Amiri hat's "wehgetan"

DFB-Star erlebt den besten Abstieg aller Zeiten

us-passbildVon Sebastian Schneider, Winston-Salem
Fussball-FIFA-WM-2026-Vorrunde-Gruppe-E-in-Toronto-Deutschland-Elfenbeinkueste-20-06
Amiri sorgt für die Wende beim DFB. (Foto: picture alliance / Pressefoto Ulmer)
00:00 / 07:21
24.06.2026 | 14:45 Uhr
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft dreht ihr zweites Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste. Im Fokus steht ein DFB-Akteur, den ein komplizierter Weg zur WM geführt hat. Selbst Nadiem Amiri hat nicht mehr dran geglaubt.

Nadiem Amiri wusste genau, was passieren würde. Fast eine Stunde lang sieht er das zweite WM-Gruppenspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste von der Auswechselbank aus. Er beobachtet, wie seine DFB-Kollegen mit 0:1 in Rückstand geraten, wie sie sich die Zähne ausbeißen. Ihm fällt aber etwas auf: Die Flanken aus der Mitte des Feldes, die stellen die Defensive der Afrikaner vor Probleme.

Nach seiner Einwechslung dauert es nur 104 Sekunden: Der Ball läuft durch die Abwehrreihe des DFB-Teams. Amiri steht in der Hälfte der Elfenbeinküste, auf Höhe des Mittelkreises, auf der rechten Seite. Er schaut über seine linke Schulter: kein Gegenspieler. Amiri setzt sich in den freien Raum ab. Der ebenfalls eingewechselte Deniz Undav sieht das, lässt den Ball zu ihm klatschen.

Dann fügt sich das Schicksal: Amiri läuft mit dem Ball ein paar Meter tiefer in die Hälfte der Elfenbeinküste, wird nicht angegriffen. Er schlägt seine schon zweite Flanke nach der Einwechslung. "Als der Ball den Fuß verlassen hat, wusste ich: Der ist drin", sagt er später. Tatsache: Der Ball fliegt durch die Luft und landet auf dem Schuh von Undav - und von dort im Tor der Elfenbeinküste. Der Torschütze jubelt, Amiri auch. 

Ein "Wahnsinnsmoment" in Toronto

Es ist die Krönung eines ohnehin schon besonderen Spiels an einem besonderen Ort für ihn. Nicht nur, weil es mit immerhin schon 29 Jahren sein Debüt bei einer Weltmeisterschaft ist. Auch nicht, weil es seine erste Torvorlage für die Nationalelf ist. Und nicht, weil die Mannschaft von Julian Nagelsmann den Rückstand dreht und am Ende mit 2:1 gewinnt. Sondern, weil das alles vor zweieinhalb Jahren völlig unwahrscheinlich schien.

Damals spielt Amiri bei Bayer Leverkusen. Heute klingt das wie etwas Beneidenswertes. Schließlich ist es das Team, das unter Xabi Alonso die allmächtigen Bayern verzweifeln lässt und den ewigen Bann der Werkself bricht. Sie werden später Deutscher Meister. Doch Amiri hat ein Problem: In der Hinrunde 2023/24 steht er nur 146 Minuten auf dem Platz, also gerade einmal etwas mehr als anderthalb Partien. An die WM ist damals nicht zu denken.

Erster Streich: Edel-Joker Undav lässt Toronto beben

Video poster

Zwei Tage nach seinem WM-Traumdebüt sitzt Amiri im Pressevorlesesaal des DFB im Quartier in Winston-Salem. Dort, wo normalerweise Dozenten Wirtschaftswissenschaften lehren, philosophiert der Fußballer über diese Phase. In Leverkusen hatte er eine "schwierige Zeit", erzählt Amiri. Von der Nationalelf war er Welten entfernt, das nur aus der Ferne sehen zu können, habe ab und zu auch "wehgetan", sagt er. 

Es gibt Fußballer, die wären an so einer Phase zerbrochen. Seine Familie hat Amiri in dieser Phase Halt gegeben. "Mein Papa hat mich schon immer extrem unterstützt", erzählt er heute. Er könne da gar nicht so viele Worte zu ihm finden, um dann doch zu sagen: "Ich könnte stundenlang darüber sprechen, wie dankbar ich bin." In schwierigen Momenten habe er gelernt, dass es nur die Familie sei, die immer da ist. Deshalb sei die Talfahrt zu diesem Zeitpunkt auch mal gut für ihn gewesen.

