Politik

"Die Reise für das Leben" Wie Sputnik V nach Lateinamerika kam

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Impfung von Gesundheitspersonal in Buenos Aires.

(Foto: REUTERS)

Auf der Suche nach einem Impfstoff fliegen argentinische Regierungsmitglieder im Oktober nach Moskau - und bauen eine Brücke für ganz Lateinamerika. In mehreren Ländern der Region wird Sputnik V schon verabreicht. Einige werden den Impfstoff selbst herstellen.

Kurz vor Jahresende 2020 war es so weit - in Lateinamerika begannen die ersten Impfungen. Im Dezember setzen mexikanische Ärzte Spritzen mit dem Präparat von Pfizer/Biontech. Sie haben nur 3000 davon, es ist fast ein symbolischer Akt. In Argentinien ist der erste Empfänger einer Impfung Arzt auf einer Intensivstation; dort, wo die Covid-19-Patienten liegen. Weiteres Personal folgt, Erleichterung ist trotz Mund-Nasen-Schutz spürbar. Der Gesundheitsminister bedankt sich per Faust, andere applaudieren. Das argentinische Personal hat den russischen Impfstoff Sputnik V verabreicht bekommen - die ersten einer Charge von 300.000 Dosen.

Inzwischen hat die Regierung insgesamt 19,4 Millionen Dosen beim russischen Staatsfonds Russian Direct Investment Fund (RDIF) bestellt, der für die Vermarktung des Impfstoffs im Ausland zuständig ist. Bislang sind knapp unter ein Million Impfdosen verabreicht. Auch den Impfstoff von Astrazeneca hat die Regierung bestellt sowie Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation angefragt, insgesamt 51 Millionen Dosen. Die würden für mehr als die Hälfte der Bevölkerung reichen. Angekommen ist bislang nur Sputnik V.

Argentinien ist das erste Land in Amerika gewesen, das das russische Produkt zuließ, und das erste, das damit impfte. Etwa 100 Millionen Sputnik-V-Dosen sollen nach derzeitigem Stand in Lateinamerika verabreicht werden. In Brasilien ist sogar schon die Produktion in einem Privatlabor angelaufen, mit einer Zielmarke von acht Millionen Dosen pro Monat. Entscheidend für diese Entwicklung war offenbar eine diplomatische Initiative Argentiniens, wie regionale Medien über Monate berichteten und die spanische Zeitung "El País" zusammengetragen hat.

Regionale Produktion als Ziel

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Gibt Hoffnung: Sputnik V

(Foto: REUTERS)

Die Geschichte beginnt ab Mitte vergangenen Jahres, als sich nach den ersten Monaten des Lockdowns die Regierungen im Rennen um den ersten Impfstoff der Welt positionieren wollen. Die lateinamerikanischen Länder wissen, dass sie bei Lieferungen wohl keine Priorität gegenüber den Ländern des globalen Nordens erhalten werden. Die einzige sichere Form der Impfstoffversorgung wäre also eine eigene Produktion in der Region. Da es verschiedene Labore und Forschungsprojekte gibt, ist es auch ein bisschen eine Wette: Welcher Impfstoff wird zuerst fertig? Wie aufwändig sind Produktion und Verteilung?

Im August verkündet Russland, die ersten Impfdosen zu verabreichen, darunter der Tochter von Wladimir Putin. "Ihr geht es gut. Als wäre gar nichts passiert", preist der russische Staatschef den Impfstoff. Studiendaten zu Sputnik V sind jedoch nicht verfügbar. Mexikos Regierung zeigt sich wie viele andere Länder skeptisch über die vollmundige Ankündigung.

Zu dieser Zeit unterzeichnen Argentinien und Mexiko einen Vertrag mit der Universität Oxford, der ihnen die Produktion des Astrazeneca-Impfstoffs in nationalen Laboren erlaubt, falls die Studien erfolgreich würden. In Zusammenarbeit wollen die beiden Länder die komplette Region versorgen.

Andere Staatschefs zeigen sich bei einer gemeinsamen virtuellen Konferenz begeistert. Ideologische Differenzen, die sonst viele Konfliktlinien in Lateinamerika zeichnen, sind im Angesicht der tödlichen Pandemie unwichtig geworden. Eine Zulassung von Sputnik V ist da noch nicht abzusehen. Trotzdem unterzeichnet ein Privatunternehmen in Mexiko einen Produktionsvertrag über 32 Millionen Dosen mit Russland.

