Politik

Interview mit Lisa Federle "Wie der Tübinger Weg anfing? Ich habe losgelegt!"

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Dr. Lisa Federle hat eine Hausarztpraxis, ist Notärztin, DRK-Präsidentin in Tübingen und Pandemiebeauftragte des Landkreises.

(Foto: picture alliance / Pressebildagentur ULMER)

Zum Kaffee oder auf ein Bier vor einer Kneipe sitzen? In Tübingen geht das. Die Stadt hat Erfahrung mit Corona-Schnelltests: Seit November werden die dort durchgeführt, erst ehrenamtlich, mittlerweile wissenschaftlich begleitet und staatlich finanziert in einem Modellprojekt. Initiatorin Lisa Federle sagt, das sei überall in Deutschland möglich.

ntv.de: Tübingen führt seit anderthalb Wochen ein Modellprojekt für mehr Öffnungsschritte in Corona-Zeiten durch, "Öffnen mit Sicherheit". Gibt es schon einen Zwischenstand?

Lisa Federle: Für wissenschaftlich tragfähige Zwischenergebnisse ist es noch zu früh. Was wir auf jeden Fall sagen können ist, dass die Tests extrem gut angenommen werden und dass die Leute super mitmachen.

Wie viele Tests führen Sie täglich durch?

An die 4000 pro Tag.

Wie viele positive Ergebnisse finden Sie dabei?

Das ist unterschiedlich. Am Donnerstag waren es insgesamt vier, also einer von tausend.

Was passiert, wenn jemand ein positives Ergebnis bekommt?

Dann muss der einen PCR-Test machen und solange in Quarantäne. Da das Modellprojekt wissenschaftlich begleitet wird, übernimmt das die Uni Tübingen. Deshalb gibt es das Ergebnis der PCR-Tests auch schon nach zehn Stunden.

Dürfen auch Besucher von außerhalb nach Tübingen kommen, sich testen lassen und dann shoppen gehen?

Ja, klar. Aber die die Leute kommen nicht nur zum Shoppen. Wir haben ja auch die Außengastronomie geöffnet, auch Theater, Kinos und Museen machen mit. Wobei natürlich überall die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden müssen.

Ist die Stadt voller als sonst?

Es sind schon einige Leute unterwegs, ja. Für den Samstag haben wir deshalb eine Obergrenze von 3000 Auswärtigen festgelegt, weil uns sonst die Stadt gestürmt wird. Das wollen wir natürlich nicht.

Man muss an den Test-Stationen also seinen Personalausweis zeigen und nach dem 3000. Besucher aus Reutlingen ist Schluss?

Grundsätzlich ja, aber die Leute kommen nicht nur aus Reutlingen oder anderen Städten der Umgebung, sondern von überall her, beispielsweise aus Stuttgart. Neulich war sogar jemand aus Berlin da.

Die negativ Getesteten bekommen ein Armband mit einem QR-Code. Wie stellen Sie sicher, dass das Armband nicht weitergegeben wird?

Wir nutzen diese Party-Armbänder, die man kaputtmachen muss, um sie abzunehmen. Eine Weitergabe ist damit ausgeschlossen.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat getwittert, auch Tübingen schaffe es nicht. Dazu hat er eine Inzidenz-Tabelle gestellt, die zeigt, dass auch bei Ihnen die Werte hoch gehen.

Da hat er den Landkreis Tübingen mit der Stadt Tübingen verwechselt. Bei uns liegt die Sieben-Tage-Inzidenz seit Wochen unter oder um die 30. Und ehrlich, so gut ich Herrn Lauterbach finde, aber eines hat er nicht verstanden: Viele Menschen machen nicht mehr mit. Die treffen sich dann zuhause oder auf dem Berg und machen Party. Da ist es doch besser, sie können sich im Biergarten treffen und werden vorher getestet.

Steigt die Sieben-Tage-Inzidenz nicht auch in der Stadt Tübingen?

Das Modellprojekt hat am Dienstag letzter Woche begonnen, aber wir haben schon vorher öffnen dürfen, weil wir eine so niedrige Inzidenz hatten. Das bedeutet, dass bei uns schon seit zweieinhalb Wochen relativ viel geöffnet ist, mit Ausnahme der Außengastronomie, die kam erst mit Beginn des Modellprojekts dazu. Trotzdem sind unsere Inzidenzwerte nicht steil angestiegen. Dass durch eine Zunahme von Tests zunächst auch mehr Infektionen gefunden werden, ist ja klar. Aber wir gehen davon aus, dass wir so Infektionen verhindern, weil wir ja dafür sorgen, dass positiv Getestete in Quarantäne gehen. Auf Dauer werden die Inzidenzen also sinken.

Wie hat der Tübinger Weg eigentlich angefangen?

Ganz einfach: Ich habe eine Test-Strategie entwickelt und losgelegt. Danach wurde es zum Selbstlauf. Die ersten Tests habe ich im Oktober bestellt, 25.000 Stück für 110.000 Euro.

Wer hat die bezahlt?

Ich bin hier in Tübingen ehrenamtlich Präsidentin vom Deutschen Roten Kreuz und habe dort darum gebeten, in Vorleistung zu gehen - in der Hoffnung, dass wir das durch Spenden wieder reinbekommen. Wenn das nicht geklappt hätte, hätte ich sie selbst bezahlt - ich kann ja solche Kosten nicht auf das DRK abwälzen. Dann hat die Tageszeitung hier darüber berichtet und ein Weihnachts-Spendenprojekt daraus gemacht. Die Tübinger Bürger haben so viel gespendet, dass alle Tests bezahlt werden konnten.

