"Dann ist alles Scheiße"

"Bockig"? Nagelsmann gegen den Rest der Welt

us-passbildVon Sebastian Schneider, Foxborough
Soccer-Football-FIFA-World-Cup-2026-Group-E-Ecuador-v-Germany-New-York-New-Jersey-Stadium-East-Rutherford-New-Jersey-U-S
Eine Leistung zum Durchschnaufen. (Foto: REUTERS)
00:00 / 08:28
29.06.2026 | 17:33 Uhr
Die erste Fußball-Weltmeisterschaft, das erste K.-o.-Spiel: Julian Nagelsmann steht zumindest vor seiner wichtigsten WM-Partie. Experten kritisieren ihn, Fußballdeutschland ist nervös. Auch der Bundestrainer spürt das.

Da sitzt er nun, Julian Nagelsmann. Im Presseraum des WM-Stadions von Boston. Was übrigens ein Etikettenschwindel ist, weil die Heimat der New England Patriots fast 50 Autokilometer vom Zentrum der historischen US-Hafenstadt entfernt liegt. In nicht mal 24 Stunden bestreitet der Bundestrainer hier sein erstes K.-o.-Spiel bei einer Weltmeisterschaft. Selbst für das stolze Fußballland ist es das erste seit zwölf Jahren. Seit dem WM-Titel von Rio 2014.

Nagelsmann sitzt neben Kai Havertz. Beide sprechen über den kommenden Gegner Paraguay, der wieder ein körperlicher sein wird. Über Erwartungen. "Es geht nur um das Gewinnen", sagt Nagelsmann. "Wenn Du gewinnst, ist alles perfekt. Wenn Du verlierst, dann ist alles Scheiße." Er habe außer den Spielern gegenüber niemandem eine Beweispflicht, erklärt der Bundestrainer. "Tatsächlich geht es mir nur um die Mannschaft." Dass er emotional an der Seitenlinie wird, das lebe er vor und erwarte er auch von seinen Spielern.

Und über den Druck eines ersten K.-o.-Spiels. "Ja, und was macht es mit mir persönlich?", fragt Nagelsmann sich selbst und lässt eine kurze Pause zum Überlegen. "Es ist wie bei jedem Menschen, die Frage können Sie sich selbst beantworten. Und dann ist dazu alles gesagt."

Nagelsmann reagiert auf Kritik an seiner Person

Video poster

Ein "kleines, bockiges Kind"

Ein Nationaltrainer verschwindet während eines Turniers in eine Art Tunnel. Die Öffentlichkeit bekommt ihn nur noch wenig zu sehen, das gilt selbst für die Medienschaffenden, die das Team begleiten. Der Bundestrainer spricht auf den Pressekonferenzen einen Tag vor dem Spieltag, dann taucht er noch zur Partie selbst auf, gibt im Anschluss Interviews. Und verschwindet wieder in den Tunnel.

Deshalb liefen die Debatten der vergangenen Tage ohne Nagelsmanns Beteiligung. Auch über ihn. Der Bundestrainer verwunderte mit seinen Auftritten. Gegen die Elfenbeinküste war es schon auffällig, wie sehr er den vierten Offiziellen Khalid Saleh Al-Turais bearbeitete, wie er schimpfte und gestikulierte. Ein ähnliches Bild produzierte auch sein Auftritt in New Jersey, als er Campbell-Kirk Kawana-Waugh beim Ecuador-Spiel bearbeitete. Der "Spiegel" diagnostizierte danach "womöglich die Angst vor einem Kontrollverlust".

Jürgen Klopp erklärt den Schlüssel zum Paraguay-Spiel

Video poster

Und dann war auch das Interview nach Spielende, das viele daheim irritiert zurückgelassen hat. In den Hauptrollen: Johannes B. Kerner, Mats Hummels, Jürgen Klopp - und eben der Bundestrainer. Nagelsmann trat dünnhäutig und schnippisch auf, vermittelte den Eindruck, dass er gar nicht da sein möchte. Wie ein "kleines, bockiges Kind" sei er aufgetreten, sagte etwa Markus Babbel im "Doppelpass". Nun ja, der Weißbiertreff ist nicht für sonderlich differenzierte Meinungen bekannt.

Allerdings wirkte Nagelsmann tatsächlich unsouverän: Kerner fragte schon zu Beginn, ob es Ecuador einfach mehr wollte. "Bitte hört auf mit dem Quatsch, ehrlich. Warum wollten die Jungs nicht Vollgas geben", rügte Nagelsmann den Magenta-Moderator. Im weiteren Verlauf taute die Stimmung kein Stück mehr auf. Für die Gesamtperformance war dann nicht gut, dass Deniz Undav und Joshua Kimmich wenige Minuten später der Kerner-Argumentation folgten. "Wir haben dann gemerkt, dass der Gegner das Spiel gewinnen musste, das Spiel gewinnen wollte", sagte Kimmich etwa. "Und das am heutigen Tag definitiv mehr als wir."

Kein Longboard mehr

Eigentlich ist so ein kleiner Widerspruch nichts Wildes, kein großes Problem. Aber in einem nervösen Fußballland, das sich nach Erfolg sehnt, ist die Aufmerksamkeit während einer Weltmeisterschaft noch einmal größer. Aus jedem Detail wird eine große Geschichte. Was ist mit der Rolle von Deniz Undav? Wohin gehört Joshua Kimmich eigentlich? Plötzlich interessieren Fragen, die anderthalb Jahre praktisch egal waren.

