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Eine Athletin, vier SpieleOlympia-Ruderin startet nach Schlaganfall auf Skiern durch

08.03.2026, 08:40 Uhr Bild-AnjaVon Anja Rau
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Kathrin Marchand schafft Historisches bei diesen Paralympics. (Foto: picture alliance/dpa)

Zweimal startet Kathrin Marchand bei den Olympischen Sommerspielen, dann erleidet sie einen Schlaganfall. Der verlängert schließlich ihre Sportkarriere sogar. Erst als Ruderin bei den Paralympics - jetzt als Skilangläuferin. In nur 14 Monaten schafft die 35-jährige Kölnerin das schier Unglaubliche.

Kathrin Marchand hat ein echtes Problem: Jeden Tag postet die Sportlerin ihr "Outfit of the day" von den Paralympics in Mailand und Cortina d'Ampezzo. Wintermantel, Fleeceweste, Daunenjacke - alles, was die Ausstattung für das Team Deutschland so hergibt. Was vor gut zwei Wochen für die olympischen Athleten gut passte, ist für die 35-Jährige viel zu viel.

Denn: 15 Grad Celsius und pralle Sonne herrschen in Norditalien. Wer braucht da schon Winterklamotten? Erst recht nicht im Wettkampf. Marchand ist kurzerhand erstmal kreativ geworden. Die Skilangläuferin hat ihren Rennanzug kürzen lassen, wird nun mit knielangen Hosen und Kurzarmshirt antreten. "Marco Maier hat gezeigt, dass es ziemlich erfolgreich sein kann", resümiert sie im Video bei Instagram. Der Biathlet hatte am ersten Wettkampftag kurzerhand die Schere an seinen Rennanzug angelegt - und in kurzen Hosen Bronze im Sprint gewonnen.

Nun, Marchand und Spontaneität - das passt ohnehin zusammen. Relativ spontan ist die Kölnerin auch bei den Paralympics gelandet. Genauer gesagt: bei diesen Paralympics. Wettkampferfahren ist sie extrem, und doch sind die Winterspiele für Marchand eine Premiere. Sie schreibt damit sogar Geschichte: Als erste Athletin überhaupt schafft sie es, an drei unterschiedlichen Spielen an den Start zu gehen. 2012 in London und 2016 in Rio saß sie im olympischen Ruderboot, 2024 in Paris im paralympischen. Kurz nach den Sommerspielen in der französischen Hauptstadt begann Marchand zudem eine Karriere im Skilanglauf. Ein Ski-Trainer hatte sie angesprochen, Marchand war zwar vor 15 Jahren mal Ski gelaufen, musste es aber im Grunde neu lernen.

Schlaganfall auf dem Spinningrad

"Ich war jetzt dreimal bei den Spielen. Ich habe dreimal keine Medaille geholt. Dann brauche ich jetzt ein neues Ziel", sagte sie ntv/RTL. "Wenn ich das anscheinend nicht schaffe, eine Medaille zu holen, dann will ich wenigstens eine neue Sportart machen und dachte okay, dann mache ich jetzt halt Langlauf." Im zweiten Winter ihrer noch kurzen Karriere schafft sie direkt die Qualifikation für die Paralympics.

14 Jahre, nachdem sie sich zum ersten Mal für Olympia qualifiziert hatte. Fünf Jahre, nachdem sie einen Schlaganfall hatte. "Ich habe auf dem Spinningrad gesessen und plötzlich gemerkt, dass meine komplette linke Seite taub wird. Ich habe nur noch ganz wenig gesehen", erinnert sie sich bei ntv/RTL. Ganz tief in sich drin weiß sie sofort, was Sache ist. Marchand ist selbst Ärztin. Doch wahrhaben will sie es nicht. "Ich habe mir ganz viele andere Gründe zurechtgelegt, warum das jetzt so sein könnte. Also dass man unterzuckert ist, dass man sich überanstrengt hat. Ich hatte Nachtdienst, also einfach vielleicht auch zu wenig geschlafen. Man denkt nicht daran, mit 30 Jahren als gesunder Mensch ohne Vorerkrankungen, dass man plötzlich einen Schlaganfall hat. Ich wurde dann eines Besseren belehrt."

