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Beherbergungsverbote in Kraft Nutzlos, unfair und gefährlich

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Am Wochenende versuchten viele, sich möglichst schnell testen zu lassen - wie hier in Köln.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Zahlen steigen und strenge Maßnahmen sind nötig. Ein Beherbergungsverbot bringt aber keinen Effekt, sondern produziert vor allem unnötiges Chaos. Das Schlimmste: Es kostet Testkapazität, die Deutschland nicht übrig hat.

Ein Feriensamstag in elf Bundesländern - Bettenwechsel! Die Freude ist groß, oder nicht? Nicht mehr für Berlinerinnen, Kölner, Familien aus Delmenhorst, dem Kreis Esslingen oder aus einem der anderen 18 Kreise und Städte, die aktuell die Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschreiten. Wegen eines "Beherbergungsverbots" sind sie unerwünscht in den bayerischen Alpen, im Harz und an der Ostseeküste. Warum gilt das Verbot? Weil es offenbar extrem gefährlich wäre, wenn sich eine Familie aus Frankfurt-Bockenheim für eine Woche in einem Ferienhaus in Cuxhaven niederlässt.

Dass die, sagen wir, vierköpfige Bockenheimer Familie Corona hat, das ist zwar extrem unwahrscheinlich. Denn der Anstieg der Infektionszahlen wird derzeit getrieben von unkontrollierten Partys unter zumeist jungen Leuten, von Großhochzeiten ohne Abstandsregeln und immer noch auch von Masseninfektionen in Fleischbetrieben oder Gemeinschaftsunterkünften. "Das Virus verbreitet sich in Clustern", sagte Charité-Chefvirologe Christian Drosten. "Da muss man also höhere Aufmerksamkeit drauf geben."

"Nahezu null Infektionsgeschehen"

Kein Cluster sind - derzeit - Schulen. Kein Cluster sind Büros, U-Bahnen oder gemischte Chöre, denn dort gibt es wirksame Regeln. Die Leute halten Abstand, tragen Masken, sorgen für frische Luft. Mit diesem Verhalten in diesen Situationen droht kaum Gefahr, so schätzen es Menschen ein, denen man einen gewissen Überblick über das Infektionsgeschehen unterstellen darf.

Zum Beispiel die Kanzlerin: "Wir wissen aber auch eine ganze Reihe von Dingen, die nahezu null Infektionsgeschehen mit sich bringen", so Angela Merkel jüngst. "Zum Beispiel Einkaufsflächen, auch wenn sie nicht Lebensmittelhandel sind oder so etwas. Das hat sich eigentlich als nicht sehr infektionskritisch herausgestellt." Auch für Supermärkte gilt: kein Cluster, mit Maske und Abstand droht kaum Gefahr.

Man ist geneigt zu glauben: Selbst wenn sich die Bockenheimer Familie Mühe gäbe, es wäre derzeit in Frankfurt trotz seines Inzidenzwertes bei 65,2 für sie gar nicht so einfach, sich mit Corona anzustecken. Trotzdem müssen die Frankfurter ihre Woche Cuxhaven stornieren. Denn das Land Niedersachsen hat wohl die Befürchtung, dass die höchstwahrscheinlich völlig gesunde Familie beim Brötchenholen in der Cuxhavener Eckbäckerei ein Superspreader-Event entfachen könnte. Darum darf sie nicht kommen.

Moment. Sie darf doch kommen, wenn sie schlau war, schon am Freitagabend losgefahren ist und vor Mitternacht die niedersächsische Grenze überquert hat. Wer vor Samstag schon im Land war, darf bleiben. Die vier dürfen auch kommen, wenn sie nicht so aufs Geld schauen müssen. Eventuell haben sie die Situation schon vorausgesehen. Haben am Donnerstag für im besten Fall rund 200, im schlechtesten Fall etwa 700 Euro (so weit gehen die Testkosten in Deutschland auseinander) vier Corona-Tests machen lassen und hatten Samstagfrüh das negative Ergebnis. Koffer ins Auto und los. Das wäre dann für Niedersachsen auch okay, denn das Beherbergungsverbot ist ein "präventives Verbot mit Erlaubnisvorbehalt". Bloß leisten können muss man sich die Erlaubnis.

Niemand rechnet damit, ernsthaft infiziert zu sein

Warum die Familie ihren Test selbst bezahlen muss? Nun ja, so ein Urlaub in Cuxhaven fällt unter Luxus. Warum die Partytouristen, die sich im Sommer in Kroatien um ihren kaum vorhandenen Verstand gefeiert haben, ihren Test bei der Rückkehr nach Deutschland nicht bezahlen mussten? Nun ja, weil Deutschland ja ein Interesse daran hatte, dass die infizierten Idioten aus dem Verkehr gezogen werden. An der Frankfurter Kleinfamilie hat Deutschland überhaupt kein Interesse. Denn niemand rechnet damit, dass sie ernsthaft infiziert ist. Und wenn sie sich die Extrakosten nicht leisten kann, dann bleibt sie leider zu Hause und streitet sich mit dem Ferienhausvermieter anschließend um die Stornokosten.

Es sind solche Maßnahmen - pauschal, unfair, nicht durchdacht, aktionistisch -, mit denen einige Länderchefs, die sich vermutlich für besonders konsequent halten, dem sinnvollen und nötigen Kampf gegen das Virus das Wasser abgraben. Weil sie viele Leute zu Recht verärgern. Und nicht nur das: Mit der massenhaften Testung von völlig gesunden, symptomfreien Menschen brauchen die Labors ihre Kapazitäten auf. Schon jetzt stehen sie vielerorts kurz vor dem Limit, in Ballungsräumen wie Berlin bereits darüber.

Seit Monaten heißt es aus Politik und Wissenschaft, es müsse strategisch getestet werden. Auch, weil sonst das erforderliche Material zur Neige geht. Tests ohne Symptom, um die behördliche Erlaubnis zu bekommen, einen gebuchten Urlaub anzutreten, sind das Gegenteil von strategisch. Sie sind - mit Verlaub - einfach Quatsch.

Darum wäre es schön, wenn künftig vor dem Erlassen eines Corona-bedingten Verbots immer der gesunde Menschenverstand zum Einsatz käme. Der hätte in diesem Fall gesagt: "Das Verbot dämmt das Infektionsgeschehen kaum ein. Es stürzt viele Leute in finanzielle und logistische Probleme. Es fordert Testkapazitäten, die wertvoll, wichtig und sehr begrenzt sind. Leute, schlaft nochmal drüber." Der Corona-Herbst wird bald in einen Corona-Winter übergehen, und dann wird es noch wichtiger sein, dass der und die Einzelne, vor allem aber auch die Politik wach, empathisch und mit kühlem Kopf agiert. Aus Fehlern wie dem Beherbergungsverbot muss sie bis dahin noch einiges lernen.

Quelle: ntv.de