Neuer erhält Spezial-Untersuchung am Flughafen

Video poster

Das hat auch Nagelsmann in seinen drei Jahren im Amt gemerkt. Er selbst hat einen Wandel hingelegt. Früher, zu Leipzig- und Bayern-Zeiten, war Nagelsmann für seine Sprüche bekannt. Er rollte auf dem Longboard oder der Harley zum Trainingsplatz, fiel mit extravaganter Kleidung auf. Die flippigen Hemden hat er abgelegt, die Longboard-Momente gibt es aber immer noch. Sie werden nur seltener. In Winston-Salem fuhr er mit einem Golf-Caddy zum öffentlichen Training und drehte mehrere Runden auf dem Parkplatz.

Auch die Pressekonferenzen haben sich verändert. Zur Heim-EM noch, da hat Nagelsmann eigene sprachliche Metaphern geliefert. Er verstand sich als wirklicher Bundestrainer, hat noch über Themen hier und da gesprochen. Animierte die Deutschen zum gemeinsamen Heckeschneiden. Manchmal landeten die Pressekonferenzen als Zusammenschnitte "mit den besten Sprüchen" auf Youtube.

Eine solche Compilation gibt es von dieser WM bisher nicht. Der Nagelsmann heute wirkt selten lässig, sondern oft angespannter und fokussierter. Ausführlich wird er vor allem dann, wenn es um Inhaltliches geht. Um Kontrolle, um Tiefenläufe oder um Positionierungen. Noch einmal "Es tut weh, 'dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird'", wird er auch nicht mehr so schnell sagen. Zu oft musste er diesen Satz wieder einfangen und erklären, dass er die Zielsetzung meinte.

Die Weltmeister von 2014

Das Warum liegt in der Zeit vor dem Turnier. Die eigentliche Stärke dieses Bundestrainers, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit, war vor der WM zur Schwäche geworden. Das, was er sagte, wurde zum Bumerang. Leon Goretzka etwa bekam per "Kicker"-Interview eine WM-Rolle zugeteilt, die später wieder kassiert wurde. Die März-Episode mit Undav ist mittlerweile auserzählt. Und dann war noch die ganze Geschichte um die Rückkehr von Manuel Neuer. Als Nagelsmann im ZDF-"Sportstudio" stand und versuchte, mit möglichst vielen Worten nichts zu diesem Thema zu sagen.

Und jetzt die Weltmeisterschaft. Sie begann direkt mit einem heiklen Moment. Da war etwa die "Noch, noch"-Sequenz mit Klopp, der darüber scherzte, dass Nagelsmann "noch" die Startelf des DFB-Teams aufstelle. Nagelsmann reagierte locker, indem er einfach nichts dazu sagte. Klopp entschuldigte sich wortreich. Aber wie muss es sich anfühlen, nach jedem Spiel zum Schattenbundestrainer an die Seitenlinie zum Interview zu kommen? Und dann kann Klopp im direkten Vergleich natürlich viel lockerer auftreten. Er trägt ja (noch) keine DFB-Verantwortung.

Aber, wenn es ausschließlich Klopp wäre. Der Schatten der Rio-Helden hängt dem DFB-Team noch immer nach. Nett gemeinte Ratschläge erhält der Bundestrainer von allen Seiten. Neben Klopp stehen meist noch Hummels und Thomas Müller bei Magenta, die alle Auftritte der Nagelsmannschaft kommentieren. Philipp Lahm teilte dem "Kicker" mit, dass er Kimmich auf einer anderen Position aufstellen würde. Toni Kroos traut in seinem Tiktok-Livestream dem aktuellen Team nicht mehr zu, schlecht zu spielen und trotzdem zu gewinnen. Joachim Löw vermisst Führungsspieler und Stabilität im DFB-Team.

Der Druck kommt von allen Seiten. Mit den WM-Debakel in Russland 2018 und Katar 2022 hat die DFB-Elf das Urvertrauen verspielt, dass das schon alles irgendwie läuft. Diese Sicherheit liegt irgendwo im Wüstensand neben dem Zulal Wellness Resort. Die nervöse Fußballöffentlichkeit wendet sich deshalb auch an die Rio-Helden, die letzte deutsche Generation, die den WM-Titel noch im Lebenslauf hat. Und Nagelsmann muss das ausbaden. Mit der Niederlage gegen Ecuador brachen die Sorgen wieder auf, die zuvor mit Curacao (7:1) und der Elfenbeinküste (2:1) einigermaßen beruhigt wurden.

Bundestrainer Nagelsmann sagte schon während dieser WM, dass er auf Expertenmeinungen nicht höre. Und sich von externen Meinungen nicht treiben lasse. Immerhin steht er in diesem Dauerrauschen nicht alleine. Wenn es zu wild wird, schaltet sich DFB-Professor Rudi Völler ein, um die Lage zu beruhigen. Das machte er unter der Woche aus dem Presse-Audimax in Winston-Salem. Der Job des Bundestrainers bringe eben mit, dass es Menschen "gibt, die dann noch eine andere Meinung haben", sagte Völler. "Damit muss man mit umgehen können", fuhr er fort, "und damit kann er gut umgehen."

Verwendete Quelle: ntv.de