Ihre Sportkarriere hatte sie da bereits einige Jahre beendet, 2016 hatte sie das Rudern an den Nagel gehängt. Ihr Medizinstudium, und ab 2018 der Beruf als Ärztin der Orthopädie haben Priorität. Erst der Schlaganfall führt sie zurück zum Leistungssport. Als Assistenzärztin arbeitet sie aber nach wie vor. Und sie rudert auch nach wie vor. Bei den Paralympics in Paris verpasst sie um wenige Hundertstel mit ihren Teamkollegen die Bronzemedaille -im vergangenen Jahr mit ihrem neuen Zweier-Partner Valentin Luz wurde sie dann sowohl Welt- als auch Europameisterin. Nun liegt der Fokus aber erst einmal auf dem Langlauf.

"Manchmal wünsche ich mir, ich hätte eine Prothese"

"Beim Rudern geht es einfach ein Tempo durch. Nur geradeaus, keine Kurven, keine Berge." Alles ist neu: Berge und damit Tempo- und Technikwechsel. Kälte, die ihre Einschränkung schlimmer macht, weil ihre Durchblutung schlechter wird. Sie erklärt: "Jeder kennt das, wenn man mal lange in der Kälte ist, dass man nicht mehr so schnell auf dem Handy tippen kann." Bei ihr sind aber nicht nur die Hände, sondern ihre gesamte linke Körperhälfte betroffen, die seit dem Schlaganfall langsamer funktioniert. "Wenn ich einen Berg hochrenne, dann merke ich halt, dass ich mich mit rechts viel schneller bewegen kann und dann irgendwann wie so ein Krebs den Berg hochlaufe." Seit dem Schlaganfall ist Marchands Sichtfeld eingeschränkt, für einige kognitive Leistungen braucht sie mehr Zeit als vorher. "Also ich merke das super krass, wenn ich an neuen Orten bin oder wenn viel Neues passiert, dass ich super schnell einfach müde bin. Das war früher nicht so, also ich schlafe halt super viel und kann auch gar nichts mehr aufnehmen. Es ist wie so ein Dauer-Blackout, würde ich sagen", erklärt sie.

Unter Stress wird es heftiger: "Also es ist schon so, dass man auch sagen kann, ich laufe mit weniger Einschränkungen los, als ich ins Ziel komme, weil das halt dann durch die Anstrengung noch viel schlechter wird. Ich hatte jetzt auch letztens beim Weltcup den Fall, dass ich fast nichts mehr gesehen habe. Also manchmal wünsche ich mir, ich hätte eine Prothese und könnte sagen, das ist am Start meine Prothese und im Ziel ist die Einschränkung noch dieselbe."

Doch dem ist nicht so - und hadern mag die 35-Jährige schon gar nicht. Im Vorfeld der Paralympics hatte sie sogar provozierend bei Instagram gepostet: "Ich fahre zu den paralympischen Winterspielen und eigentlich habe ich gar keine Lust." Denn sie hat überhaupt gar keinen Bock auf Kommentare wie: "Toll, dass du TROTZ deines Schlaganfalls Sport machst." Sie sieht es anders: Sie hat die Chance, in einem Sport mitzuwirken, der nicht allen vergönnt ist. Sie hat die Chance, ihre Sportkarriere weiter auszuleben.

Für eine Medaille müsse bei diesen Paralympics viel zusammenkommen, urteilt Marchand selbst. Einmal stand sie in diesem Winter aber schon auf dem Podest. Am 10. März geht sie im Sprint an den Start, nur einen Tag später stehen die zehn Kilometer im klassischen Stil auf dem Programm, am 15. März folgen 20 Kilometer Skating.

Und wenn es auch diesmal nicht mit der Medaille klappt? Für Marchand ist es nicht das Ende. Dem Rudern bleibt sie treu, hat im neugeschaffenen Zweier wieder Blut geleckt. Los Angeles 2028, da soll es Gold werden. Denn die Karriere ist nicht immer dann zu Ende, wenn es danach aussieht.

Quelle: ntv.de

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