Sportlich hatte Felix Nmecha allen Grund zur Freude. Beim 7:1 gegen Curaçao erzielte der 25-Jährige sein erstes Tor für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und trug maßgeblich zum gelungenen WM-Start bei. Doch noch mehr Aufmerksamkeit als sein Treffer erhielten die Bilder rund um sein öffentliches Glaubensbekenntnis. Nach dem Spielende bildete er gemeinsam mit Nationalmannschaftskollegen Jonathan Tah und mehreren Spielern Curaçaos einen Gebetskreis auf dem Rasen.
"Wir wollten zeigen, dass wir Brüder in Christus sind und es im Leben mehr gibt als Fußball", sagte der Dortmunder. Auf dem Platz sei man Gegner, danach aber "Familie in Christus". Auch Jonathan Tah stellte sich hinter die Aktion. Es gehe um Werte wie Liebe, Nächstenliebe, Frieden und Dankbarkeit, sagte der Nationalspieler bei MagentaTV. Solche Gebete wolle man auch künftig fortführen.
Etwas untergegangen ist auch der Torjubel Nmechas. Der 25-Jährige kniete zunächst auf dem Rasen und zeigte mit dem Finger Richtung Himmel. Anschließend führte er eine Geste aus, die in christlichen Fußballnetzwerken als "The King's Return" bekannt ist: Er nahm symbolisch eine imaginäre Krone von seinem Kopf und legte sie vor sich auf den Boden.
Die Bedeutung hinter dem Torjubel
Die Botschaft dahinter lautet: Erfolg und Ruhm sollen nicht dem Sportler selbst gehören, sondern Gott. Die Geste ist offenbar eine Anlehnung an eine Passage aus der Offenbarung des Johannes, in der Älteste ihre Kronen vor Gottes Thron niederlegen.
Zudem zeigte Nmecha auch Elemente des sogenannten "Jesus my Goal"-Jubels. Die Choreografie besteht aus vier Handbewegungen, die christliche Glaubensinhalte symbolisieren sollen: Jesus kam auf die Welt, starb aus Liebe für die Menschen, ermöglicht den Glauben und verspricht nach christlichem Verständnis ewiges Leben. Für Außenstehende wirken die Gesten oft wie individuelle Glaubensbekundungen. Tatsächlich werden sie jedoch gezielt von christlichen Fußballinitiativen verbreitet.
Nmecha: "Wollten zeigen, dass es mehr als Fußball gibt"

Wer Felix Nmecha verfolgt, weiß, dass öffentliche Glaubensbekundungen für ihn nichts Neues sind. Der Nationalspieler spricht regelmäßig öffentlich über seinen Glauben und bezeichnet Jesus Christus als zentrale Orientierung in seinem Leben. Für seine Aktionen in Houston bekam er Applaus vor allem aus der rechtskonservativen politischen Ecke.
Für Diskussionen sorgt dabei nicht Nmechas Glaube an sich. Bereits im Sommer 2023, rund um seinen Wechsel von Wolfsburg zu Borussia Dortmund, wurden Social-Media-Aktivitäten des Nationalspielers intensiv diskutiert. Dazu zählte auch ein geteilter Instagram-Beitrag, in dem die Pride-Bewegung mit dem Teufel in Verbindung gebracht wurde. Insbesondere unter BVB-Fans sorgte dies für Kritik.
Später sorgten weitere Social-Beiträge für Debatten. Im vergangenen Jahr war Nmecha in einem Video zu sehen, in dem das Buch "Understanding the Purpose and Power of Women" des Predigers Myles Munroe auf seinem Tisch lag. Munroe hatte Frauen als von Männern zu formendes "Rohmaterial" beschrieben und die LGBTQ-Bewegung scharf kritisiert. Aufmerksamkeit erhielt zudem ein Instagram-Beitrag nach der Tötung des US-Aktivisten Charlie Kirk. Nmecha sprach der Familie sein Mitgefühl aus und würdigte Kirk als jemanden, der friedlich für seine Überzeugungen und Werte eingestanden habe.
Nmecha selbst weist Vorwürfe zurück, Gedankengut zu teilen, das homophob oder transfeindlich ist. Er reagierte auf solche Anschuldigungen mit einem Instagram-Post, wie tagesschau.de berichtete: Darin schrieb er, dass Gottes Liebe für alle sei. Dennoch begleiten die Debatten seine Karriere seit Jahren und führen regelmäßig zu Diskussionen darüber, welche gesellschaftlichen Vorstellungen in Teilen evangelikaler Netzwerke vertreten werden.
"Ballers in God" und "Fußball mit Vision"
Eine zentrale Rolle in Nmechas Glaubensumfeld spielt die Plattform "Ballers in God". Der Nationalspieler gehört zu den bekanntesten Gesichtern des Netzwerks im deutschen Fußball und tritt regelmäßig in dessen Videos und Beiträgen auf. Nmecha ist dort aber nicht allein, auch DFB-Profis wie Chris Führich und Giovanna Hoffmann tauchen in diesem Kontext auf.
Die Organisation wurde 2015 vom ehemaligen englischen Profi John Bostock gegründet und versteht sich als christliche Gemeinschaft für Fußballer. Über soziale Medien verbreitet sie Glaubenszeugnisse und Botschaften aktiver sowie ehemaliger Profis und erreicht damit mehr als 750.000 Follower auf Instagram sowie rund 140.000 auf Tiktok.
Nach dem Sieg gegen Curaçao veröffentlichte "Ballers in God" mehrere Videos und Fotos von Nmecha. Darunter auch Aufnahmen des Gebetskreises auf dem Rasen. Auch die Initiative "Jesus my Goal", deren Torjubel Nmecha zeigt, stammt aus diesem Umfeld. Auf den Plattformen der Organisation wird ausdrücklich dazu aufgerufen, christliche Botschaften über den Fußball sichtbar zu machen.
Evangelikale Netzwerke im Fußball
Experten sagen dem Netzwerk "Ballers in God" auch Verbindungen zu evangelikalen Kirchen in den USA nach. Tagesschau.de berichtete etwa über Kontakte zur Bethel Church und zu deren früherem Prediger Ben Fitzgerald, der mit seiner Organisation "Awakening Europe" eine missionarische Bewegung in Europa vorantreibt. Die Religionssoziologin Maren Freudenberg erklärte dem Medium, dass Fitzgerald nicht irgendeine Religion vertrete. Es gehe ihm um eine konservativ christliche Auslegung von Religiosität - mit Positionen gegen Abtreibung, Homosexualität und Transidentität.
In diese Gemengelage fallen die Bilder des Torjubels von Nmecha. Für ihn stehen sie für Dankbarkeit und den Wunsch, seinen Glauben offen zu leben. Gleichzeitig machen sie sichtbar, wie professionell organisierte christliche Netzwerke den Profifußball inzwischen nutzen, um ihre Botschaften einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Die Reichweite einer Weltmeisterschaft bietet die größtmögliche Bühne im Weltfußball.
Die Debatte um Felix Nmecha bewegt sich deshalb seit Jahren zwischen zwei Polen: Für die einen ist er ein Nationalspieler, der offen zu seinem Glauben steht. Für die anderen ist er Teil eines religiösen Netzwerks, dessen gesellschaftliche und politische Einflüsse genauer betrachtet werden sollten.


