Gesa Krause ist frischgebackene Europameisterin. Vor dem ISTAF in Berlin erzählt die Hindernisläuferin im Interview mit ntv.de, warum sie mit Konkurrentin Lea Meyer nicht in den Urlaub fährt, weshalb sie "fünf Tage Unsicherheit" in sich trägt - und was Neid und Freundschaft im Spitzensport bedeuten.
Frau Krause, Sie haben bei der EM in Birmingham ein fantastisches Rennen abgeliefert und nach 2016 und 2018 ihren dritten Europameistertitel gewonnen. Anschließend wirkten Sie aufgelöster als jemals zuvor.
Gesa Krause: Dieser EM-Sieg war nochmal besonderer, weil der letzte sehr lange her ist. Er hat mir noch mal gezeigt, dass ich wirklich von meiner Beständigkeit lebe und von meiner Beharrlichkeit, Dinge zu wollen und auch, sich sehr lange darauf fokussieren zu können.
Der Wunsch nach dem EM-Titel dieses Jahr war enorm groß. Für mich war es sehr wichtig, dass meine Tochter und meine Familie im Stadion waren. Ich bin sehr froh, dass wir es in diesem sehr vollen und intensiven Jahr trotzdem geschafft haben, eine gewisse Ruhe und Balance reinzubringen. Dadurch konnte ich mit mehr Selbstvertrauen und innerer Ruhe in den Wettkampf geht.
Nicht so ruhig wurde es nach Ihrem Gold-Lauf: Ihre deutsche Hindernis-Kollegin Lea Meyer, die auf Medaillenkurs am letzten Wassergraben gestürzt war und dann als Vierte ins Ziel kam, kritisierte Sie durchaus wütend. Wie denken Sie zwei Wochen später darüber?
Ich will Lea da keinen Vorwurf machen, weil: Sport lebt von Emotionen. Ob ihre Emotionen immer richtig sind? Egal. Sie haben trotzdem ihre Berechtigung. Sie hat sich bei mir für ihre Wortwahl entschuldigt. Ich bin nicht der Typ, der da jedes Mal, wenn wir uns sehen, ein großes Ding draus macht. Darüber haben wir gesprochen und da sind wir uns einig. Deswegen ist jetzt alles in Ordnung. Vielleicht hat das Ganze den Hindernislauf ja auch noch ein bisschen populärer gemacht. (lacht)
Viele Menschen interessierte der Wutausbruch, weil deutlich wurde, dass Sportlerinnen und Sportler nicht unbedingt Kumpels sind. Kann man sich Freundschaft auf dem Niveau nicht leisten?
Wir sind Individualsportler. Ich sage nicht, dass wir alle Egoisten sind, aber wir müssen grundsätzlich im Alltag sehen, wo wir bleiben. Das merkt man durch die Bandbreite in der Leichtathletik, weil wir einfach keine Teamsportart machen. Das heißt nicht, dass wir alle nicht miteinander können. Ich verstehe mich auch mit Lea im Grunde ganz gut, aber wir fahren halt nicht zusammen in den Urlaub. Es gibt schon mal Freundschaften im Sport, sicherlich auch in der eigenen Disziplin, es ist aber schwieriger, weil am Ende jeder ganz oben stehen will. Das bringt immer eine gewisse Barriere mit sich.
Lea Meyer ließ offen ihre Wut heraus. Haben Sie solche Gedanken auch schon mal gehabt nach einem Rennen?
Ich hätte in so einer Situation immer anders reagiert. Ich wäre einfach am Boden zerstört gewesen, wenn ich am letzten Wassergraben gestürzt wäre. Bei mir hätte man deutlich mehr Trauer und Frustration gemerkt. Ich bin auch schon zweimal bei großen Meisterschaften gefallen. Das eine Mal hat es mir alles gekostet.
Man kann jetzt über richtig oder falsch debattieren. Aber wenn man unmittelbar nach dem Zieleinlauf, nach vielleicht einem Misserfolg, zum Interview gerufen wird, reagiert halt jeder anders. Der eine ist traurig, der nächste ist wütend. Der nächste ist vielleicht auch unfair. Das muss dann jeder für sich selbst einordnen. Aber es ist einfach Teil des Sports.
Es ist auch menschlich, Neid zu spüren, auch wenn man es nicht gern zugibt.
Neid will ich Lea nicht unterstellen. Ich glaube, das war eher Frustration gepaart mit dem Gefühl, dass die viele Arbeit, die man investiert hat, nicht belohnt wird. Ich würde jetzt einfach mal behaupten, dass Lea ähnlich viel investiert wie ich. Wir betreiben einen nicht in jeder Hinsicht dankbaren Sport, haben ein Highlight im Jahr und bei dem müssen wir liefern. Wenn man nicht liefert, dann fliegt man komplett unter dem Radar und muss dann wieder ein Jahr trainieren.
Ist Neid dennoch ein Thema im Spitzensport?
Natürlich gibt es das auch in der Leichtathletik. Wenn man mich fragt, ob ich Neid verspüre, würde ich nein sagen, weil ich sehr zufrieden mit mir bin und dem, was ich für mich erreicht habe. Aber ich habe auch nie gedacht, dass man als Leichtathlet mehrfacher Millionär wird. Bin ich trotzdem neidisch, wenn ich etwa auf den Tennissport schaue? Ich wünschte mir zumindest, die Leichtathletik hätte mehr Popularität.
