Enzo Fernandez hatte getroffen. In der 92. Minute. Er hatte eine der lässigsten Flanken des WM-Turniers per Kopf über die Linie gedrückt. Argentinien führte. Tatsächlich. Bis zur 79. Minute hatte es nicht danach ausgesehen. Der Titelverteidiger wankte, Gegner Ägypten arbeitete fleißig an der WM-Sensation. Doch dann folgten 13 Minuten für die Ewigkeit. Die argentinische Zeitung "La Nacion" sah einen "epischen" Triumph und spürte das "Herz des Champions". Wie schon gegen die Kap Verde brauchte es Drama. Die Mannschaft um Gigant Lionel Messi drehte einen 0:2-Rückstand um und zog nach Fernandez' Tor mit 3:2 ins Viertelfinale ein. Dort wartet die Schweiz.
Argentinien drehte durch vor Glück. Und Ägypten eskalierte vor Wut. Schiedsrichter Francois Letexier verteilte zweimal Gelb und einmal Rot gegen den Torwarttrainer der Nordafrikaner. Bis zum Schlusspfiff wurde es nicht ruhiger. Zwei weitere Gelbe Karten folgten. Während Messi, der Jahrhundertfußballer, nach dem letzten Pfiff in Tränen ausbrach, bekamen die Ägypter ihre Emotionen gar nicht mehr in den Griff. Es wurde sogar noch richtig dreckig. Verdient hatte es dieses Spiel nicht. In dem der Weltmeister verzweifelt war und die Nordafrikaner so leidenschaftlich verteidigt und angegriffen hatten.
Ägyptens Torwart macht das Spiel seines Lebens
Ägypten ging nach 15 Minuten in Führung. Yasser Ibrahim köpfte zum 1:0 ein. Der Champion war extrem gereizt und griff wütend an. Sechs Minuten nach dem Rückstand hatte Messi die Riesenchance zum Ausgleich. Doch der Superstar vergab auch seinen zweiten Elfmeter bei diesem Turnier. Insgesamt hat er bei Weltmeisterschaften nun vier von acht Strafstößen verschossen. Was für eine erstaunliche Schwäche des Jahrhundertspielers. Seine Mannschaft rannte aber weiter an, schoss sich die Füße wund und konnte nicht fassen, was Mostafa Shoubeir leistete. Der Torwart der ägyptischen Nationalmannschaft machte das Spiel seines Lebens. Und wenn er mal nicht zur Stelle war, klatschte der Ball an den Pfosten.
"Alle strittigen Entscheidungen gegen Ägypten getroffen"

Mitten rein in diese Verzweiflung drückte Mostafa Zico das 2:0, nach einem perfekten Konter. Er hatte bereits elf Minuten zuvor getroffen, das vermeintliche 2:0 wurde wegen eines Foulspiels nach Sichtung der Videobilder aber zurückgenommen. Die Ägypter waren einigermaßen fassungslos, auch wenn es einen klaren Kontakt gab. Doch dann crashte Argentinien die Party. Christian Romero traf (79.), dann gönnte sich Messi doch noch einen großen Moment. Er drosch den abgefälschten Ball zum Ausgleich unter die Latte (83.).
"Es war sehr schwer, wir haben gelitten, aber diese Mannschaft gibt nie auf, sie kämpft bis zum Ende", sagte Messi. "Es ist verrückt, was sie in dieser K.-o.-Runde geleistet hat. Wir haben das Spiel noch gedreht. Ich freue mich, dass die Leute jetzt feiern können."
Elfmeter? Gegentor!
Dann der große Aufreger des Spiels. Ägyptens Superstar Mo Salah fällt im Strafraum, sein Mitspieler Hamdy Fathy wird gehalten. Elfmeter? Kein Pfiff, dafür der Konter, das Tor. Der Wahnsinn von Atlanta brach sich Bahn. Messi weinte. Sein Trainer Lionel Scaloni brach tief bewegt das Siegerinterview ab. Er war fix und fertig. Geschafft von diesem Drama. "Ich kann nicht mehr. Das ist zu viel. Was für eine Gruppe an Spielern! Ich kann nicht mehr, ich muss aufhören. Es tut mir leid." Die WM-Reise des Titelverteidigers, die WM-Reise von Lionel Messi, geht weiter. Weil es vorher so ausgemacht war?
Total fertiger Messi macht die Tränenschleuse auf

Ägypten, außer sich vor Wut, legte offizielle Beschwerde bei der FIFA ein. Sie konnten und wollten nicht fassen, was ihnen widerfahren war. "Ich werde sagen, was ich denke – ganz gleich, welche Konsequenzen das hat. Das war ganz klar ein manipuliertes Spiel, und die ganze Welt hat das gesehen. Wir waren besser als der Weltmeister, aber das Ergebnis ist durch interne und externe Faktoren beeinflusst worden", wütete Trainer Hossam Hassan. Die Sicht, dass seine Mannschaft besser war, war nicht gedeckt. Argentinien drückte und drängte, Ägypten hielt mit allem was es hat dagegen. So war's eher. Aber völlig in Rage ging die Wutrede weiter.
Coach Hassan völlig außer sich
"Wenn sie wollen, dass Argentinien gewinnt, warum lassen sie dann überhaupt alle anderen Mannschaften am Turnier teilnehmen? Es geht nur ums Geld. Sie (Anmerk. d. Red.: die FIFA) wollen, dass Messi im Turnier bleibt. Die Argentinier haben Druck auf den Schiedsrichter ausgeübt", behauptete Hassan und betonte, man habe ihn im Vorfeld "abgelehnt".
Vor allem die entscheidende Szene brachte ihn zum Kochen: "Ein Elfmeter für uns ist nicht einmal vom VAR gecheckt worden." Außerdem sei dem Team das erste Tor von Mostafa Ziko (58.) "aus welchen Gründen auch immer" aberkannt worden. Auch Ziko witterte Betrug: "Glückwunsch an Argentinien zum WM-Titel. Das Turnier war manipuliert. Es ist offensichtlich, dass ihr WM-Sieg geplant ist. Der Schiri war unfair, unfair."
Ex-Bundesliga-Schiri wundert sich auch
Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich konnte den Ärger der Nordafrikaner nachvollziehen. "Alle strittigen Entscheidungen sind gegen Ägypten getroffen worden", sagte der MagentaTV-Experte: "Die negativen Emotionen, die da herauskommen, die sind nachvollziehbar." Unmittelbar vor dem 3:2 hatte Alexis Mac Allister Hamdi Fathi beim Eindringen in den argentinischen Strafraum am Trikot gezogen. "Für mich, und da bin ich relativ deutlich, ist das eigentlich ein Strafstoß", sagte Ittrich. "Er macht nichts, als das Trikot zu ziehen. Der Impuls ist da, den Spieler dadurch zu hindern, eventuell an den zweiten Ball zu kommen."
Später Treffer rettet Argentinien ins Viertelfinale

"Wir hatten den Sieg verdient, aber wir haben keinen Respekt und kein Fair Play erfahren", wütete Hassan, "das Leben ist unfair, die Welt ist unfair, aber warum gibt es keine Fairness im Fußball, im Sport? Wir sind ungerecht behandelt worden." Auch wegen der Anstoßzeit. Die ja für beide galt..., nunja. "Wer ein Spiel für 12 Uhr ansetzt, hat nie selbst Fußball gespielt", sagte er, "sollen die Spieler um 7.30 Uhr Mittag essen?" Sein Fazit nach dem WM-Aus: "Viele Dinge sind fragwürdig - auf dem Feld und außerhalb. Das schadet der Glaubwürdigkeit."