Harter Lockdown, hoher Druck

Es ist nun Oktober, es gibt Studienergebnisse in Moskau. Sie sind auf Russisch, weder unabhängig geprüft noch veröffentlicht. In Argentinien drängt die Zeit nicht nur wegen der Todeszahlen, sondern auch politisch. Zwar hat der Lockdown einen Kollaps des Gesundheitssystems verhindert, aber nach mehr als einen halben Jahr härtester Maßnahmen sind die Menschen müde. Die Unterstützung der Bevölkerung für den Regierungskurs schwindet. Das Ziel aus der Casa Rosada, dem Regierungspalast: Wir müssen vor Ende des Jahres mit den Impfungen beginnen.

Mitte des Monats fliegt eine Delegation von Buenos Aires nach Moskau und verschafft sich einen Überblick der Ergebnisse aus der dritten und entscheidenden Evaluierungsphase. Kurz darauf telefoniert Argentiniens Präsident Alberto Fernández mit Putin und schließt den Deal ab. Bei einem erneuten Besuch prüfen die Regierungsmitarbeiter die Ergebnisse mit der Lupe: Hunderte Seiten russischer Dokumente übersetzen sie auf Spanisch, besuchen das Gamaleja-Institut, wo Sputnik V produziert wird, und hangeln sich von einer Videokonferenz in die nächste, wird danach ein Mitglied der Delegation berichten. Währenddessen verkündet Russland, dass die Wirksamkeit bei 91,4 Prozent liege.

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Alberto Fernández erhält die erste Impfdosis im Januar.

(Foto: via REUTERS)

Am 23. Dezember genehmigt Argentinien den Impfstoff als erstes Land nach Russland und Weißrussland. Zuvor war bereits ein Transportflugzeug auf den Weg geschickt worden. Der Fernsehkanal C5N überträgt den Start, unterlegt von dramatischer Musik und Live-Kommentar: "Das ist die Reise, von der wir alle geträumt haben, die Reise für das Leben. Es ist ein klarer Himmel, ein argentinischer Himmel für die argentinische Hoffnung. Euch umarmt und begleitet ein ganzes Land." An Heiligabend ist es wieder zurück - mit den ersten 300.000 Impfdosen und der Regierungsdelegation an Bord.

Die Verabreichung beginnt am 29. Dezember. Fernández hat sein Zwischenziel erreicht.

Damit stößt Argentinien endgültig die Tür zum russischen Impfstoff für die gesamte Region auf. Basierend auf den übersetzten Unterlagen genehmigen ihn in der Folge immer mehr Länder und unterzeichnen Vereinbarungen mit dem Staatsfonds RDIF: Bolivien, Peru, Uruguay. Auch Chile beschäftigt sich mit dem entsprechenden Dossier aus Buenos Aires.

Aus Russland ruft der RDIF die mit Sputnik geimpften Argentinier dazu auf, Fotos mit einem "V"-Handzeichen hochzuladen. V wie Victoria, den Sieg über das Virus. So weit ist es allerdings noch nicht, denn eine Produktion vor Ort ist noch nicht angelaufen. Der Impfstoff wird zwar bislang vor allem an sechs russischen Standorten produziert. Das Ziel ist jedoch, das ihn Vertragspartner in ihren jeweiligen Ländern selbst herstellen.

Vorteile im Süden

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Eine der Lieferungen trifft in der argentinischen Hauptstadt ein.

(Foto: REUTERS)

Inzwischen ist auch von unabhängiger Seite bestätigt, dass Putin im vergangenen Jahr nicht zu viel versprochen hatte. Der Impfstoff zeigt eine Wirksamkeit von über 91,6 Prozent, das renommierte britische Forschungsmagazin "The Lancet" hat die Studienergebnisse am 3. Februar bestätigt. Am selben Tag genehmigte Mexiko den Impfstoff. Auch Bolivien, Paraguay und Venezuela haben bereits mit Impfungen begonnen.

Insgesamt mehr als 20 Länder haben Sputnik V zugelassen, vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer des globalen Südens. Zu den Gründen dürfte gehören, dass der russische Impfstoff wichtige Vorteile gegenüber der westlichen Konkurrenz hat: Erstens ist er mit höchstens zehn Dollar pro Dosis billiger als die Produkte von Pfizer/Biontech oder Moderna und für die Länder erschwinglicher, die ohnehin mit jedem Dollar jonglieren müssen. Zweitens kann Sputnik V gefriergetrocknet bei Plusgraden zwischen zwei und acht Grad Celsius transportiert werden. In Regionen, wo die Wege weit und die Kühlketten brüchiger sind als etwa in Europa, kann das viele zusätzliche Leben retten.

Quelle: ntv.de

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