Politik

"Etwas stimmt nicht mit Biden" US-Grabenwahlkampf im "Giftgas" beginnt

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Polizisten griffen am Montag gegen Demonstranten am Lafayette Square durch.

(Foto: mpi34/MediaPunch/MediaPunch/IPx)

Der US-Präsident schießt sich auf den Gesundheitszustand seines Konkurrenten ein, der wiederum schaltet TV-Spots in Schlüsselstaaten: Im Duell Trump gegen Biden fliegen erste Fetzen. Sie geben Hinweise auf die Monate bis zur Wahl.

"Haltet die Linie! Haltet die Linie!", schallt es über den Lafayette Square. Demonstranten setzen sich am Montag in Sichtweite des Weißen Hauses gegen Polizisten zur Wehr. Vor deren Eingreifen mit Pfefferspray hatten die Wütenden versucht, auf dem Platz die Reiterstatue von Andrew Jackson zu stürzen. Jener ehemalige Präsident des 19. Jahrhunderts, von dem in den USA noch immer ein positives Bild gezeichnet wird, weil er als bürgernah galt; trotz seiner Verteidigung der Sklaverei, trotz seines Hasses auf die amerikanischen Ureinwohner, die er zur Umsiedlung in Reservate zwang. Nicht weit entfernt von ihm steht die Kirche, zu der sich Trump unter Tränengaseinsatz geleiten ließ, um sich mit hochgehaltener Bibel fotografieren zu lassen.

Landesweite Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus, weiterhin hohe Coronavirus-Infektionsraten und eine sechsstellige Totenzahl sowie eine Wirtschaftskrise epochalen Ausmaßes; in diesem Panorama versucht Präsident Donald Trump, den Wahlkampf zu seinen Gunsten anzuschieben. Bis zur Wahl sind es noch rund vier Monate. Das klingt nach wenig, ist aber in der schnelllebigen US-Politik eine halbe Ewigkeit. Doch als hätte es einen stillen Startschuss gegeben, hat in der vergangenen Woche der öffentliche Wahlkampf begonnen. In dem Trump viel Boden auf seinen voraussichtlichen Konkurrenten Joe Biden gutmachen muss.

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Zusammengeknüllte "MAGA"-Kappe, ungebundene Krawatte - US-Präsident Donald Trump bei seiner Rückkehr ins Weiße Haus.

(Foto: AP)

Für den Präsidenten war dessen Rede im Bundesstaat Oklahoma am Samstag alles andere als ein guter Start. Die Veranstaltung im Tulsa wurde zusammengeschrumpft, zwei Drittel der Plätze blieben leer. Auf dem Rückflug nach Washington soll Trump über die gefühlte Blamage herumgeschrien haben. Entsprechenden Medienberichten widerspricht seine Pressesprecherin. Ein Foto zeigt Trump, wie er bei seiner Rückkehr mit hängendem Kopf und ungebundener Krawatte über den Rasen des Weißen Hauses geht. Mitzuverantworten hat dies womöglich Wahlkampfmanager Brad Parscale, der als einer der Mitkonstrukteure von Trumps Erfolg im Jahr 2016 gilt - und für Tulsa Menschenmassen angekündigt hatte.

Angriff, Angriff, Angriff

Trotz der leeren Sitze gab Trump im republikanischen Heimatterritorium Hinweise darauf, wie er die nächsten Monate zu bestreiten gedenkt. Sein Wahlkampfteam hatte Biden am Tag davor in Anzeigen als "merklich schwach" und ohne "mentale Kraft" dargestellt. Schon im Mai hatte Trump über Biden entsprechend gepöbelt: "Er weiß nicht, dass er lebt." Am Samstag unkte Trump vom Rednerpult dann etwas abgeschwächter, "etwas stimmt nicht mit Biden" ("there is something wrong with Biden"). Das klingt vertraut. Im Wahlkampf 2016 verwendete er häufig einen ähnlichen Satz ("there‘s something going on") und lieferte damit vielfältig verwendbares Rohmaterial für Verschwörungstheoretiker und Unzufriedene mit der Art, wie in Washington Politik gemacht wird.

Im landesweiten Umfrageschnitt liegt Trump derzeit fast neun Prozent hinter Biden, auch in umkämpften Bundesstaaten wird der Präsident derzeit im Nachteil gesehen. Es ist zwar ohnehin Trumps Art, immer voll und ohne viel Rücksicht auf Gepflogenheiten anzugreifen. Aus seiner Sicht bleibt ihm gerade noch weniger übrig als ohnehin schon. Denn auch 2016 siegte Trump nicht etwa, weil er beliebter gewesen wäre als seine Konkurrentin Hillary Clinton. Sondern weil sich der Unternehmer als Aufräumer darstellte und Clinton dagegen als Vertreterin des "Deep State" und politischen "Sumpfes" in Washington, durch seine Attacken noch unbeliebter machte.

