"Fußball und Diskussionen"Nmecha und seine umstrittenen Glaubensbekundungen
Interview: Torsten Landsberg
Der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha betet mit Gegenspielern - ein eigentlich schönes Bild, doch der Star ist Teil einer erzkonservativen Vereinigung mit homophobem und reaktionärem Weltbild. Diese Bewegung wächst rasant, sagt der Fußball-Autor Ronny Blaschke.
ntv.de: Herr Blaschke, viele Fußballer beten vor oder nach Spielen. Felix Nmecha hat es beim WM-Auftakt mit Gegenspielern getan und danach in Interviews Jesus gehuldigt. Ein nettes Bild, aber er ist Teil der evangelikalen Community "Ballers in God", die Fußballer als moderne Missionare einsetzt. Inwiefern verändert das die Betrachtung?
Ronny Blaschke: Es ist auf jeden Fall sehr kompliziert, weil die Religionsfreiheit - sowohl in den USA, dem Spielort, als auch in Deutschland - sehr weit reicht. Eine Geste des Betens auf dem Rasen oder nach dem Torjubel kann man befremdlich finden, ist aber juristisch und demokratisch gedeckt. Es wird schwierig, wenn man den größeren Kontext heranzieht.
Nmecha hat in der Vergangenheit homo- und transphobe Inhalte geteilt, er trauerte auch um den radikal-konservativen und homophoben MAGA-Vertreter Charlie Kirk. Fans haben ihn dafür in den sozialen Medien kritisiert, seine Vereine und der DFB führten darüber mit ihm Gespräche.
Die Bewegung "Ballers in God", in der er sich engagiert, wächst rasant und hat immer wieder queerfeindliche Inhalte verbreitet. Natürlich ist es das Ziel dieser Community, ansprechende und vermeintlich sympathische Aushängeschilder wie Nmecha zu schaffen. Ob er jetzt ein geschlossen-homophobes Weltbild hat? Er hat Sachen repostet, die die Pride-Bewegung mit dem Teufel in Verbindung setzen und trat in Videos und dem Podcast von "Ballers in God" auf. Da muss man schon einbeziehen, wofür die stehen und mit welchen Leuten sie zusammenarbeiten.
Der DFB hat Initiativen gegen Homophobie und Diskriminierung gestartet und präsentiert sich gerne divers. Das passt mit reaktionären Positionen nicht so gut zusammen.
Nein, es widerstrebt der Positionierung des DFB, die auf Vielfalt aus ist, auf das Bunte, zumindest auf der symbolischen Ebene. Katar ist das perfekte Beispiel dafür, dass der DFB nie eine konsequente und schlüssige Haltung gefunden hat. Nach dem Verbot der Regenbogen-Binde und der Mund-zu-Geste vor dem ersten Spiel, wurde das im Nahen Osten als islamfeindlich, arrogant und neokolonial ausgelegt. Dieses Trauma sitzt so tief beim DFB, dass jetzt eher die klassische Krisenkommunikation wirkt: Die denken inzwischen wie ein Konzern, der sich ständig in der Krise befindet und deswegen gar nichts sagt. Der DFB und die Fußballklubs bewerten Aktionen, auch politische Kampagnen, immer danach, was sie in die Öffentlichkeit ausstrahlen. Es geht weniger um das Interesse, die Gesellschaft wirklich liberaler oder besser zu machen, sondern um gute PR.
Während der Katar-WM 2022 gab es Diskussionen, ob die deutsche Mannschaft sich politisch positionieren sollte. Später hieß es, das habe die Leistung des Teams beeinträchtigt. Ist da was dran oder war das eine willkommene Begründung, um kritische Themen künftig zu ersticken?
