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Pressestimmen zu Seehofer "Er ruiniert seine politische Lebensbilanz"

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Als CSU-Chef tritt Horst Seehofer zurück. Doch Innenminister will der 69-Jährige weiter bleiben.

(Foto: dpa)

Seehofers Abschied auf Raten kommt für die meisten Medien zu spät - und ist nicht endgültig genug. Schadet der Innenminister mit seinem Klammern am Amt der Union? Und ist die Fehde mit Merkel am Ende alles, was bleibt?

Für den Mannheimer Morgen und die Ludwigsburger Kreiszeitung hat Horst Seehofer den "letzten Zeitpunkt für einen ehrenhaften politischen Ausstieg" bereits verpasst. Egozentrik und Rechthaberei seien sein Motor geworden, nicht mehr das Wohl des Landes und der eigenen Partei. "Seehofer ruiniert gerade seine politische Lebensbilanz. Was bleibt, sind die Erinnerungen an die unappetitlichen Diadochenkämpfe mit Söder und Merkel und an sein Klammern am Amt", schreibt der Kommentator. "Wenn man daran denkt, wie Seehofer begann, und was er der deutschen Politik auch schon alles gegeben hat, kann man nur sagen: schade. Schade, dass er nicht erkennt, wann Schluss ist."

Geht es nach der Rheinpfalz, hat Seehofer spätestens seit dem Herbst 2015 keinen klaren Blick mehr: "Er glaubte, die Dauerfehde mit Merkel würde der Union nützen. Sie hat ihr geschadet. Das hat Seehofer in Teilen erst begriffen, als es zu spät war: nach der Bayern-Wahl." Seehofer sei beispielhaft für einen Spitzenpolitiker, der in einer Blase lebt. "Der den Kontakt zum wirklichen Leben verloren hat. Der unbelehrbar geworden ist. Der nicht loslassen kann. Und der am Ende in seinen Ämtern wirkt wie ein störrischer alter Mann. Schade eigentlich. Denn schlecht war er nicht, der Politiker Horst Seehofer. Früher."

Der Tagesspiegel sieht Seehofers Abschied als das letzte Mittel. "Er trägt Verantwortung, übernimmt Verantwortung, das muss jeder, der Macht ausübt. Jeder - und jede." Damit wolle Seehofer auch Merkels Abschied erzwingen. "Besser wär's, wenn er sich Rache versagen würde. Um Größe zu zeigen. Seehofer kann sich noch einmal um Bayern und Deutschland verdient machen: indem er von allen Ämtern zurücktritt. Eines reicht nicht."

Für den Kommentatoren der Welt bleibt von Seehofer trotz allem mehr als nur der Asylstreit. "Seehofer war nach der vernichtenden Niederlage bei der Landtagswahl 2008 der Retter der CSU und nach dem Sieg 2013 ihr Held und König. Das gehört auch zur Bilanz." Seehofer habe mit dem Asylstreit und dem Fall Maaßen sein Blatt überreizt. "Aber er hat die CSU 2013 und 2017 auf Bundesebene auf eine Koalition mit den Grünen vorbereitet, und er war der Siegelbewahrer einer Christlich-Sozialen Union, die das Wort sozial im Namen ernst nahm. Eines Tages wird man auch das wieder würdigen."

Mit dem Rückzug Seehofers sieht die Mittelbayerische Zeitung in der CSU nun die "von vielen Seiten ersehnten neuen Zeiten" anbrechen. Ob es bessere Zeiten werden, müsse sich erst zeigen. "Mit dem Abgang Seehofers ist neuer Erfolg nicht vorprogrammiert. Söder steht für Elan und Durchsetzungskraft. Er polarisiert aber auch. Ihm fehlen immer wieder die wichtigen Zwischentöne." Die neue Bayern-Koalition, die ab dieser Woche den Freistaat regiert, lasse zumindest bisher Feingefühl vermissen.

Nicht nur für die CSU, sondern für die gesamte Union ist der Rückzug Seehofers eine Befreiung, schreibt die Freie Presse aus Chemnitz. "Sein Abgang sowie der von Merkel sind der einzig verbleibende Weg, um den entgleisten GroKo-Waggon wieder auf die Schiene zu bekommen und die Blockaden zu lösen." Je nachdem, wie das neue Personal aussehe, könne der Zug bald Fahrt aufnehmen. Falls aber nicht, bliebe am Ende wohl nur eine Option: Alle aussteigen!

Quelle: n-tv.de, ftü

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