Richard Carapaz breitete vor der Traumkulisse der Alpen-Dreitausender die Arme aus, dann sank er völlig erschöpft und überglücklich auf seinem Lenker zusammen. Der Kletterkünstler aus Ecuador hat die Probleme beim offenbar kränkelnden UAE-Team von Superstar Tadej Pogacar genutzt und in seiner unnachahmlichen Art bei der Tour de France den Auftakt der Alpen-Trilogie gewonnen.
Am viertletzten Renntag setzte sich Tokio-Olympiasieger Carapaz bei der Bergankunft nach 185,2 km in Orcières-Merlette nach einem fulminanten Antritt durch. Pogacar verteidigte souverän das Gelbe Trikot - unter seinen Helfern breiten sich aber gesundheitliche Probleme aus.
Favoritengruppe bleibt zusammen
Der 33 Jahre alte Carapaz siegte im Skiressort als Solist mit 45 Sekunden Vorsprung auf den Schweizer Mauro Schmid, der bereits am Vortag Zweiter geworden war. Die "Lokomotive von Carchi", die sich vier Kilometer vor dem Ziel gelöst hatte, bescherte dem EF-Team um den deutschen Profi Georg Steinhauser und den sportlichen Leiter Andreas Klier nach vielen vergeblichen Versuchen den ersten Etappensieg. Für Carapaz war es der zweite Tour-Etappensieg seiner Karriere, den ersten hatte er 2024 keine 50 km Luftlinie entfernt in Superdévoluy gefeiert.
Die Favoritengruppe um den Slowenen Pogacar und Red-Bull-Kapitän Remco Evenepoel (Belgien) kam zwei Tage nach dem bitteren Sturz-Aus von Florian Lipowitz geschlossen mit 4:35 Minuten Rückstand ins Ziel. Pogacar führt damit in der Gesamtwertung weiter mit 4:32 Minuten vor Evenepoel, sein Teamkollege Isaac del Toro (Mexiko/+6:51) ist Dritter - soweit sieht das hervorragend für UAE aus. Noch.
Denn ausgerechnet an den drei schwersten Tour-Tagen mit der Doppel-Bergankunft im mythischen Alpe d'Huez am Freitag und Samstag hat Pogacars Team offenbar mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen - schon am Mittwoch hatte sich Adam Yates magenkrank ins Ziel geschleppt. Das Team hielt sich weitgehend bedeckt, was Raum für Spekulation ließ.
Auffällig jedenfalls: Pogacar trug erstmals seit vier Jahren eine schwarze statt gelbe Rennhose zum Gelben Trikot, was das Geraune am Rande des Pelotons verstärkte. Sollte sich Pogacar ebenfalls ein Magen-Darm- oder sonstiges Problem einfangen, wäre das angesichts der kommenden ultraschweren Etappen fatal - und Toursieg Nummer fünf höchst gefährdet. Doch davon soll noch keine Rede sein.
"Schadensbegrenzung" bei UAE
"Ich weiß selber nicht, was los war. Wir müssen jetzt schauen, dass wir die nächsten beiden Tage überleben", sagte Pogacars starker deutscher Helfer Nils Politt der ARD und gab die Marschroute vor: "separieren", wo es nur geht. "Es sind einige Leute im Feld krank. Wir werden aber alles auf der Straße geben, um noch eine Etappe zu gewinnen und das Gelbe Trikot nach Paris zu bringen."
Pogacars Helfer Tim Wellens, sein Landsmann Florian Vermeersch sowie der US-Amerikaner Brandon McNulty sofort ins Gruppetto zurückfallen - der bergstarke McNulty konnte schließlich auch dessen Tempo nicht halten und gab auf. Yates fuhr zunächst wie Politt an der Seite von Pogacar. UAE und Evenepoels Red-Bull-Mannschaft hielten im Rennverlauf den Vorsprung einer Fluchtgruppe lediglich in Grenzen, statt diese zu jagen.
Zu jener Gruppe gehörte wie am Vortag auch der deutsche Meister Felix Engelhardt, der den Traum vom ersten deutschen Etappensieg seit Politt 2021 noch nicht aufgegeben hatte. Erneut war er in der ungemein starken Fluchtgruppe "die kleinste Kerze", wie er es nannte. 45 km vor dem Ziel fiel Engelhardt aus dem vorderen Teil der auseinandergefallenen Gruppe um seinen Teamkollegen Schmid zurück.

