Nein, Joshua Kimmich ist wahrlich keine tragische Gestalt: Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gewinnt mit dem FC Bayern München Titel um Titel, verdient seit vielen Jahren Millionen um Millionen um Millionen und ist mit zahlreichen gesunden Kindern gesegnet. Er ist kein Pechvogel, denn natürlich gibt es - das gilt auch nach einer bitteren Niederlage auf der größten Bühne - wichtigere Dinge im Leben als Fußball. Und doch kann man mit Joshua Kimmich nach der frustrierenden, sicher monatelang nachhallenden jüngsten Pleite des DFB-Teams besonders mitleiden.
Den 31-Jährigen nimmt das 4:5 nach Elfmeterschießen gegen den krassen Außenseiter Paraguay, das das haarsträubende Aus im WM-Sechzehntelfinale bedeutet, besonders mit. Kimmich ist einer, wenn nicht der beste deutsche Spieler seiner Zeit. Und zum dritten Mal muss er von einer WM abreisen im Wissen, dass es keine Enttäuschung war, die man produziert hat, sondern ein Desaster. Umso bemerkenswerter, welch große Worte der Kapitän im tiefsten Schmerz findet.
"Nationalmannschaft ist es leider nicht"
"Ich kenne Deutschland als Kind vor dem Fernseher, da war immer Halbfinale, Finale. Natürlich will man das auch den Kindern und den Menschen und der jetzigen Generation geben. Fakt ist, dass wir das all den Menschen zu Hause nicht geben konnten", hob der sichtbar mitgenommene Kimmich nach dem Spiel an. "Das ist sehr, sehr schade. Gerade in einer Zeit, wo es uns, glaube ich, extrem guttun würde in Deutschland, wenn wir was haben, worauf man stolz sein kann. Die Nationalmannschaft ist es leider gerade nich und dafür tragen wir alle Verantwortung." Es ehrt ihn, dass er die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Nationalmannschaft fühlt und sich die ganz große Last auf die Schultern laden möchte.
Kimmich, ist- und das ist als Kompliment gemeint - eine Nervensäge, die stets höchste Ansprüche an sich selbst und sein Umfeld anlegt. Kimmichs Ehrgeiz auf dem Feld lässt ihm bisweilen das Gesicht wütend zur Faust ballen. Er ist jedoch mehr. Er ist einer, der sich nicht wegduckt. Auch in den dunklen Stunden. Kimmich denkt gar nicht daran, den Fokus von der Mannschaft wegzunehmen. "Dafür müssen wir auch Verantwortung übernehmen, da darf sich jetzt auch keiner rausnehmen, sondern dafür müssen wir gerade stehen, weil wir Spieler, die auf dem Platz standen, haben das verbockt. Das war nicht der Trainer, nicht die Medien, nicht der Schiedsrichter, auch nicht der Gegner, sondern das waren einzig und allein wir."
"Konnten schwachen Gegner nicht schlagen"
Wie alle anderen schaffte es auch Kimmich bei diesem Turnier nicht, sich verlässlich auf sein höchstes Niveau zu hieven. "Schwierig, das zum Ausdruck zu bringen, was gerade in mir vorgeht. Klar ist, dass wir wieder früh ausgeschieden sind, weil wir hier einen schwachen Gegner nicht schlagen konnten", sagte er und hatte damit recht. Doch anders als Bundestrainer Julian Nagelsmann erlag sein Kapitän nicht der Versuchung, das wohl zu Unrecht aberkannte Führungstor in der Verlängerung, das angesichts der offensiven Schwäche Paraguays recht sicher zum Weiterkommen gereicht hätte, als Grund heranzuführen.
VAR bringt Deutschland um mögliches Siegtor

Mit der Nationalmannschaft hat noch kein Spieler der aktuellen Generation echte Sternstunden erlebt: Das unglückliche Viertelfinal-Aus gegen den späteren Europameister Spanien bei der Heim-EM 2024 wurde im Rückblick deutlich zu positiv einsortiert. Die Dolchstoßlegende, wonach der schurkige spanische Lockenkopf Marc Cucurella das deutsche Team um den verdienten Lohn gebracht habe, sorgte bei den deutschen Fans für einen wohligen Blick auf das Turnier. Bundestrainer Julian Nagelsmann ließ sich sogar zur flapsigen Ansage verleiten, dass man nun ja leider "zwei Jahre warten muss, um Weltmeister zu werden".
Doch es kam alles anders. Kaum besser, als es all die Jahre zuvor gekommen war. Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland und 2022, Achtelfinal-Aus bei der EM 2021. Kimmich, der ein paar Jahre zu jung war, um 2014 noch den letzten strahlenden Moment der deutschen Nationalmannschaft auf dem Platz zu erleben, stand in jeder dunklen Stunde mit in der Verantwortung.
"Werde niemals aufgeben"
Obwohl er einer der wenigen Deutschen ist, die über Jahre in der Kategorie Weltklasse verortet werden konnten. Immer wieder musste Kimmich spielen, wo man ihn hinstellte: Rechtsverteidiger oder Mittelfeldzentrale. Nicht da, wo es ihm am meisten taugte, sondern da, wo es gerade am heftigsten brannte. Richtig glücklich wirkte er rechts hinten, wo er die meiste Zeit der WM verbingen musste, nie.
Die Ära Kimmich, die nun schon 114 Länderspiele umspannt, ist eine der enttäuschendsten in der Geschichte des DFB. Ein K.o.-Spiel bei einer WM hat seine Generation noch nie gewonnen. Umso bemerkenswerter ist es, dass Kimmich, dieser Ehrgeizigste unter den Hochbegabten, in der tiefsten Enttäuschung solch beinahe staatsmännische Worte findet.
Die deutsche Nationalmannschaft steht vor einem Umbruch, Bundestrainer Nagelsmann dürfte kaum zu halten sein und es werden sich wohl auch Spieler aus Kimmichs Generation der Hochbegabten, aber schwer Geschlagenen zurücktreten. Der Anführer aber will davon auch nach dem nächsten Niederschlag nichts wissen: "Ich werde immer die Power haben für einen neuen Anlauf. Was ich niemals tun werde ist: Aufgeben", sagte er zum Abschied von diesem Turnier.



