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In 20 Jahren ohne Kohle Woher soll der Strom denn kommen?

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Kohlekraftwerk im niedersächischen Mehrum - eines von 148 Stein- und Braunkohlekraftwerken in Deutschland.

(Foto: picture alliance / Julian Strate)

Die Kohlekommission empfiehlt der Bundesregierung, bis 2038 alle Kohlekraftwerke zu schließen. Sind jetzt Zehntausende Jobs in Gefahr? Wird der Strom in Deutschland noch teurer? Fragen und Antworten zum Kohleausstieg.

Was hat die Kohlekommission beschlossen?

Das Gremium hat sich geeinigt, dass Deutschland bis spätestens 2038 komplett aus der Kohlestromgewinnung aussteigen soll. Im Jahr 2032 soll außerdem überprüft werden, ob es nicht möglich ist, schon 2035 alle Kohlekraftwerke vom Netz zu nehmen. Die Bundesländer, die Strom mit Kohlekraft erzeugen, sollen als Ausgleich in den kommenden 20 Jahren insgesamt 40 Milliarden Euro vom Bund bekommen. Außerdem schlägt die Kommission vor, bald mit dem Vorhaben zu beginnen. 12,5 Gigawatt aus Steinkohle- und Braunkohlekraftwerken sollen demnach bis 2022 vom Netz. Das entspricht einer Reduktion des Kohlestroms um fast 28 Prozent in den kommenden Jahren. Alle Kohlekraftwerke in Deutschland haben zusammen eine Leistung von rund 45 Gigawatt.

Und warum das Ganze?

Deutschland hat sich verpflichtet, seinen Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) drastisch zu senken. Das Treibhausgas gilt als der entscheidendste Faktor für den Klimawandel. Bis 2050 soll der CO2-Ausstoß in Deutschland um 80 bis 95 Prozent unter dem Wert von 1990 liegen.

Woher soll der Strom dann kommen?

Sollte die Bundesregierung den Empfehlungen der Kommission folgen, würde Deutschland in den kommenden Jahren zwei bedeutende Energieträger verlieren. Der Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 ist beschlossene Sache - aktuell kommen noch rund 12 Prozent des Energiemixes aus Atomkraftwerken. Erheblich größer ist der Anteil des Stroms, der in Stein- und Braunkohlekraftwerken erzeugt wird: Sie liefern etwa 36 Prozent der in Deutschland benötigten Energie. Die Wissenschaftlerin Barbara Praetorius, eine der vier Vorsitzenden des Gremiums sagte, dass die Versorgungssicherheit nur gewährleistet werden könne, "wenn die Erneuerbaren zügig ausgebaut werden". Außerdem müsse "alles dafür getan werden", dass die Stromnetze erneuert werden. Mit erneuerbaren Energieträgern erzeugt Deutschland aktuell laut Zahlen des Fraunhofer-Instituts rund 40 Prozent seines Strombedarfs, allein 20,5 Prozent kommen demnach aus Windkraftanlagen.

Wird der Strom in Deutschland durch den Ausstieg aus der Kohle nicht zwangsläufig teurer?

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Zähe Verhandlungen: Nach 21 Stunden Diskussion präsentieren Stanislaw Tillich, Barbara Praetorius und Ronald Pofalla den Bericht der Kohlekommission.

(Foto: imago/Metodi Popow)

Gut möglich. Kohle ist ein vergleichsweise günstiger Energieträger. Einer Studie des Fraunhofer-Instituts von März 2018 zufolge liegen die niedrigsten Produktionskosten von Kohlestrom bei 4,59 Cent pro Kilowattstunde (Braunkohle), beziehungsweise bei 6,27 Cent pro Kilowattstunde (Steinkohle). In der Vergangenheit waren die Kosten für die Produktion für Strom aus Erneuerbaren Energien teilweise deutlich höher.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2015 etwa beziffert die Kosten für eine Kilowattstunde Strom aus Offshore-Windanlagen mit 11,9 bis 19,4 Cent, Strom aus Solaranlagen mit bis zu 18 Cent. Die Kosten für Strom aus Erneuerbaren Energien fallen jedoch schnell. Laut aktuellen Zahlen des Fraunhofer-Instituts liegen die Kosten für Onshore-Windstrom aktuell zwischen 3,99 und 8,23 Cent, für Solarstrom zwischen 3,71 und 8,46 Cent.

