Don King und Dana White haben mindestens zwei Sachen gemein. Sie bezeichnen sich als Freunde von US-Präsident Donald Trump. Und ihnen eilt der Ruf des Kampfsport-Paten voraus. King beherrschte vor allem in den Achtzigern und Neunzigern das Preisboxen und ruinierte ganze Karrieren, wie die von Box-Ikone Mike Tyson. White kontrolliert als Boss der 1993 gegründeten MMA-Serie UFC seit mehr als 20 Jahren die Käfigkampf-Szene in den USA.
Bisher pflegten King und White ein respektvolles Verhältnis, eine Art friedliche Koexistenz, schließlich kamen sich die Paten nicht ins Gehege. Das hat sich inzwischen geändert. White mischt seit mehr als einem Jahr auch im Profiboxen mit. Zusammen mit dem saudischen Boxmogul Turki Al-Sheikh hat der Amerikaner "Zuffa Boxing" ins Leben gerufen, eine Liga nach UFC-Vorbild, die antritt, das Boxgeschäft zu übernehmen. White und Al-Sheikh streben ein Monopol an.
Zuffa soll der einzig relevante Player sein, der die anderen Promoter auffrisst. Auch am WM-Titel-Dickicht, das die vier Weltverbände WBA, WBC, IBF und WBO seit Jahrzehnten wuchern lassen, setzt Zuffa die Sense an. Wahrer Weltmeister soll künftig nur sein, wer den Zuffa-Gürtel trägt. Bei den alteingesessenen Strippenziehern in den USA, wie dem 95-jährigen King und dem 94-jährigen Bob Arum, kommt das naturgemäß nicht gut an. Die Promoter-Dinos sind seit den Tagen Muhammad Alis im Geschäft - und wollen es auch bleiben. Können sie es?
Während "Bobfather" Arum in seinem Boxstall Top Rank noch immer mehrere ordentliche Aktien im Portfolio hat, ist Don Kings Macht und Einfluss in den vergangenen Jahren extrem geschwunden. Die Zeiten, in denen die Starkstromlocke jauchzend mit Fahnen wedelte, Weltmeister wie Puppen kontrollierte, und gigantische Kampfabende aufzog, liegen lange zurück. Zurzeit hat King nur einen Champion unter Vertrag: den Deutschen Noel Mikaelian, WBC-Weltmeister im Cruisergewicht. Und genau den macht White ihm nun abspenstig - behauptet King.
Don King sucht verzweifelt den Aus-Schalter
Mikaelian steigt am Samstagabend (Ortszeit) in Las Vegas gegen Zuffas Cruisergewichts-König Jai Opetaia aus Australien in den Ring. Es ist das Co-Main-Event einer groß inszenierten Zuffa-Show. Im Hauptkampf treffen die Dampfplauderer Ryan Garcia (USA) und Conor Benn (England) im Duell um die Weltergewichts-WM des WBC aufeinander - womöglich eines der letzten Zugeständnisse, das White und Co. dem 1963 in Mexiko gegründeten Verband machen. Ob auch Mikaelian seinen WBC-Gürtel verteidigt, ist offen. Der WBC hat den 35-jährigen Hamburger zu einem Kampf gegen US-Star David Benadivez verpflichtet, der im Limit bis 90,72 Kilogramm die Titel von WBA und WBO hält. Ein äußert ungewöhnlicher Vorgang. Im Gespräch mit ntv.de witterte Mikaelian "ein orchestrierts Spiel" von WBC und Don King, denen sein Gefecht gegen Opetaia unter Whites Banner nicht passe.
Mikaelian und sein Team pochen auf eine vom WBC zugesicherte freiwillige Titelverteidigung. Diese soll gegen Opetaia - auch noch die Nummer 1 der WBC-Rangliste - erfolgen. Das Management des WBC-Meisters behauptet zudem, das Benavidez-Lager habe nie ein Angebot für einen Kampf vorgelegt. Der WBC wiederum kündigte an, Mikaelian den Titel abzuknöpfen, wenn er die Pflichtaufgabe Benavidez nicht erfüllt. Mikaelian hat trotz der Ansage klargestellt, gegen den 30-jährigen Opetaia anzutreten - ob nun mit oder ohne WBC-Insignien.
Neben dem (klobigen) Zuffa-Gürtel steht in Las Vegas auch der in der Boxwelt prestigeträchtige Titel des US-Magazins "The Ring" auf dem Spiel. Die 1922 gegründete "Bibel des Boxens" befindet sich seit Ende 2024 im Besitz Turki Al-Sheikhs, dem Chef der General Entertainment Authority des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Der biblische Gürtel soll den Zuffa-Spielen Legitimität verleihen. Mikaelian gegen Opetaia ist eigentlich also "on" - wäre da nicht der alte King, der verzweifelt versucht, den Aus-Schalter zu drücken.
