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Impftermin-Chaos in NRW Hier wird massenhaft Geduld verschwendet

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Die Hotline war am Vormittag nicht zu erreichen, auch online ging nichts.

(Foto: dpa)

Wieder einmal muss die Politik die Menschen um Geduld bitten - in diesem Fall in Nordrhein-Westfalen, wo die Vergabe der Impftermine als Fiasko startet. Die staatliche Organisation ist einfach nicht gut genug.

Mehr als drei Stunden nach dem geplanten Beginn der Impfterminvergabe in Nordrhein-Westfalen schaffte es dann auch das zuständige Sozialministerium des Landes, mit einer Pressemitteilung zu reagieren. Beziehungsweise reagieren zu lassen: Extrem hohe Zugriffszahlen auf die Webseiten und ein hohes Anruferaufkommen bei der Hotline hätten zu "erheblichen Verzögerungen bei der Terminbuchung für die über 80-jährigen Impfberechtigten in NRW" geführt, heißt es auf der Homepage der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, auf die das Ministerium von Karl-Josef Laumann verlinkt.

Eines daran stimmt nicht: Der Grund für die "Verzögerungen" ist nicht in hohen Zugriffen oder Anruferzahlen zu suchen, sondern im Planungsversagen. Denn dass es viele Zugriffe geben würde, war zu erwarten. Nur für die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die die Terminvergabe organisieren sollen, und für das nordrhein-westfälische Sozialministerium kam das große Interesse an Impfterminen offenbar überraschend.

Die Folge: Wieder einmal muss die Politik die Menschen um Geduld bitten. "Alle, die die Möglichkeit haben, einen Termin zu einem späteren Zeitpunkt zu buchen, sollten von dieser Möglichkeit Gebrauch machen", erklärten beide nordrhein-westfälischen KVen. Neben dem Verweis auf die eigene Nicht-Zuständigkeit ist die Bitte um Geduld längst die Standardreaktion der Politik, wenn staatliches Versagen offenbar wird. Die EU hat nicht genug Impfstoffe bestellt - wir bitten um Geduld. Es gibt nicht ausreichend FFP2-Masken für alle - wir bitten um Geduld. Schnelltests für Altenheime können nicht durchgeführt werden - wir bitten um Geduld. Nur ein Drittel der Gesundheitsämter nutzt moderne Software zur Pandemiebekämpfung - wir bitten um Geduld. Die Kultusminister haben es versäumt, die Schulen auf einen zweiten Lockdown vorzubereiten - wir bitten um Geduld. Die Novemberhilfe für Unternehmen ist noch nicht da - wir bitten um Geduld. Eine langfristige Corona-Strategie fehlt noch immer - wir bitten um Geduld.

"Es ist ausreichend Zeit und Vorlauf für die Terminvergabe, zumal es bis Ende April dauern wird, bis wir allein die Gruppe der über 80-Jährigen mit Blick auf die verfügbaren Mengen an Impfstoff ein erstes Mal geimpft haben", beschwichtigen die Vorstandsvorsitzenden der beiden Kassenärztlichen Vereinigungen in NRW. Anders ausgedrückt: Impfstoff haben wir nicht genug, Zeit schon. Aber Geduld ist eine endliche Ressource. Mit Ärgernissen, wie Nordrhein-Westfalen sie an diesem Montag produziert hat, wird sie unnötig verschwendet.

Möglicherweise ist es an der Zeit, mal etwas Neues zu versuchen: nicht auf die Geduld der Bürgerinnen und Bürger zu setzen, sondern Lösungen zu entwickeln, die funktionieren. Hat, beispielsweise, im nordrhein-westfälischen Sozialministerium jemand darüber nachgedacht, ob es überhaupt eine gute Idee ist, über 80-Jährige auf zusammenbrechende Internetseiten und in überlastete Hotlines zu schicken, wo sie ohne Mail-Adresse keinen Termin bekommen? Klar, das machen die Kinder. Und wenn es keine gibt? Oder wenn sie keine Zeit haben, stundenlang in Warteschleifen zu hängen? Die ganze Struktur der Impfterminvergabe ist nicht so, wie sie sein sollte - sondern nur so, wie es für das Ministerium am einfachsten war.

Quelle: ntv.de