Vor der WM in Katar war die Stimmung eine andere. Damals haben sich noch mehr Menschen politischere, gesellschaftlich bewusstere Fußballer gewünscht. Heute haben wir unterschiedliche Kontroversen, Kriege, eine starke AfD. Wir erleben in so vielen Themen eine Polarisierung. Eine Wirtschaftsindustrie wie der Fußball hat natürlich Sorge, dass Kontroversen das Geschäft kaputt machen. Der DFB möchte kritische Debatten gar nicht aufkommen lassen. Die WM in den USA ist ein Wachstumsmarkt, die FIFA erwartet elf Milliarden Dollar Umsatz. Die Bundesliga-Klubs erhoffen sich in den USA Wachstum, Wachstum, Wachstum. Deswegen ist jede politische, religiöse Thematik lästig, der DFB steht nicht nur für Fußball, sondern auch für seine Sponsoren, die sich gute Geschäfte versprechen. Es verdienen einfach zu viele mit. Für die WM 2034 kann man in Saudi-Arabien elf schöne neue Stadien bauen. Da kann auch die deutsche Industrie sehr, sehr viel verdienen.
In Fußballforen wurden User, die nach dem deutschen WM-Auftakt Nmechas Ansichten kritisierten, von anderen schnell abgewürgt. Heißt das, wenn uns jemand zum WM-Titel schießt, sind seine Ansichten egal?
Dieses Thema ist zu komplex für etwas so vermeintlich Einfaches wie Fußball. Da geht es um Sieger und Verlierer, um Flagge und Hymne, nicht um komplizierte religiöse oder ethnische Belange eines Teams. Es war im Fußball immer so: Wenn es sehr gut läuft - 7:1, sowas hat man lange nicht erlebt -, freut sich die Publikumsmehrheit und möchte sich das in dieser komplizierten Weltlage nicht kaputt reden lassen. Und wenn unsere Spieler mit den Gegnern beten, kann man erstmal nichts dagegen haben, das zeugt im ersten Eindruck von Nächstenliebe. Es braucht relativ viel Zeit, um zu erklären, was dahinter steckt. Das Wissen fehlt in der großen Mehrheit der Gesellschaft. Der Fußball in seiner Gruppenpsychologie, in seiner Schreckhaftigkeit und Emotionalität ist einfach nicht geschaffen für komplizierte Diskussionen.
Die Spieler sind heute eigene Marken und haben über die sozialen Netzwerke eine riesige Reichweite. Kann ein Fußballer noch von der Privatperson getrennt werden?
Konnte er noch nie, würde ich sagen. Fußballer auf dem Niveau geben zu einem Großteil das Private auf, umso mehr, wenn sie den Fußball verlassen und sich zu anderen Themen äußern. Heute gehen Spieler mit der Bibel in die Kabine und haben nicht mal den Eindruck, dass das irgendwie befremdlich wirken könnte. Nmecha wirkt selbstbewusst und will damit auch nach außen gehen. Je erfolgreicher er ist, desto mehr Kinder und Jugendliche erreicht er. Die interessieren sich vielleicht im nächsten Schritt für "Ballers in God" und sehen nicht das Kritische dahinter. Damit kann man Menschen eben zu diesen queerfeindlichen Strömungen führen.
Man hört immer wieder die Forderung von Fans und Verbänden, dass Sport und Politik getrennt werden sollten. Doping, Rassismus, Menschenrechte - es gibt vor den Turnieren Dokus und kritische Töne. Seit WM-Beginn sind die eher verklungen?
Die kritischen Dokumentationen gibt es nur bis zur WM. Mit dem Anpfiff ist es vorbei, jetzt gucken wir: Warum ist Ronaldo so schlecht, wie hält Manuel Neuer, wie kann Messi noch drei Tore schießen? Diese Themen werden leidenschaftlicher diskutiert als vorher die Menschenrechtspolitik. Der Anteil von kritischen Medien wird kleiner im Vergleich zu der großen PR-Bühne. Magenta, ARD und ZDF geben viel Geld aus, um von der WM berichten zu dürfen. Das erste Deutschlandspiel haben allein in der ARD 24 Millionen Menschen geschaut, die Panini-Sticker sind ausverkauft, die Sponsoren bringen immer mehr Geld an. Diese vermeintlich unpolitische Industrie Fußball funktioniert zu gut, um politischen Themen lange Beachtung zu schenken.
Ronny Blaschke ist Autor mehrerer Bücher über politische Themen im Fußball. Zuletzt erschien von ihm "Spielfeld der Herrenmenschen - Kolonialismus und Rassismus im Fußball". Das Gespräch führte Torsten Landsberg.