Fussball-Herren-FIFA-World-Cup-2026-Spiel-in-Toronto-Gruppe-E-2-Spieltag-Deutschland-Elfenbeinkueste-2-1-Nadiem-Amiri-M-Deutschland-im-Kreis-seiner-Freunde-nach-Abpfiff-20-06
Einmal lächeln fürs Gruppenfoto. (Foto: picture alliance / Matthias Koch)

Es ist der Grund, weshalb ihm der große Moment in Toronto nicht alleine gehört. Amiri darf ihn sich mit seinem Team, den Tausenden deutschen Fans und mit 25 anderen für ihn ganz besonderen Menschen im Stadion teilen. Nach der Torvorlage für Undav und seinem eigenen Jubel schaut Amiri auf die Tribüne. Dort sitzen 25 Menschen, für die er Tickets besorgen musste. Der mütterliche Teil seiner Familie lebt in Toronto, 20 von ihnen haben ihn noch nie im Stadion Fußballspielen gesehen. Amiri blickt hoch, was er sieht, bezeichnet er später als einen "Wahnsinnsmoment": "Die jubeln ja, als hätten sie selbst die Vorlage gemacht."

Nach dem Abpfiff ereignet sich dann auch noch eine besondere Szene. Ein Bild aus dem Stadion macht die Runde: Es zeigt Amiri auf der Tribüne zwischen ganz vielen Menschen, die dasselbe Trikot wie er tragen. Sie machen ein Mannschaftsfoto. Wer den Weg Amiris zu dieser Weltmeisterschaft kennt, fragt sich: Wer weiß, ob er ohne diese Menschen überhaupt diese Flanke hätte schlagen können. Ob er es ohne seine Familie zur Weltmeisterschaft geschafft hätte? "Jeder Moment, den ich auf dem Platz auch habe, ist auch irgendwie für die", sagt er.

Richtiger Instinkt - überall

Dort ist Amiri das, was man einen Instinktfußballer nennt. Jemand, der aus dem Bauch heraus die richtigen Entscheidungen trifft. Fragt man ihn, wo er wann auf dem Feld sein muss, kann er es selbst nicht so richtig beantworten. "Schwierige Frage. Es ist einfach das Gefühl auf dem Platz, das Momentum." Er beobachte seine Mitspieler, wenn sie nach vorne rennen, bleibt er hinten. Wenn er spürt, es ergeben sich Lücken, dann füllt er sie aus.

Deutschland ringt giftige USA in Chicago nieder

Video poster

Auch neben dem Platz vertraut er seinen Instinkten. Dort trifft er im Winter 2024 eine Entscheidung, die nicht viele getroffen hätten. Er wagt den Karriererückschritt. Von Leverkusen, vom makellosen Tabellenführer, geht der hochehrgeizige Edelkicker zu Mainz 05. Die Rheinhessen stehen damals nach 19 teils grausamen Spieltagen mit lediglich elf Punkten auf dem vorletzten Platz.

Aus dem Kreise des Tabellenführers, in dem mit Xabi Alonso einer der größten Stars des Fußballs Großes wirkt, direkt in die bittere, graue Realität des Abstiegskampfes. Dramatischer kann ein Abstieg innerhalb einer Liga, innerhalb einer Gefühlswelt kaum sein. Doch Amiri packt es an - und lässt sich voll auf die neue Aufgabe ein.

Angeführt von Amiri schafft Mainz 05 die Wende, am Ende rettet sich das Team, in dem Amiri rasend schnell zum Anführer aufsteigt - und zum Publikumsliebling. Die Menschen nehmen es dem Mittelfeldspieler mit dem feinen Fuß, qua Vita eigentlich überqualifiziert für die Situation am Bruchweg, von der ersten Sekunde ab, dass er seinen gewichtigen Teil zum Gelingen der Mission beitragen will. Dabei wollte es Amiri eigentlich dabei bewenden lassen: "Ich habe gedacht, dass ich in Mainz ein geiles halbes Jahr spielen und dann wieder wechseln werde. Als Sprungbrett sozusagen", berichtete er jüngst in einer ARD-Doku freimütig.

Doch es kommt anders: Anstatt schnell wieder vom Hof zu reiten, führt der inzwischen in den Kreis des DFB-Teams zurückgekehrte Amiri Mainz 05 in die Conference, in der vergangenen Saison gelingt wieder der Klassenerhalt. Seinen Vertrag am Rhein hat der Nationalspieler inzwischen bis 2028 verlängert. Er fühle sich mit seiner kleinen Familie wohl in der Stadt und im Verein, sagt Amiri. Ob er nach der WM noch eine weitere Saison für Mainz 05 spielen wird, wird mit jedem Auftritt auf der größten Bühne der Fußballwelt unsicherer. Sein mutiger persönlicher Abstieg führte ihn inzwischen in Welten, die zuvor verschlossen schienen. Der Wechsel nach Mainz? Der beste Schritt seines Lebens, sagt er.

Verwendete Quelle: ntv.de