmig.

Ich würde sagen, im Repräsentantenhaus hätte von den Republikanern sicherlich die Hälfte absolut nichts dagegen, wenn Trump morgen von einer Klippe stürzen und verschwinden würde. Die andere Hälfte ist eher bei ihm an Bord. In der Partei ist es nicht so anders. Ein großer Teil der Unterstützung für Trump ist Theater, weil die Amtsträger fürchten, dass er sich in ihre Vorwahlen einmischt. NBC News macht seit einiger Zeit eine Umfrage unter Republikanern und fragt sie, ob sie sich eher der Partei oder eher Trump verbunden fühlen. Vor einem Jahr waren ungefähr 54 Prozent für Trump und 36 Prozent für die Partei. Bei der gleichen Frage waren es im letzten Monat 50 Prozent für die Partei, 44 Prozent für Trump. Das heißt zwar, dass Trump immer noch Macht hat, aber sie ist geringer geworden. Viele Republikaner sagen Dinge wie: Ich mag ihn, er hat vieles richtig gemacht, aber es ist nun Zeit, weiterzuziehen. Wir müssen Trump nicht noch einmal wählen. Ich würde sagen, ungefähr ein Drittel der Wähler in den Vorwahlen ist Hardcore-Trump, weitere 30 Prozent sind ziemlich Anti-Trump und der Rest weiß es noch nicht. Denn letztlich wissen sie auch, dass Trump gescheitert ist. Unter der Oberfläche ist die Partei also gespaltener als zuvor. Ich glaube, Trump wird auch durch die Klagen gegen ihn und andere Probleme weiter geschwächt werden. Aber er ist immer noch ein riesiger Faktor. Und wenn er noch einmal kandidiert, wäre er mindestens ein starker Kandidat. Er hält also gerade die Klinge der Guillotine über die Partei.

Was glauben Sie, kandidiert er noch einmal?

Ich glaube nicht, aber man kann nicht vorhersagen, was Verrückte tun werden. Ich nehme an, er will vor allem die Medien reizen, damit er jeden Tag auf der Titelseite steht und es nur um ihn geht. Das wird er noch lange so tun. Er wird wohl auch eine vorläufige Wahlkampforganisation aufbauen, aber ich halte es für wenig wahrscheinlich, dass er wirklich in die Präsidentschaftsvorwahlen der Republikaner einsteigt, dabei bleibt und es ernsthaft versucht. Aber ich spekuliere auch nur. Ich versuche die Muster in Trumps Verhalten zu erkennen. Es ist noch zu früh, etwas Definitives zu sagen.

Er selbst sagt, er will seine Entscheidung nach den Zwischenwahlen im kommenden Jahr, den Midterms, bekannt geben. Glauben Sie ihm das?

Die sind auf jeden Fall ein wichtiger Test. Zur Zeit gehen alle davon aus, dass Trumps Kritiker keine Chance haben, weil er die Partei so sehr im Griff hat. Aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Wenn Trump in diese zehn oder zwölf Wahlkreise hineingeht und seine Kandidaten nur in ein oder zwei davon gegen seine Kritiker gewinnen, wird man die Lage neu bewerten. Dann wird es heißen: Trump ist ein Papiertiger, seine Zeit ist vorbei, er konnte die Kandidaten nicht k. o. schlagen, die ihn des Amtes entheben wollten. Das wird alles aufbrechen. Und Trump wird das nicht gut verkraften. Er wird spüren, dass die Wahrnehmung seiner Macht schrumpfen wird. Genau das würde dann ja passieren. Dann wäre es wieder wahrscheinlicher, dass er nicht kandidiert, obwohl er weiter damit drohen wird, um sein Gesicht zu wahren. Bei den Vorwahlen zu den Midterms werden wir also herausfinden, ob Trump wirklich die Muskeln hat, die ihm alle zuschreiben.

Es sind also eher die Vorwahlen zu den Midterms als die Midterms selbst?

Das Problem mit den Midterms ist, dass es im Senat für die Demokraten etwas besser aussieht. Die Staaten, die die Republikaner gewinnen müssen, sind Staaten, in denen die Republikaner in den Vororten punkten müssen. Und genau da hat Trump uns so sehr geschadet. Im Repräsentantenhaus dagegen müssen wir nur fünf Sitze gewinnen. Seit 1945 hat die Präsidentenpartei bei den ersten Midterms im Schnitt 27 Sitze verloren. Dieses Mal stehen ungefähr 21 Sitze auf dem Spiel, bei denen es in die eine oder die andere Richtung gehen könnte. 19 von diesen Sitzen haben derzeit Demokraten inne. Die Republikaner haben also einen großen Vorteil. Selbst wenn sie sich ganz dumm anstellen, werden sie wahrscheinlich trotzdem gewinnen. Die Republikaner sind wie ein toter Elefant, der den Hügel herunterpurzelt. Sie sind vielleicht tot, aber sie gewinnen das Rennen trotzdem.

Könnte Trump den Sieg dann nicht für sich beanspruchen?

Deswegen sind die Vorwahlen wichtiger, um das Verhältnis Trumps und der Republikaner zu beurteilen. Einfach gestrickte Reporter werden sehen, dass die Republikaner gewinnen und sagen, dass die Partei wieder da ist und Trump seinen Teil dazu beigetragen hat. Dabei hat es ganz andere Gründe, unter anderem auch, dass die Wahlkreise neu zugeschnitten wurden und konservative Staaten wie Texas mehr Sitze bekommen haben. Auch dass Trump wahrscheinlich im Senat schlecht abschneiden wird, fällt dann unter den Tisch. Es wird also ein gemischtes Urteil geben: Sie wollen Trump einen Erfolg zusprechen, den er nicht verdient, obwohl die Vorwahlen das eigentliche Signal senden werden. Wenn er es nicht schafft, die Abgeordneten auszustoßen, die gegen ihn sind, heißt das, dass er die Kontrolle über die Partei verliert. Das würde großen Eindruck in der Partei machen. Die verängstigten Amtsinhaber hätten dann weniger Angst.

Was halten Sie von dieser Idee, Trump könnte Sprecher des Repräsentantenhauses werden?

Das ist eine verschlagen-clevere Idee, auch wenn Trump kein Interesse daran zu haben scheint. Er könnte einen Wahlkreis finden, in dem er wahrscheinlich gewinnt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob er das macht. Das wäre eine ziemliche Wette. Denn dabei würde geheim abgestimmt werden, und dann könnte er knapp verlieren. Es wäre ein Risiko für ihn, und das mag er nicht. Er mag die großen Gesten, bei denen er nichts verlieren kann.

Mit Mike Murphy sprach Volker Petersen.

Mike Murphy ist einer der versiertesten Wahlkampfstrategen in den USA. Er führte zahlreiche erfolgreiche Kampagnen, etwa von John McCain, Mitt Romney und Arnold Schwarzenegger. Zugleich stellte er sich offen gegen Trump, als dieser Kandidat seiner Partei wurde und rief zur Wahl des Demokraten Joe Biden auf. Gemeinsam mit den Demokraten David Axelrod und Robert Gibbs, die einst für Präsident Barack Obama arbeiteten, kommentiert er das politische Geschehen der USA in dem englischsprachigen Podcast "Hacks on tap".

Quelle: ntv.de

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