Die Kommissions-Vorsitzende Prateorius warnte jedoch, dass teure Stromimporte die Folge aus dem Kohleausstieg sein könnten, "wenn die Erneuerbaren nicht ausgebaut werden". Sollten die Strompreise tatsächlich steigen, schlägt die Kommission vor, Privathaushalten und der Wirtschaft jährlich zwei Milliarden Euro Subventionen bereitzustellen. Mit Steuergeldern soll außerdem die energieintensive Industrie unterstützt werden. Menschen, die wegen dem Kohleausstieg ihren Job verlieren, sollen ebenfalls unterstützt werden, so die Kommission.

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Wie viele Arbeitsplätze hängen noch an der Kohle?

Vor allem in der Lausitz, im Mitteldeutschen Revier und im Rheinischen Revier hängen rund 20.000 Arbeitsplätze direkt an der Kohle, indirekt sind es noch deutlich mehr. Die Kommission nennt eine Zahl von rund 60.000 Arbeitsplätzen alleine für die Braunkohle. In den betroffenen Regionen sollen jedoch Tausende neue Arbeitsplätze entstehen. In dem Bericht des Gremiums heißt es, die Schaffung von 5000 neuen Jobs bis 2028 sei "angemessen". Behörden und andere staatliche Einrichtungen sollen sich in den Regionen ansiedeln, um den Menschen eine Perspektive zu bieten. Konkret heißt es: "Durch eine Stärkung der Präsenz der öffentlichen Hand in den Revieren, vor allem durch die Verlagerung und den Ausbau von Behördenstandorten in den Revieren, wird das Bekenntnis von Bund und Ländern zur Zukunft der Reviere greifbar." Auch könnten Unternehmen Unterstützung bekommen, die sich in den Regionen ansiedeln und so Arbeitsplätze schaffen. Als Beispiel könnte das "Bonn-Berlin-Gesetz" dienen, mit denen der Hauptstadt-Umzug für Bonn abgefedert wurde.

Welche Kraftwerke sollen als erstes abgeschaltet werden und wann?

Die Kommission nennt bewusst keine Meiler konkret. Zu regeln, welche Anlagen zuerst vom Netz gehen, sei eine "Entscheidung, die die Bundesregierung treffen muss", sagte Praetorius. Auch jährlich zu erreichende Senkungen beim CO2-Ausstoß nennt der Bericht nicht. Dadurch solle "Flexibilität für die Verhandlungen zwischen Kraftwerksbetreibern und Politik erhalten bleiben", so die Ko-Vorsitzende. Der Fortschritt der Bestrebungen soll allerdings alle drei Jahre überprüft werden.

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Wird der Hambacher Forst in dem Bericht genannt?

Ja, die Kommission spricht sich gegen eine Rodung des Waldes aus, der an den Braunkohlebau im nordrhein-westfälischen Etzweiler grenzt. Konkret heißt es in dem Bericht: "Die Kommission hält es für wünschenswert, dass der Hambacher Forst erhalten bleibt." Der Konflikt um den Wald, der für den Braunkohletagebau abgebaggert werden sollte, hatte sich im vergangenen Jahr zugespitzt und teils auch in Gewalt entladen.

Ist der Beschluss der Kohlekommission verbindlich?

Nein. Das Gremium spricht nur eine Empfehlung aus. Der frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, einer der Co-Vorsitzenden der Kommission sagte, es sei nun Sache der Bundesregierung und der Landesregierungen, die Empfehlung der Kommission umzusetzen. Er betonte, der Bundestag müsse die Empfehlungen noch in Gesetzesform beschließen und der Bundesrat zustimmen. Der ehemalige Ministerpräsident Sachsens, Stanislaw Tillich, ebenfalls einer der Vorsitzenden der Kommission ging dabei noch weiter und sagte: "Es wird auf die Solidarität aller ankommen in der Bundesrepublik Deutschland."

Wie geht es jetzt weiter?

Der Bericht der Kommission wird nun der Bundesregierung vorgelegt. Sie hatte das Gremium im Juni vergangenen Jahres eingesetzt mit der Bitte, Ergebnisse zu liefern. Da die Kommission Ausgaben von 40 Milliarden Euro beziffert hat, wird Finanzminister Olaf Scholz in der kommenden Zeit schauen müssen, woher das Geld kommen kann. Am Donnerstagabend dann wollen die Ministerpräsidenten der Länder gemeinsam mit ihm und Kanzlerin Angela Merkel den Bericht der Kommission diskutieren. Ende April soll dann bereits ein Gerüst für ein "Maßnahmengesetz" stehen, das regelt, wie der Bund den Strukturwandel genau fördern will.

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Quelle: n-tv.de

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