Trumps Sprecherin sagte nach Tulsa, es sei so toll gewesen, dem Sumpf zu entkommen und auf dem Land zu sein. "So empfindet es auch der Präsident." Trump hat in Metropolen keinen guten Stand, seine Wähler sind vor allem in ländlicheren Gegenden zu finden. Trump versucht nun, Biden in eine Ecke zu stellen, dieser sei "eine hilflose Marionette der radikalen Linken". Das Publikum reagierte emotionaler auf Kritik an Biden, wenn Trump ihn in Zusammenhang mit dem progressiven Flügel der Demokraten unter Feuer nahm, etwa mit einer der Hassfiguren der Konservativen, der Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez. Wird Biden als radikaler Linker gebrandmarkt, könnte dies mögliche Wähler der Mitte abschrecken, ihn zu wählen.

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Führt in Umfragen zur Präsidentschaftswahl: Joe Biden.

(Foto: AP)

Biden wird in den kommenden Monaten mit zahlreichen Problemen zu kämpfen haben, selbst wenn Trumps Wahlkampfteam keinen Schmutz mehr gegen ihn in der Hinterhand haben sollte. Das hat auch mit Bidens Anspruch und seiner Selbstdarstellung als moralisch integrer Politiker zu tun. Die Vorwürfe, er habe Frauen und Kinder betatscht, werden deshalb wohl nicht aus der Welt gehen, ebenso wenig die Diskussionen um seinen Gesundheitszustand, seine Geldgeber und, womöglich ein Schlüssel zur Wahl, seine politische Historie in Bezug auf Afroamerikaner. Bleiben deren Stimmen weg, hat er kaum eine Siegchance. Denn weder unter Latinos, noch allgemein unter jungen Wählern ist Biden besonders populär.

Wenige Wechselwähler

Schon vor Trumps Auftritt in Tulsa hatte Biden die erste große medienübergreifende Werbewelle gestartet, die fünf Wochen dauern soll und 15 Millionen Dollar kosten wird. Ziel sind sechs umkämpfte Bundesstaaten, die Trump vor vier Jahren gewann: Wisconsin, Michigan, Pennsylvania, North Carolina, Florida und Arizona. Die Anzeigen sind auch tagsüber auf Fox News zu sehen. Laut Bidens Wahlkämpfern sollen so die Menschen erreicht werden, die den ehemaligen Präsidenten Barack Obama wählten, sich aber aus Abneigung gegen Clinton für Trump entschieden.

Trotz Tulsa-Fiasko will Trump mehr öffentliche Auftritte, um Boden auf Biden gutzumachen. Er soll auch schon vorgeschlagen haben, statt der vorgesehenen drei TV-Duelle beider Kandidaten vier abzuhalten. In der direkten Konfrontation sieht sich der Präsident im Vorteil. Immer wieder nennt Trump seinen Konkurrenten "schläfrigen Joe", um dessen geistigen Gesundheitszustand infrage zu stellen. Tatsächlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Biden nicht immer den fittesten Eindruck macht. Er ist 77 Jahre alt. Für die Demokraten lohnen sich offene Konfrontationen kaum. "Es wird sich wie ein Grabenkrieg anfühlen", sagte ein republikanischer Wahlkampfberater dem US-Magazin "Politico"; "viel Giftgas und Nahkampf". Verweigert sich Biden diesem Nahkampf, so das voraussichtliche Kalkül, wird ihn Trump als schwach darstellen.

Die beiden Präsidentschaftskandidaten liegen also bereits weitgehend in ihren Stellungen. "Wenn du nach einem Kämpfer suchst, hast du dich schon für Trump entschieden", zitiert etwa "The Guardian" einen republikanischen Berater und Meinungsforscher: "Wenn du nach sozialer Gerechtigkeit suchst, hast du schon entschieden, für Biden zu stimmen." Demnach liegt der Anteil der wahren unentschlossenen Wahlberechtigten bei sechs Prozent - also solche US-Amerikaner, die noch nicht wissen, in welche Gräben sie sich bis November begeben sollen. Die anderen müssen mobilisiert oder vom Wählen abgehalten werden. Fühlen sich die Demokraten und ihre Anhänger wegen der Umfragen zu selbstsicher, könnte es ein Déjà-vu geben.

Quelle: ntv.de