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Seehofers Abgang auf Raten Lustig ist das nicht mehr

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"Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur wegen mir Kanzlerin ist", sagte Seehofer im Juli. Kurz zuvor hatte er Berichte über ein Zerwürfnis mit Merkel als "Fake News" bezeichnet.

(Foto: REUTERS)

Nicht viele Politiker können aufrichtig über sich selbst lachen. In seinen guten Tagen konnte Horst Seehofer das. Aber die guten Tage sind vorbei. Ihm bleibt ein letzter, kleinkarierter Triumph.

Man macht sich lustig über ihn. Auf der Bühne auf dem Münchner Nockherberg spielt ein Markus-Söder-Imitator einem Horst-Seehofer-Darsteller ein Ständchen. "Sieh es ein, alter Horst, du musst jetzt gehn", singt der falsche Söder vor einer Wild-West-Kulisse. "Du durftest viel erreichen, nun solltest du dich schleichen."

Erreicht hat Seehofer in der Tat eine Menge. Als bayerischer Ministerpräsident holte er 2013 die absolute Mehrheit. Er hinterließ seinem Nachfolger ein gut funktionierendes Bundesland. Seine "Koalition mit der Bevölkerung" war ein positiver Populismus - einer, der nicht ausgrenzt, sondern einschließt. Im Streit um die Flüchtlingspolitik ist ihm das nicht mehr gelungen. Schon im Januar, kurz vor der Aufführung des Singspiels, sagen 63 Prozent der Bayern, sie seien nicht zufrieden mit Seehofers Arbeit. Zum Ende seiner Amtszeit ist er der unbeliebteste Ministerpräsident Deutschlands.

Sein Double auf der Paulaner-Bühne reagiert mit einer Mischung aus Unwillen und Unverständnis auf das Ständchen. "Der alte Horst" will sich keineswegs schleichen: Er geht, kommt aber immer wieder zurück. Unten im Publikum sitzt der echte Seehofer. Knapp drei Monate zuvor hatte er angekündigt, er werde Söder den Posten des Ministerpräsidenten überlassen. Trotzdem, und obwohl längst absehbar ist, dass er in Kürze als Innenminister nach Berlin gehen wird, ist er immer noch im Amt. Er kann eben nicht loslassen. Und genau dafür wird Seehofer nun verspottet. Trotzdem hat er offensichtlich Spaß. Mitunter bebt er geradezu vor Lachen.

Wer über sich lachen kann, hat den Abstand zu sich, den man braucht, um eigene Fehler zu erkennen. Als Ministerpräsident war Seehofer dazu in der Lage. Entsprechende Signale gab es selbst während seiner On-Off-Fehde mit Angela Merkel immer wieder. Im Bundestagswahlkampf sagte er gar, die Bundeskanzlerin sei "unser größter Trumpf", obwohl er noch im Vorjahr mit einer Klage gegen die Bundesregierung gedroht und von einer "Herrschaft des Unrechts" gesprochen hatte.

Es geht nur noch ums Rechthaben

Dass er als Innenminister der Richtlinienkompetenz der Kanzlerin unterworfen war, hat Seehofer allerdings nie akzeptiert. So entspannt wie auf dem Nockherberg sah man ihn danach kaum noch. Sein Witz über die Abschiebung von 69 Afghanen an seinem 69. Geburtstag wurde auch von Parteifreunden als unangemessen empfunden, sein Spruch über die Migration als "Mutter aller Probleme" war ebenso instinktlos und überzogen wie die demonstrative Beförderung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Seehofer hat ganz offensichtlich kein Gespür dafür, was ein Bundesinnenminister sich leisten kann, ohne peinlich zu wirken.

Im vergangenen Sommer, als selbst Söder und Alexander Dobrindt verstanden, dass sie mit ihrer Anti-Migrations- und Anti-Merkel-Rhetorik zu weit gegangen waren, trieb Seehofer den Konflikt mit Merkel auf die Spitze. Dieses Mal ging es um Zurückweisungen an der Grenze zu Österreich. Der Streit führte fast zum Bruch der Regierung, zum Bruch der Unionsfraktion und zum Ende des Bündnisses zwischen CDU und CSU. Seehofer findet bis heute, dass er eigentlich Recht hatte. Die Sache sei "nach wie vor richtig", sagte er im Oktober.

Ein solches Maß an Rechthaberei kommt nicht gut an. Im RTL/n-tv Trendbarometer vor ein paar Wochen sagten zwei Drittel der Befragten, Seehofer solle sowohl als CSU-Chef wie auch als Innenminister zurücktreten. Diesen Gefallen will er den Deutschen nicht tun: "Ich werde das Amt des Parteivorsitzenden der CSU niederlegen", erklärte er am Montag. Sein Amt als Innenminister wolle er aber behalten. Noch am Vorabend hieß es aus der CSU, Seehofer wolle Anfang 2019 als Parteichef und irgendwann im kommenden Jahr als Bundesinnenminister zurücktreten. Solche Ämter seien ohne Parteivorsitz nicht lange zu halten, soll er bei einem Treffen der CSU-Spitze gesagt haben. Dies werde auch die Kanzlerin noch merken.

Merkel gibt ihr Amt als CDU-Chefin im Dezember auf - dann wird auf einem Parteitag in Hamburg ein neuer Vorsitzender oder eine neue Vorsitzende gewählt. Bundeskanzlerin will sie bis zum Ende der Legislaturperiode bleiben. "Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur wegen mir Kanzlerin ist", sagte Seehofer im Juli der "Süddeutschen Zeitung". Möglicherweise denkt er heute: Ich ziehe mich doch nicht vor dieser Frau aus der Politik zurück. Merkel ging im letzten Moment, der noch als selbstbestimmt durchgehen konnte. Für Seehofer ist dieser Zeitpunkt bereits verstrichen. Er konnte nicht verhindern, dass Söder Ministerpräsident wird, er wird kaum verhindern können, dass der Franke ihm auch als CSU-Chef folgt. Der letzte Triumph, der ihm bleibt, ist, so lange in der Bundesregierung zu bleiben wie Merkel. Lustig ist das nicht mehr, eher tragisch.

Quelle: n-tv.de

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