Fußball-WM

Pyro, Bomber, SanéDFB-Elf wurschtelt sich durchs bizarre US-Spektakel

07.06.2026, 06:08 Uhr
imageVon Sebastian Schneider, Chicago
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Sie hatten auch Grund zum Jubeln: die US-Fans. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Mit nun neun Siegen nacheinander geht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in die Weltmeisterschaft. Das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann liefert aber ein Kontrastprogramm zur US-Stadionshow. Und am Ende redet man mal wieder über Leroy Sané.

Boom. Es knallt. Die Bässe wummern wieder. Das Soldier Field in Chicago bebt. Die rot-weißen Fähnchen auf den Tribünen gehen in die Luft: Touchdown! Ähm, Pardon: Tor! Und was für eins: Antonee Robinson jagt den Ball ins deutsche Gehäuse. Eine abgeblockte Ecke nimmt der US-Spieler an der Strafraumkante aus der Luft. Ohne Kompromisse, unhaltbar.

In der 35. Minute zeigt der Mitgastgeber der größten Fußball-Weltmeisterschaft jemals dem DFB-Team noch einmal, was er als Show definiert: "Free Bird" wummert aus den Stadionboxen, das Stadion, das fast das gesamte Spiel bis dahin praktisch geschwiegen hat, flippt aus, vibriert wieder. Mit dem "brutalen" Tor (Zitat Kimmich) zum zwischenzeitlichen 1:1 kehrte das US-Team wieder zurück, verliert am Ende aber trotzdem mit 1:2.

Für die europäischen Ohren und Augen ist vieles gewöhnungsbedürftig, was sich rund um das "Send-Off Match" (gesponsort von einem Getränkehersteller, klar) abspielt. Nicht nur, was das Klima angeht. In Chicago war es in dieser Woche entweder sehr heiß oder wahnsinnig schwül, so auch am Spieltag. Sondern es ist ein Vorgeschmack auf das, was die FIFA in ihren Pressemitteilungen schon für die XXL-WM angekündigt hat: ein Fußballspiel wie eine Jahrmarkt-Attraktion, durch zwei Trinkpausen in vier Viertel unterteilt.

Ein Knall, dann aber wenig

Und das zeigt sich schon ums Stadion herum. Vor Anpfiff legen Männer in Lederhosen in einem "Fußball-Biergarten" deutsche Schlagermusik auf. Pyrotechnik untermalt im Inneren die US-Hymne. Langstreckenbomber jagen vor dem Anpfiff (leicht verspätet) über die Arena. In der Halbzeit kommt es zu einer bizarren Szene: Auf dem Feld stehen die Piloten der Kampfflugzeuge. Sie reißen ihre Overalls zu "My Hero" von den Foo Fighters auf und präsentieren darunter, klar, das US-Trikot. Selbst für einen Hollywoodfilm wäre das zu wild.

Vor allem aber bleibt hängen: Das, was sich auf dem Rasen abspielt, steht im krassen Kontrast zum Spektakel drumherum (mal abgesehen von dem Traumtor zum 1:1). Die deutsche Nationalelf wurschtelt sich bestenfalls durch den letzten Test vor der Weltmeisterschaft. Wie schon durch die erste Hälfte beim 4:0-Erfolg über Finnland in Mainz. Es ist bezeichnend, dass die Protagonisten nach Abpfiff vor allem das Ergebnis hervorheben.

"Es war wichtig, dass wir die zwei Testspiele gewinnen können", sagt Kapitän Joshua Kimmich später im Keller des Soldier Field. Nicht nur das: "Dass wir auch zweimal mit der gleichen Mannschaft spielen, fand ich auch wichtig für uns", erklärt er. Bayern-Patron Uli Hoeneß war Julian Nagelsmann im April noch genau dafür scharf angegangen, dass der Bundestrainer das in den Monaten vor der Weltmeisterschaft nicht geschafft hatte.

Mit Erfreuen wird Hoeneß deshalb die Anfangsphase gesehen haben. Nach Kampfjets und Pyrotechnik legt das Team von Nagelsmann selbst mit einem Knall los: Die meisten der rund 60.000 Fans haben sich noch gar nicht hingesetzt, da liegt der Ball schon im Tor der USA. Kapitän Kimmich flankt in der zweiten Minute einen Freistoß in den Strafraum. Dort verfügt Kai Havertz dank der US-Defensive über unbegrenzte Möglichkeiten. Der nimmt das gerne an und köpft den Ball ins Tor.