Daraus wurde dann der Tübinger Weg.

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Damit fing es an: Erst Testen, dann die Oma besuchen. Lisa Federle auf dem Marktplatz von Tübingen.

(Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Der Oberbürgermeister hat unsere Teststrategie von Anfang an unterstützt. Seit dem 26. November haben wir in Tübingen kostenlose Tests angeboten. Wir waren der erste Landkreis in Baden-Württemberg, der unter die Inzidenz von 50 gefallen ist. Ich denke schon, dass das auch mit den Tests zu tun hat. Denn mit den 25.000 Schnelltests von November bis Februar haben wir 350 Leute rausgefiltert, die positiv waren, aber keine Symptome hatten. Die wären sonst nicht entdeckt worden. Für mich sieht das sehr danach aus, dass Tests zu sinkenden Inzidenzen führen.

War es schwer, Boris Palmer von Ihrer Teststrategie zu überzeugen?

(lacht) Das haben sie mich am Donnerstag im WDR auch gefragt. Ich habe gesagt, das war nicht schwierig, und außerdem ist er ein vernünftiges Kerlchen. Da hat die Moderatorin angefangen zu lachen und meinte, bei ihnen in Nordrhein-Westfalen gebe es auch vernünftige Kerlchen.

Am Donnerstag hat Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Regierungserklärung gesagt, es sei "keinem Oberbürgermeister und keinem Landrat verwehrt, das zu tun, was in Tübingen und Rostock getan wird". Finden Sie es richtig, wie die Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten in der Pandemiebekämpfung organisiert sind?

Ich glaube, die Krise hat gezeigt, was alles nicht gut funktioniert. Ich habe fast ein Jahr lang versucht, das Sozialministerium in Baden-Württemberg dazu zu bewegen, eine Teststrategie zu entwickeln, vor allem für die Altenheime. Aber die haben sich um nichts gekümmert. Der Minister hat da wirklich jämmerlich versagt, das kann man wohl so sagen. Mittlerweile sind viele Kommunen dazu übergegangen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Und man muss auch ehrlicherweise sagen: Ich kann weder vom Spahn noch von der Kanzlerin erwarten, dass die in Tübingen Teststationen aufbauen. Das einzige, was ich erwarte, ist, dass klar kommuniziert wird, wo man die Test beschaffen kann, und dass sie bezahlt werden. Dabei dürfen aber meiner Meinung nach auch nicht Wahnsinnskosten produziert werden, sondern man sollte versuchen, das nach Möglichkeit in die Eigenverantwortung der Bürger zu legen.

Vielerorts fehlen halt die Tests…

Es gibt genügend Tests, ich kann Ihnen sofort einen Händler nennen, wo Sie welche bekommen. Ich habe Kontakt zu einer Firma, die mir schon vor sechs Wochen 20 Millionen zertifizierte Schnelltests angeboten hat. Bei denen liegen noch immer 25 Millionen nicht abgerufene Schnelltests herum.

Würde der Tübinger Weg ohne Freiwillige funktionieren?

Wir haben von Anfang an alles ehrenamtlich auf die Beine gestellt. Bei der ersten Teststation auf dem Marktplatz in Tübingen war ich selbst oft dabei, und von Anfang an hat die Band von Dieter Thomas Kuhn geholfen. Die waren fast jeden Tag da. Das Modellprojekt ist jetzt aber nicht mehr ehrenamtlich, das wird vom Staat finanziert. Das kostet pro Abstrich 15 Euro. Deshalb halte ich es auch für so wichtig, dass es in allen Betrieben Leute gibt, die anderen zeigen können, wie die Tests funktionieren. Denn es wäre viel zu teuer, wenn alle Tests von Fachpersonal gemacht werden müssten.

Glauben Sie, dass der Tübinger Weg übertragbar auf andere Städte ist?

Ja, natürlich. Viele versuchen es ja. Fragen Sie nicht, wie viele Landräte und Bürgermeisten bei mir anrufen und fragen, wie es geht.

Wie viele?

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"Sehr gut, dass er so mitzieht": Lisa Federle und Tübingens OB Boris Palmer.

(Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur)

Inzwischen sind es sicher hunderte. Ich komme nicht mehr hinterher, seit Oktober hat gefühlt halb Deutschland bei mir angerufen. Alle wollen wissen, wie das geht und wer bezahlt. Es gibt noch nicht mal eine Homepage vom Land Baden-Württemberg, auf der man solche Informationen gebündelt hat - wo man Tests bestellen kann, wie sie funktionieren und wo weiter. Ich habe deshalb eine Homepage zusammengestellt, auf die ich jetzt einfach verweise.

Noch eine letzte Frage…

Sie fragen jetzt aber bitte nicht, ob ich Sozialministerin in Baden-Württemberg werden will. Das fragt gerade jeder.

Ich wollte fragen, ob Sie Tübinger Oberbürgermeisterin werden wollen.

Ganz sicher nicht. Erstens verstehe ich mich gut mit Boris Palmer und finde es sehr gut, dass er so mitzieht. Und zweitens interessiere ich mich für das, was ich kann. Ich hätte echt keine Lust, Akten über Straßenbau oder ähnliches zu lesen.

Mit Lisa Federle sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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