Das erste Rennen nach dem EM-Titel mussten Sie in Lausanne wegen körperlicher Probleme abbrechen. Sie sprachen von Problemen im Lendenwirbelbereich und Iliosakralgelenk.
Das kommt von den Hindernissen. Jedes Hindernis und jeder Wassergraben ist ein Schlag. Und wenn man nicht ganz so schnell über den Graben läuft und dann fällt man manchmal ein bisschen rein. In Lausanne war von jetzt auf gleich was, das ich anschließend eine Woche mit mir herumgeschleppt habe. Die Nebenwirkung war, dass mein Gesäßmuskel und meine Beine extrem fest und zu waren. Es kann auch sein, dass ich es schon von der EM aus Birmingham mitgebracht habe.
Unterschätzen Beobachter die Härte Ihres Sports?
So eine Saison zehrt natürlich. Jetzt in der Endphase merke ich das, körperlich und auch mental, und freue mich, dass die Saison bald vorbei ist. Der Hindernislauf ist körperlich nicht gerade eine einfache Disziplin: Ich merke meine Füße, meine Gelenke und dass so ein Rennen nicht spurlos an mir vorbeigeht. Dass man am Ende der Saison einfach langsamer regeneriert. Dazu kommt dann das Mentale. Ich merke, es ist gut, wenn ich irgendwann mal durchatmen darf.
Donnerstag starteten Sie dennoch bei der Diamond League in Zürich und am Sonntag steht der ISTAF in Berlin über 2000 Meter an.
Diese ganzen Events kamen Schlag auf Schlag, da hat man wenig Zeit, sich zu fokussieren und die Vorbereitung läuft nicht so optimal wie möglich ab. Am Donnerstag in Zürich hat es sich nicht wirklich gut angefühlt. Vor allem die Überquerung der Hindernisse. Das war alles unrund. Ich bin auch technisch schlecht gelaufen, obwohl ich eigentlich jemand bin, der technisch sehr gut ist und daraus einen Vorteil zieht.
War es nicht gefährlich, trotz der Probleme nach Lausanne über die Hindernisse in Zürich zu springen?
Ich hatte fünf Tage Unsicherheit in mir. Dazu hatte ich fünf verschiedene Therapeuten, die an mir herumgewerkelt haben, weil ich ja ständig von A nach B reise und dann immer wieder auf jemand anderen angewiesen bin. Das geht jetzt so weiter. Ich bin am Donnerstag in Zürich noch bei Ärzten gewesen. Heute kommen in Berlin wieder neue Therapeuten. Damit muss man erstmal umgehen. Und das ist etwas, das für die Außenwelt unsichtbar ist. Wir sind in der Leichtathletik leider nicht in der Sportart, die so vom Preisgeld so gesegnet ist, dass ich meinen eigenen Therapeuten überall mit hinnehmen kann.
Sie müssen Ihren Körper immer neu in die Hände jemand anderes geben, der Sie nicht perfekt kennt.
Das ist eine Herausforderung, die viele so gar nicht mitbekommen. Ich will nicht sagen, dass die Leute, mit denen ich arbeite, schlecht sind. Sondern nur, dass man sich immer wieder an die Begebenheiten anpassen muss und jeder ja auch ein bisschen anders therapiert.
Sie hätten nach der EM die letzten Saisonrennen absagen können. Kennen Sie keine Gnade mit sich selbst?
Ich habe darüber nachgedacht, ob ich bei den Rennen überhaupt an den Start gehen soll. Dabei geht es aber auch ums Business. Jetzt habe ich den Erfolg und es gibt nur drei, vier Rennen, wo ich die frischgebackene Europameisterin bin. Das möchte ich nutzen. Nächstes Jahr ist das alles ein bisschen in Vergessenheit geraten.
Aber generell geht es mir gut. Ich hatte ein grandioses Jahr, ich bin in einer Topverfassung gewesen. Jetzt freue ich mich beim ISTAF aber noch auf einen tollen Saisonabschluss über 2000 Meter Hindernis vor heimischem Publikum.
Brennt dieser unbändige Ehrgeiz in Ihnen stärker als jeder andere Charakterzug?
Das Rennen in Zürich war auf jeden Fall eine Willensleistung. Und klar, ich muss das nicht machen und die Gesundheit geht vor. Also ich bin niemand, der alles leichtsinnig um jeden Preis angeht. Aber ich habe einfach auf mein Bauchgefühl und meinen Chiropraktiker gehört.
Auf der Tartanbahn hilft Ihnen dann niemand mehr, wenn Sie wie bei der EM auf Knopfdruck liefern müssen. Fühlen Sie sich dort manchmal allein?
Nein, da fühle ich mich zu Hause. Meine Familie steht immer hinter mir und die verfolgen das, was ich mache und sind dabei und unterstützen mich. Der Sport ist meine Leidenschaft und das, was mich ausmacht als Mensch. Da bin ich zu Hause und da gehöre ich hin.