Daraus hätte sich schnell ein Schützenfest entwickeln können. Wird es aber nicht. Nicht einmal eine dominante Leistung. Es passiert tatsächlich das Gegenteil von dem, was Nagelsmann gefordert hatte: Seine Elf sollte mutig spielen, den Ball halten, Emotionen zeigen. Doch der Spielaufbau ist manchmal planlos, der Ballbesitz hin und wieder behäbig. Stattdessen sind es in der ersten Hälfte die US-Boys, die ihre Gäste tief in die eigene Hälfte drücken und sich eine Halb-Chance nach der anderen erspielen. So sehr, dass Kapitän Kimmich vor der Pause kaum aus dem Kopfschütteln herauskommt.

Mal wieder Sané-Debatten

Sinnbildlich für diese schwache Phase steht jemand, über den beim DFB-Team nun schon oft gesprochen wurde: Leroy Sané. Nagelsmann kündigte schon bei der Kaderbekanntgabe an, den Rechtsaußen so lange kitzeln zu wollen, bis er eine erfolgreiche WM spielt. Nach der schweren Verletzung von Lennart Karl sind die Blicke einmal mehr auf den 30-Jährigen gerichtet. Schließlich lieferten sich beide ein Duell um den Startplatz, das Sané nun aus bitteren Gründen gewonnen hat.

Wer das nicht gut findet, den beliefert Sané gegen die USA fast eine Stunde lang zuverlässig mit Argumenten. Hier verspringt ihm ein Ball, da geht eine Flanke ins Nichts. Einmal verliert er den Ball in der gegnerischen Hälfte, sprintet dem Ex-Dortmunder Christian Pulisic im Anschluss hinterher, versucht ihn sogar, mit einer Grätsche zu stoppen - bleibt dann aber stehen, obwohl der Konter weiterläuft. In der 54. Minute setzt er einen Freistoß aus 22 Metern so weit über das US-Tor, dass er auch als Field Goal in der NFL durchgehen könnte.

Was man Sané aber nicht absprechen kann, ist der Einsatzwille: Der Flügelstürmer probiert viele Dinge unermüdlich. Er arbeitet fleißig zurück, bietet sich an, fordert den Ball, startet Läufe in die Tiefe. Und am Ende belohnt er sich sogar: Nach einer Kombination von Havertz und Jamal Musiala landet der Ball bei Sané und der zieht in der 57. Minute von der Strafraumkante ab.

USA - Deutschland 1:2 (1:1)

Tore: 0:1 Havertz (2.), 1:1 A. Robinson (37.), 1:2 Sane (57.)

USA: Freese - Freeman (72. Scally), Miles Robinson (62. McKenzie), Ream (72. Arfsten) - Dest (72. Weah), McKennie (62. Berhalter), Adams (72. Roldan), Antonee Robinson (63. Trusty) - Tillman (72. Aaronson), Pulisic (63. Reyna) - Balogun (72. Pepi); - Trainer: Pochettino

Deutschland: Baumann - Kimmich (61. Anton), Tah, Schlotterbeck, Brown (61. Raum) - Pavlovic (80. Stiller), Nmecha (80. Goretzka) - Sane (72. Leweling), Musiala (80. Amiri), Wirtz (80. Beier) - Havertz (61. Undav); - Trainer: Nagelsmann

Schiedsrichter: Piero Maza (Chile)

Gelbe Karten: Weah - Schlotterbeck, Raum, Beier

Zuschauer: 63.636 in Chicago/Soldier Field (ausverkauft)

Es ist auffällig, wie sehr die Mannschaft den Treffer mit ihm bejubelt. Von einer Erlösung will Sané aber nichts wissen. "Persönlich ist es mir egal. Mir ist wichtiger, dass wir an einem Strang ziehen und die Spiele positiv angehen", sagt er bei RTL. Es ist eine alte Leier, das befindet auch Nagelsmann nach Abpfiff. "Ich glaube, das hat jeder schon gesagt, Lothar Matthäus schon 200-mal, ich schon 300-mal: dass der alles mitbringt, was ein Top-Fußballer braucht. Er soll sich einfach von der Leine lassen, dann kann er viel Freude bereiten."

Und doch steht diese Personalie stellvertretend für das gesamte DFB-Team. Denn die Zahlen lassen eigentlich keinen Zweifel an Sané zu: In seinen vergangenen sechs DFB-Spielen traf er selbst dreimal und steuerte drei Vorlagen bei. Restlos überzeugt hat er trotzdem nicht. Wie das DFB-Team: Die Nagelsmannschaft steht nun bei neun Siegen in Folge, noch nie ging eine deutsche Nationalelf mit mehr Erfolgen in eine WM. Doch einige Zweifel bleiben auch nach dem Sieg gegen die USA.

Quelle: ntv.de

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