Politik

Epidemiologe Ulrichs bei Lanz "Was, wenn wir die Impfpflicht nicht einführen?"

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs befürwortet eine Impfpflicht.

Viele Bundesländer sind dabei, die von der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossenen neuen Corona-Regeln umzusetzen. Auch Mecklenburg-Vorpommern. Und die Impfpflicht-Diskussion dauert weiter an. Genug Stoff für den Talk mit Markus Lanz am Dienstagabend.

Es wird eine spannende Woche. In vielen Bundesländern werden die Corona-Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz vom vergangenen Freitag umgesetzt. Auch in Mecklenburg-Vorpommern: Dort ist ab dem heutigen Mittwoch für Geboosterte der Besuch einer Gaststätte schon am Tag der Impfung ohne Test möglich. Kluge Regel? Nicht für Timo Ulrichs, einem Gast bei Markus Lanz im ZDF. Der Immunologe, auch häufig Gast bei ntv, wies darauf hin, dass die Impfstoffe bis zu zwei Wochen Zeit brauchten, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Sein Resümee: "Ein paar Tage warten sollte man schon noch, bis die Wirkung einsetzt."

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von der SPD erklärte bei Markus Lanz ihre Corona-Strategie. Es gehe darum, Gesundheit und Leben der Menschen, aber auch die Wirtschaft und das soziale Zusammenleben zu schützen. Deswegen setze ihr Bundesland auch die beschlossenen verkürzten Quarantänemaßnahmen um. Froh ist Schwesig darüber, dass Clubs und Discos in allen Bundesländern geschlossen würden. Ihr Bundesland hatte schon frühzeitig damit angefangen, nachdem im Dezember fast alle Intensivbetten belegt waren. Das Ergebnis: Viele Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern waren für Weihnachts- und Silvesterpartys ins benachbarte Schleswig-Holstein ausgewichen.

Der Dritte im Bunde bei Lanz ist Johannes Nießen, der Leiter des größten Gesundheitsamts in Deutschland, das sich in Köln befindet. Er freut sich über die einheitlichen Quarantäneregeln. Es sei jedoch schwer, den Menschen bei Beratungsgesprächen immer wieder neu zu erläutern, welche Regeln jetzt gerade gelten, klagt er. "Wir appellieren aber auch an die Eigeninitiative und an die Eigenverantwortung", sagt er. Hier müssten die Menschen immer noch lernen.

Für die Arbeit der Gesundheitsämter sieht Nießen Licht am Ende des Tunnels. Die Ministerpräsidenten hätten am Anfang der Krise vereinbart, vier Milliarden Euro ins Gesundheitssystem zu stecken, um unter anderem die Gesundheitsämter personell aufzustocken. Dieses Personal käme nun langsam an. Trotzdem fürchtet Nießen: "Wir haben bei der neuen Omikron-Variante so viele Fälle, dass wir nicht bei allen hinterher sein können." Zudem hebt der Kölner Gesundheitsamtschef hervor, dass immer mehr Gesundheitsämter digitalisiert seien. Über sein eigenes Amt sagt er: "Wir haben keine Faxgeräte!" Mit dem neuen elektronischen Meldesystem sei man mit dem Robert-Koch-Institut verbunden und bis Ende des Jahres müssten auch alle niedergelassenen Ärzte darauf umgestellt haben. "Es geht in Richtung Faxverbot."

Schwesig: "Ich bin für allgemeine Impfpflicht"

Alle drei Gäste wissen: In den nächsten Wochen werden die Inzidenzwerte mit der neuen Omikron-Variante durch die Decke gehen, auch bei uns. Doch die Krankheitsverläufe werden milder sein. Deswegen sei es wichtig, die Hospitalisierungsrate nicht nur auf den Intensivstationen zu messen, sondern auf die Normalstationen auszuweiten, sagt Schwesig. Um die Situation weiter zu entspannen, könnte eine allgemeine Impfpflicht vielleicht helfen. Sie sei dafür, sagt Schwesig. Nun sei es wichtig, welche Vorschläge für die geplante Bundestagsdebatte zu diesem Thema vorgelegt würden.

"Ich hätte mir am Anfang der Pandemie nicht vorgestellt, dass wir überhaupt eine Impfpflicht brauchen, schon gar nicht in Ostdeutschland", gibt sie zu. Die Diskussion werde hochemotional geführt, das könne sie verstehen. Auch die Demonstrationen dagegen. Dabei gebe es allerdings sehr unterschiedliche Strömungen. Radikale Kräfte habe es schon vor Corona gegeben. Aber jetzt gebe es Grenzüberschreitungen.

Dann wird Schwesig konkret: "Diejenigen, die diesem demokratischen Rechtsstaat faschistisches Vorgehen vorwerfen, sind zum Teil die, die so etwas selbst machen. Wer mit Fackeln vor Privathäuser zieht, der muss sich selber fragen, wie er handelt. Es ist ein ganz kleiner radikaler Teil, der dem demokratischen Staat diesen Vorwurf macht. Wir machen sicherlich nicht alles richtig in der Pandemie. Aber wenn gesagt wird, dass die Bundesrepublik kein demokratischer Rechtsstaat ist, kann ich das nicht stehen lassen."

Ulrichs ruft zu mehr Gelassenheit auf

"Man sollte sich bemühen, zu argumentieren, und nicht mit bestimmten Ausdrücken um sich werfen", mahnt Immunologe Ulrichs. Man müsse klar benennen, wo unsere Probleme seien, und eines der größten sei die niedrige Impfquote. Und Nießen fordert, Kritiker besonders im Osten Deutschlands ernst zu nehmen. In der DDR habe es eine Impfquote von 99 Prozent gegeben, sie sei deutlich höher als in der alten Bundesrepublik gewesen. In der Impfverweigerung vieler Ostdeutscher sieht Nießen Misstrauen dem Staat gegenüber. Es seien viele Entscheidungen getroffen worden, durch die sich im Osten viele Menschen abgehängt fühlten, sagt er.

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Was die Einführung einer Impfpflicht angeht, schlägt Nießen drei Schritte vor. Der erste sei die bereits beschlossene Einführung einer einrichtungsbezogenen Impfpflicht. Nun sei zunächst die Einführung einer Impfpflicht für Menschen über 50 Jahre wichtig, das habe in Australien gut geklappt. Danach müsse man überlegen, ob eine Impfpflicht für alle nötig sei. Um deren Einhaltung zu kontrollieren, wünscht er sich nach der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte nun schnell die elektronische Patientenakte. Von da bis zu einem möglichen Impfregister sei es dann gar nicht mehr weit.

Ulrichs wirft eine andere Frage in die Diskussion: "Was wäre, wenn wir die Impfpflicht nicht einführen?" Dann müsste man immer einen Anteil Ungeimpfter durch die nächsten Wellen mitnehmen und man könnte nicht mit einer nötigen Entspannung in die endemische Situation hineingehen. Ulrichs sagt: "Wir sind mit unseren Maßnahmen bisher immer hinter der Pandemie hergelaufen. Wenn wir jetzt vorausschauend auf der Grundlage der Erfahrungen, die wir jetzt haben, die Impfpflicht einführen, dann bauen wir vor - und verhindern die Wellen, die sonst garantiert kommen würden."

Quelle: ntv.de

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