Politik

Klimapolitische Kehrtwende? Union erwärmt sich für Kernkraft

Wie kann Deutschland die selbst gesetzten Klimaziele doch noch erreichen? Eine Rückkehr zur Atomenergie kann sich der energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion durchaus vorstellen. Den Ausstieg aus dem Atomausstieg, heißt es, sollen aber andere anstoßen.

Der energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Joachim Pfeiffer, wäre unter Umständen offen dafür, auch in der Zukunft weiter Kernkraftwerke in Deutschland zu betreiben. "An mir und an der Unionsfraktion wird es nicht scheitern", sagte der CDU-Politiker dem "Spiegel". Er habe es für falsch gehalten, überhaupt aus der Kernkraft auszusteigen. Allerdings sei es nicht an der Union, den ersten Schritt zu machen: "Wenn es jetzt aber darum geht, aus Klimaschutzgründen wieder in die Kernenergie einzusteigen, muss die Initiative von den Grünen und Linken ausgehen", sagte Pfeiffer. Grüne und Linke lehnen Atomkraft weiterhin ab, unter anderem mit Hinweis auf die noch immer ungelösten Fragen rund um die sichere Endlagerung der strahlenden Abfälle.

Einig sind sich alle Beteiligten nur in einem Punkt: Wenn Deutschland die selbst gesteckten Klimaziele tatsächlich noch erreichen will, dann müssen die Treibhausgasemissionen deutlich sinken. Im Sommer hatte Volkswagen-Chef Herbert Diess deshalb eine längere Nutzung der Kernkraft ins Spiel gebracht. Wenn Klimaschutz wichtig sei, sagte Diess, sollten die Kernkraftwerke länger laufen. Auch der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk von der CDU hatte längere Laufzeiten für einzelne Kraftwerke angeregt.

Atomausstieg politisch entschieden

Der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Carsten Linnemann, forderte gegenüber dem "Spiegel", zumindest an der wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Kernenergie festzuhalten: "Forschung muss unbedingt in Deutschland bleiben", sagte der CDU-Politiker. Der im Jahr 2011 nach der Fukushima-Katastrophe beschlossene Ausstieg aus der Atomkraft werde allerdings nicht mehr angetastet, sagte Linnemann, das sei politisch entschieden.

In der Energieversorgung in Deutschland spielen die verbleibenden Reaktoren nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Anteil der Atomenergie bei den im Inland produzierten und ins Netz eingespeisten Strommengen lag nach Angaben des Statistischen Bundesamts im dritten Quartal 2019 bei gerade noch 13,9 Prozent.

Weniger als ein Fünftel Atomstrom

Der Anteil erneuerbarer Energien erreichte im gleichen Zeitraum einen Wert von 42,4 Prozent, was rund 50,9 Terawattstunden an eingespeistem Ökostrom entspricht. Kraftwerke aus dem Segment der Wind- und Solarenergie steuerten dabei eine Menge von 36,3 Terawattstunden oder einen Anteil von 30,2 Prozent bei. Der Rest des erzeugten Ökostroms entfiel vorwiegend auf Biogas- und Wasserkraftwerke. Im dritten Quartal 2018 lag der Gesamtanteil des Ökostroms noch bei 34,0 Prozent, der von Windkraft und Solar bei 24,1 Prozent.

Im Zeitraum Juli, August und September 2019 lagen die Erneuerbaren mit dem beigesteuerten Anteilen an der deutschen Energieerzeugung erneut vor dem Kohlestrom. Der Rückgang beim Kohlestrom setze sich fort, schrieben die Statistiker. Konventionelle Energieträger kamen im dritten Quartal 2019 insgesamt auf 69,2 Terawattstunden oder einen Anteil von 57,6 Prozent.

Davon entfielen 28,4 Prozent auf Kohlestrom, die oben bereits erwähnten 13,9 Prozent auf die Atomkraft und 13,0 Prozent auf Erdgas. Ein Jahr zuvor hatte der Anteil der konventionellen Energieträger noch insgesamt 63,5 Prozent betragen, davon 39,4 Prozent Kohle, 13,3 Prozent Atomkraft und 8,7 Prozent Erdgas.

Die Gesamtmenge des in Deutschland produzierten und ins Netz eingespeisten Stroms ging im Jahresvergleich um 12,8 Prozent auf 120,1 Terawattstunden zurück. Dies erklärt auch den prozentualen Anstieg bei der Atomkraft, obwohl die dort produzierte Strommenge leicht rückläufig war.

Quelle: ntv.de, mmo/AFP