Der alte Don schickt eine Botschaft
Wenige Tage vor dem ersten Gong, die ersten Termine in Las Vegas waren schon in vollem Gange, schickte King via Anwalt Dana White einen Brief. Genauer gesagt: Eine Unterlassungsaufforderung. King wirft Zuffa eine "tortious interference" vor, eine unrechtmäßige Einmischung in ein "rechtlich bindendes" Vertragsverhältnis zwischen Don King Promotions (DKP) und Mikaelian. Dessen Kampf gegen Opetaia sei ohne Kings Placet zustande gekommen und stelle Vertragsbruch dar. "Zuffa muss den Kampf zwischen Mikaelian und Opetaia sofort absagen und dies in den Medien umgehend verkünden", forderte DKP-Advokat Alejandro Brito.

Die Antwort fiel kurz aus. "Er (Mikaelian, d.Red.) kämpft am Wochenende", sagte White lapidar. Es gebe auch keinen Plan B. Denn: "Es braucht keinen Plan B." Mikaelian reagierte auf ntv-Sport-Anfrage fast schon amüsiert auf das Gesuch seines Promoters. "Soll er ruhig Wirbel machen. Ich lasse mir nichts mehr sagen", betonte er. Mikaelian und sein Manager berufen sich auf eine Zusatzklausel, ein "Schlupfloch" in der Vereinbarung mit dem greisen Paten.
Demnach darf der Deutsche sehr wohl die Angebote anderer Veranstalter prüfen und annehmen - wenn King diese nicht "innerhalb von fünf Tagen matchen kann", wie er Ende 2025 im Interview mit RTL/ntv und sport.de verriet. Hatte der geschäftlich seit geraumer Zeit strauchelnde King eine Offerte auf Niveau Whites in petto? Darauf wird jede Partei ihre Antwort geben. Womöglich regelt hinter den Kulissen der Dollar die Angelegenheit. "Ich habe mit Don immer gute Geschäfte gemacht", sagte der 57-jährige White.
King macht Mikaelian das Leben schwer
Mikaelian hat mit King ebenfalls seine Erfahrungen. Nachdem er 2019 sein Boxerleben von Hamburg nach Miami verlagert hatte, unterschrieb er "unter Druck" 2022 bei dem für sein skrupelloses Agieren berüchtigten King - um beim WBC eine WM-Chance zu bekommen, wie er ntv.de erzählte. Einen Titelkampf habe er letztlich auch nur bekommen, "weil mir der WBC versichert hat: Wenn du bei Don King unterschreibst, ist das die einzige Möglichkeit, weil er diesen Titel kontrolliert." Der heiße Draht zwischen dem Promoter-Urgestein und dem WBC ist im Boxgeschäft ein offenes Geheimnis. "Ich habe fast schon meine Seele verkauft, um diesen WM-Kampf zu bekommen", erinnert sich Mikaelian an den diabolischen Deal mit dem Don, in dessen Körper seit einer Schießerei 1959 mehrere Gewehrkugeln stecken.
Mikaelian bekam seine Chance Ende 2023 und nutzte sie. Als erster Deutscher seit Max Schmeling 1930 gewann er auf US-Boden einen WM-Kampf. Seine Karriere nahm dennoch keine Fahrt auf - im Gegenteil. Im folgenden Jahr stand Mikaelian nicht einmal im Ring, auch, weil King seiner vertraglichen Promoterpflicht nicht nachkam. Einen bereits angesetzten in Miami Kampf sagte DKP sogar komplett ab, weil der Big Boss im Krankenhaus lag. Ein einmaliger Vorgang. Mikaelians Verhältnis zu King ist seither zerrüttet. Boxer und Promoter sollen sich im Büro des Alten sogar angeschrien haben.
Auch der WBC spielte dem in Armenien geborenen Mikaelian böse mit, nahm ihm Ende 2024 per Handstreich den Titel ab. Nur durch glückliche Umstände erhielt der Routinier im vergangenen Jahr nochmal einen WM-Kampf. In Saudi-Arabien verlor er gegen den Schweden Badou Jack höchst umstritten nach Punkten. Das Urteil war derart miefig, dass der WBC eine Revanche ansetzte, die Mikaelian im Dezember in Los Angeles klar für sich entschied. Danach nahm der WBC-Champion die Konkurrenz im Cruisergewicht ins Visier, Opetaia hatte den Fehdehandschuh bereits hingeworfen.
"Wir werden als Babys geboren und sterben als Babys, heißt es. So wirkt Don King auf mich", sagte Mikaelian damals. Und: "Ich hoffe, er wird mir jetzt nicht gegen das Schienbein treten und irgendwelche Summen verlangen für die Vereinigungskämpfe, die jetzt mein Plan sind." Noel Mikaelian hat sich geirrt - aber er pfeift drauf.



