Dass Lewis Hamilton dem WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli im Nacken sitzt, kann man angesichts 41 Punkten Differenz zwischen den beiden in der Fahrer-WM wahrlich noch nicht behaupten. Fakt ist aber: Der britische Rekordweltmeister in Ferrari-Diensten ist erster Verfolger des italienischen Teenagers - und das ist nach sieben Grand-Prix-Wochenenden schon eine Leistung für sich.
Denn nach den ersten Rennen hatte sich die Formel-1-Gemeinde nicht die Frage gestellt, wer 2026 Formel-1-Weltmeister wird. Sondern nur, welcher Mercedes-Fahrer, derart dominant steckten die Silberpfeile ihre Gegner in die Tasche - vor allem Antonelli. Mit einer scheinbar jugendlichen Nonchalance gewann der 19-Jährige Rennen um Rennen, ließ seinen arrivierten Stallrivalen George Russell ziemlich alt aussehen. Mercedes war so überlegen, auf der Strecke so weit weg von jeglicher Konkurrenz, dass Teamchef Toto Wolff seine Piloten zwar ermahnte, aber doch frei gegeneinander fahren ließ. Beim Kanada-GP lieferten sich Antonelli und Russell beinharte Duelle - sie konnten es sich eben leisten.
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Hamilton hat "Blut geleckt"
Damit ist es womöglich vorbei. Im Schatten der silbernen Macht hat sich Ferrari zu einem ernstzunehmenden Rivalen entwickelt. Beim vergangenen Rennen in Barcelona feierte Superstar Hamilton endlich den ersten Sieg in Rot. Vergessen ist sein erstes Seuchenjahr mit der Scuderia. Der 41-Jährige kommt mit dem neuen Autokonzept hervorragend zurecht, zudem scheint das jüngste Ferrari-Upgrade gefruchtet zu haben. In Barcelona gewann Hamilton nicht nur dank einer guten Strategie. Er war auch schnell, im Qualifying trennten ihn lumpige 64 Tausendstel von Polesetter Russell. Ein gutes Zeichen für Ferrari, gilt die Strecke in Katalonien wegen ihres Mix aus schnellen, mittelschnellen und langsamen Kurven doch als die Referenzstrecke schlechthin.
Dass Hamilton nun halbwegs in Schlagdistanz zu Antonelli ist, liegt daran, dass der WM-Leader am Rennsonntag kurz vor Rennende mit Motorschaden ausfiel. Wolff sprach hinterher von einem "Scheißrennen" für Mercedes und warnte seine Truppe eindringlich vor seinem ehemaligen Schützling Hamilton. "Wenn er einmal Blut leckt, greift er richtig an."
Im Fahrerlager gab es nach dem Barcelona-GP kritische Stimmen, die den Mercedes-Strategen vorwarfen, Antonelli nicht per Teamorder an Russell vorbeigelotst zu haben. Im Kampf um den Rennsieg gegen Hamilton wäre ein Freifahrtsschein für Antonelli die einzige Chance gewesen, monierten die Kritiker. Der Italiener war in der Schlussphase der deutlich schnellere Mercedes-Mann gewesen, quetschte sich aber erst nach einem rundenlangen Rad-an-Rad-Kampf an Russell vorbei, ehe sein Auto den Geist aufgab.
Mercedes kann nicht mehr einfach wegfahren
Das Rennen in Katalonien hat also eine grundsätzliche Frage aufgeworfen: Muss Mercedes den freien Kampf seiner Piloten schon jetzt wieder einstampfen? In Antonelli angesichts dessen nach wie vor beträchtlichen Vorsprungs gar eine Nummer 1 ausrufen? Letzteres mag bei noch 15 ausstehenden Grands Prix verfrüht sein. Vor allem, weil Mercedes Zuverlässigkeitsprobleme hat. In Barcelona traf es Antonelli, zuvor in Kanada war Russell ausgerollt. Ein zu frühes Festlegen könnte sich als Bumerang erweisen. Dass Mercedes ob der Ferrari-Gefahr künftig seine Fahrer je nach Rennlage zur Team-Räson ruft -, davon ist allerdings auszugehen.
"Es geht einfach darum zu sagen - und das wird 100-prozentig kommen -, dass der Schnellere vorbeidarf, wenn er von hinten kommt. Und zwar völlig egal, in welcher Konstellation", erläuterte RTL-Experte Christian Danner im "AvD Motorsport-Magazin". Die Silberpfeile seien derzeit "nicht mehr in der Situation, einfach vorne wegzufahren und die Jungs machen zu lassen. Ferrari, im Speziellen Lewis, ist dran. Und zwar so nah dran, dass jeder kleine Konflikt, der die beiden Mercedes Zeit kostet, dazu führen kann, dass man den Sieg verschenkt", analysierte der frühere Formel-1-Pilot. Diese neue Stärke Hamiltons, so Danner, sei nicht weniger als "eine fundamentale Änderung in der motorsportlichen Großwetterlage".

